Um die Jahrhundertwende entwickelte sich in Wien beginnend mit Sigmund Freud und seiner Psychoanalyse eine neue
und revolutionäre Sicht auf den Menschen. Begriffe wie “Es, Ich, Über-Ich” begannen langsam in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu sickern. Die Tatsache, dass wir mit unserem Tagesbewusstsein längst nicht immer “Herr in unserem Hause” sind, und das Brechen des Tabus, mit dem die menschliche Sexualität noch im 19. Jahrhundert belegt war, rief vielerorts Widerstand hervor.
Doch schon bald zeigte sich, dass Freuds Thesen auch in seinem engsten Schülerkreis nicht unbestritten blieben. So entwickelte Wilhelm Reich aufgrund seiner Tätigkeit als Sexualberater
in den Wiener Arbeiterinnen- und Arbeiterkreisen eine neue Auffassung, was unter sexueller Gesundheit zu verstehen sei. Mit seinem Buch “Die Funktion des Orgasmus” und seinen nachfolgenden Werken setzte er sich in Gegensatz zu zentralen Thesen Freuds, was zum Bruch führte.
Ähnlich erging es C.G. Jung, der von Freud bereits als sein Nachfolger ins Auge gefasst wurde. Jungs Interpretation von Träumen, Symbolen, sinnlichen und übersinnlichen Erscheinungen fanden bei Freud kein Echo. Auch hier wurde der Bruch unausweichlich.
Ein weiterer Freud-Schüler, der sich mit seinen Beobachtungen und Ideen von Freud zu entfernen begann und sich schliesslich von ihm trennte, war Alfred Adler,
der Begründer der Individualpsychologie. Und mit Adler kehren wir nun wieder zu Manès Sperber zurück. Er lernte Adler als 16-Jähriger kennen, und Adler wurde schon bald sein wichtigster Mentor. Lassen wir ihn selber erzählen, wie es dazu kam.
Manès hatte während eines Sanatoriumaufenthalts einem Mitleidensgenossen versprochen, eine Vorlesung Adlers an der Volkshochschule zu besuchen:
Um es gleich vorwegzunehmen: Als ich, einer von etwa fünfzig meist jungen Hörern dem Begründer der Individualpsychologie zum erstenmal gegenübersaß, blieb mein Blick nicht lange auf ihm haften; nichts an ihm war auffällig, nichts besonders. Was er sagte, war gescheit, doch kunstlos, um nicht zu sagen gestaltlos formuliert. Oft spürte man, daß, was der Dozent aus dem Stegreif vorbrachte, nicht wirklich improvisiert, sondern wiederholt war, ähnliches hatte er wohl schon oft in früheren Kursen vorgetragen. Er sprach vom Machtstreben, doch darüber hatte Nietzsche vorher — und in welch einer Sprache — geschrieben.
Nein, ich ahnte keineswegs, welche Bedeutung Adler und seine Lehre für mich erlangen sollten, doch kam ich jeden Montagabend wieder. Manchmal nahm ich auch an der Diskussion teil, die den Vorträgen folgte. Es fiel mir nicht schwer, öffentlich aufzutreten, ich war’s ja vom Schomer her gewohnt. Wie viele meinesgleichen stand ich unter dem Einfluß der Psychoanalyse, die ich jedoch nur ganz oberflächlich kannte, und brachte in ihrem Sinn Einwände vor, die zumeist nicht dümmer und gewiß nicht klüger waren als jene, welche die Freudianer seit 60 Jahren erheben. Adler, der mein Wissen wohl überschätzte, antwortete den Diskussionsteilnehmern mit gleichbleibend wohlwollendem Ernst, so daß jeder sich danach für gescheiter und die eigenen Argumente für interessanter halten durfte, als er es vorher zu glauben gewagt hätte.
