Mit diesem Beitrag schliesst die birsfälder.li-Serie zu Manès Sperber.
Sein Leben ist eine einzigartige Saga:
Aufgewachsen in einem zutiefst religiös geprägten jüdischen Schtetl im Osten des Habsburgerreichs verschlägt es den Jungen und seine Familie als Folge der Wirren im ersten Weltkrieg nach Wien und in die Armut. Dort empfängt die nimmersatte Leseratte weitere prägende Impulse: die Konfrontation mit dem Elend der Arbeiterklasse, die Bekanntschaft mit dem Freud-Schüler Alfred Adler und der zionistischen Haschomer Hazair-Bewegung.
Sperber vertieft sich noch als Halbwüchsiger in das psychologische Werk Adlers und wird von diesem schliesslich nach Berlin geschickt. Das religiös geprägte Judentum hat er inzwischen über Bord geworfen, geblieben ist ihm die tiefe Sehnsucht nach einer neuen und gerechten Welt, — und er lässt sich von den marxistischen Schalmeienklängen betören. Knapp entgeht er dem Schicksal so vieler anderer deutscher Marxisten, die von den Nazis in Konzentrationslager gesteckt oder direkt umgebracht werden, und flüchtet über Jugoslawien nach Frankreich. Nach den stalinistischen Schauprozessen bricht er zutiefst enttäuscht mit den kommunistischen, von den Bolschewiki usurpierten Ideen.
In Paris findet er zwar eine neue Bleibe, doch nach der deutschen Invasion muss er nach einem kurzen militärischen Intermezzo nach Südfrankreich fliehen und findet schliesslich bis zum Kriegsende Zuflucht in der Schweiz.
Paris wird ihm nach dem Krieg dank vieler intellektueller Freundschaften zu seiner neuen Heimat. Seine eigentliche schriftstellerische Karriere beginnt, die ihn international bekannt und berühmt macht, und er setzt sich erneut mit seinem kulturellen und religiösen jüdischen Erbe auseinander.
Was macht die Persönlichkeit Manès Sperber so eindrücklich?
Es ist sein unermüdlicher Kampf für eine bessere und gerechtere Welt, seine intellektuelle Redlichkeit, seine bis ins hohe Alter erhaltene Neugier und Offenheit, seine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Judentum.
In der Schweiz hat sich vor allem Rudolf Isler verdient gemacht, das Andenken an Manès Sperber lebendig zu erhalten, in Deutschland Hans Rudolf Schiesser mit seinem Manès Sperber-Archiv in Berlin. Ihnen gilt mein Dank.
_______________________
Hier noch ein Hinweis auf weitere Kämpferinnen und Kämpfer für eine gerechtere und bessere Welt, denen im birsfälder.li je eine kleine Hommage gewidmet ist: der Basler Anarchist Heiner Koechlin, die französische Philosophin Simone Weil, der Zürcher Arzt Fritz Brupbacher und der Bündner/Basler/Zürcher Theologe Leonhard Ragaz.
Nächste Woche beginnt eine Serie mit einem anderen unermüdlichen Kämpfer für eine neue, bessere Welt, allerdings auf einer völlig anderen Ebene und mit anderen Mitteln. Mehr dazu am kommenden Samstag, den 27. Juni.
An anderen Serien interessiert?
Wilhelm Tell / Ignaz Troxler / Heiner Koechlin / Simone Weil / Gustav Meyrink / Narrengeschichten / Bede Griffiths / Graf Cagliostro /Salina Raurica / Die Weltwoche und Donald Trump / Die Weltwoche und der Klimawandel / Die Weltwoche und der liebe Gott /Lebendige Birs / Aus meiner Fotoküche / Die Schweiz in Europa /Die Reichsidee /Vogesen / Aus meiner Bücherkiste / Ralph Waldo Emerson / Fritz Brupbacher / A Basic Call to Consciousness / Leonhard Ragaz / Christentum und Gnosis / Helvetia — quo vadis? / Aldous Huxley / Dle WW und die Katholische Kirche / Trump Dämmerung / Manès Sperber /Reinkarnation / USA — alternative Geschichten