So fiel mir der Fünfzigjährige durch seine Art zu debattieren auf: er flößte selbst jenen, deren Meinung er widerlegte, Mut zu sich selbst ein und zugleich den Wunsch, dem Vortragenden zuzustimmen, sich ein für allemal auf seine Seite zu stellen. Einige Jahre später ließ Adler in der Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie einen kurzen Text Benjamin Franklins, eine Art Vademekum für Debattierer abdrucken. Uns kamen diese sehr gescheiten und überdies witzigen Ratschläge zugute; Adler bedurfte ihrer nicht, denn er hatte sie angewandt, noch bevor er sie gelesen hatte. Er begann jede Erwiderung damit, daß er dem Vorredner in irgendeinem Punkt recht gab und in einem anderen interessante Hinweise entdeckte, ehe er daranging, ihn mit viel Freundlichkeit zu widerlegen. Oft war der Gegner durch die einleitenden Komplimente so anästhesiert, daß er gar nicht mehr imstande war zu widersprechen. Es gab Hörer, die bei jeder Gelegenheit das Wort ergriffen, junge und alte Käuze, es gab Frauen, deren gepreßte Stimmen eine Schüchternheit verrieten, welche sie daran hinderte, deutlich genug zu sprechen, und es ihnen erschwerte, ihre Ausführungen abzuschließen. Adler verriet nie auch nur die geringste Ungeduld.
Wer über ein Thema referieren wollte, brauchte sich nur zu melden und ein Datum festzulegen. Ich sprach etwa 25 Minuten lang über die Psychologie des Revolutionärs. Was ich im einzelnen dargelegt, kühn behauptet und aggressiv proklamiert haben mag? Gewiß habe ich viel zu schnell gesprochen, die Endsilben hastig verschluckt und manche Sätze bis zur Unkenntlichkeit dadurch entstellt, daß ich sie bis zum Bersten mit Parenthesen anfüllte, die sarkastisch und, viel seltener, selbstironisch wirken sollten. (…)
Gleich nachdem ich geendet hatte, nahm Adler Stellung, ohne wie sonst Wortmeldungen angeregt zu haben. Und entgegen seiner Gewohnheit begann er nicht mit Lobesworten für den Referenten, sondern ging methodisch auf die wichtigsten Punkte des Vortrags ein, freundlich, aber kritisch. Er ließ mancherlei gelten, jedoch fast immer mit Einschränkungen; ich sollte sofort antworten. Wahrscheinlich stimmte ich einigen seiner Einschränkungen zu, doch nicht allen; ich erinnere mich nicht, worin ich ihm am energischsten widersprochen habe, aber ich weiß auch heute, daß diese Auseinandersetzung in mir das Gefühl einer beunruhigenden Freude zurückließ. Sie wurde dadurch verstärkt, daß Adler mir beim Hinausgehen sagte: »Sie haben wie ein Individualpsychologe gesprochen, der noch nicht weiß, daß er einer ist.« Ich durfte ihn ein Stück Weges begleiten; als er mir zum Abschied die Hand reichte, kam ich auf diesen Satz zurück. »Ich bin kein Individualpsychologe, aber vielleicht sollte ich es werden«, sagte ich, wohl mit unsicherer Stimme. Er antwortete: »Gewiß, ich werde Ihnen helfen; wir alle werden Ihnen helfen.«
(aus Sperbers Autobiographie “All das Vergangene”)
Das war der Beginn einer tiefen, freundschaftlichen Beziehung, die erst viele Jahre später endete, als Sperber versuchte, die Individualpsychologie mit der kommunistischen Ideologie zu verbinden.
In der nächsten Folge werfen wir einen Blick auf Leben und Werk Alfred Adlers, und dies wie immer am kommenden Samstag, den 29. März
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H.R. Schiesser (Manès-Sperber-Archiv)
Aug. 23, 2025
Kleine Korrekturen:
“So entwickelte Wilhelm Reich aufgrund seiner Tätigkeit als Sexualberater in den Wiener Arbeiterinnen- und Arbeitkreisen”…
Korrektur 1: Arbeiterinnen- und Arbeiterkreisen.…
3. Zeile des Sperber-Zitats “All das Vergangene”
Korrektur 2: … nichts an ihm war auffällig, nichts (im Text fehlt das ’s’) besonders.….
PS: Ich lese gerade Ihre letzten 20 Folgen am Stück. Kann also sein, dass ich mich nochmals melde.