Manès Sper­ber hielt Wort: Er ver­tief­te sich in das Werk Adlers, und Adler sel­ber erkann­te in dem früh­rei­fen jun­gen Mann offen­sicht­lich eine Art Natur­ta­lent, das er in vie­len Gesprä­chen bis in die Nacht hin­ein zu för­dern such­te. Er erlaub­te ihm sogar, ohne die erfor­der­li­che Cha­rak­ter- und Lehr­ana­ly­se im enge­ren Mit­ar­bei­ter­kreis mit­zu­wir­ken, und Sper­ber  enga­gier­te sich voll und ganz:
Er begann im Zusam­men­hang mit der päd­ago­gi­schen Arbeit der Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie, Kin­dern und Jugend­li­chen Nach­hil­fe­stun­den zu ertei­len. In den Jah­ren nach 1922 konn­te sich Sper­ber so die Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie in einem pro­duk­ti­ven Mit­ein­an­der von Pra­xis und Leh­re zu eigen machen. Bereits 1924 - also als Neun­zehn­jäh­ri­ger! - hielt Sper­ber Ein­füh­rungs­kur­se in die Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie, und Adler über­gab ihm zuse­hends Kin­der und Jugend­li­che mit schwie­ri­gen Pro­ble­men. Für ein aka­de­mi­sches Stu­di­um mit Abschluss fand er kei­ne Zeit. Sper­ber war, wie er selbst schreibt, beses­sen von der Psy­cho­lo­gie. Alles ande­re begann in den Hin­ter­grund zu rücken, das poli­ti­sche Inter­es­se, sei­ne Lei­den­schaft für die Lite­ra­tur und schliess­lich sogar sein Plan, Schrift­stel­ler zu wer­den. Von die­sem Unter­fan­gen riet ihm Adler offen­bar aus­drück­lich ab. “Wenn Sie schon jetzt eine lite­ra­ri­sche Kar­rie­re anfan­gen, dann wer­den Sie nie ein Psy­cho­lo­ge sein.” (War­nung, S. 70). (…)
Die heil­päd­ago­gi­sche und the­ra­peu­ti­sche Arbeit gestal­te­te sich erfolg­reich, und Sper­ber gewann auch immer mehr Zuhö­rer für sei­ne Ein­füh­rungs­kur­se in die Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie. 1926, im Alter von gut 20 Jah­ren, ver­öf­fent­lich­te er eine vier­zig­sei­ti­ge Mono­gra­phie über Adler. Sie zeugt von einer unein­ge­schränk­ten Bewun­de­rung für Adler und einer völ­li­gen Iden­ti­fi­ka­ti­on mit sei­ner Sache.

Kur­ze Zeit spä­ter, im Jah­re 1925, lern­te Sper­ber Ali­ce und Otto Rüh­le ken­nen; Ali­ce Rüh­le-Gers­tel hat­te soeben “Der Weg zum Wir” ver­öf­fent­licht, den Ver­such einer Syn­the­se von Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie und Mar­xis­mus. Otto Rüh­le arbei­te­te nach sei­nem Bruch mit Lenin und den Bol­sche­wi­ki dar­an, die Grund­sät­ze der Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie für sei­ne poli­ti­schen Anlie­gen der pro­le­ta­ri­schen Erzie­hung, der Volks­bil­dung und der Eman­zi­pa­ti­on der Frau nutz­bar zu machen. Zu die­ser Zeit hat­te Sper­ber … auch bereits lose Kon­tak­te zu kom­mu­nis­ti­schen Mili­tan­ten. (Rudolf Isler, Manès Sper­ber — Zeu­ge des 20. Jahr­hun­derts, p. 34/35)

Damit ist das Stich­wort gefal­len: Mar­xis­mus! Als Sper­ber 1927 auf den Wunsch Adlers hin nach Ber­lin zog, um dort für die Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie zu wer­ben, begann er, schon bald von der Rich­tig­keit der mar­xis­ti­schen Gesell­schafts­ana­ly­se über­zeugt, Schritt um Schritt an einer Syn­the­se von Adlers Psy­cho­lo­gie und Mar­xis­mus zu arbei­ten. Sie gip­fel­te anfangs der 30-Jah­re in sei­nem Manu­skript “Indi­vi­du­um und Gemein­schaft. Ver­such einer sozia­len Cha­rak­te­ro­lo­gie”, das aller­dings ange­sichts der bald ein­set­zen­den Zeit­wir­ren erst 1978 publi­ziert wur­de.

Der Zeit- und Orts­be­zug von  Sper­bers Ver­such, eine mar­xis­ti­sche Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie vor­an­zu­trei­ben, lie­gen auf der Hand. Ber­lin war nicht nur euro­päi­sche Metro­po­le. Ber­lin war ganz spe­zi­ell auch Zen­trum einer dra­ma­ti­schen his­to­ri­schen Ent­wick­lung. In Ber­lin war der Nie­der­gang der Wei­ma­rer Repu­blik und das Her­auf­kom­men des Natio­nal­so­zia­lis­mus so unmit­tel­bar spür­bar wie nir­gend­wo. Das in der Fol­ge der Wirt­schafts­kri­se um sich grei­fen­de Elend am Ende der 20er-Jah­re kon­zen­trier­te sich dort. All dies waren Grün­de, gesell­schaft­li­che Fak­to­ren in der Deu­tung des Men­schen stär­ker zu berück­sich­ti­gen und zugleich einen theo­re­ti­schen Ansatz zu suchen, der ver­mehrt Erkennt­nis­se lie­fert, die nicht nur dem Ein­zel­nen son­dern der Gesamt­heit zugu­te kämen. (Isler, p. 42)

Ganz in die­sem Sin­ne schrieb der 63jährige Sper­ber, der schon längst mit dem Kom­mu­nis­mus gebro­chen hat­te, im Klap­pen­text zu sei­nem mit 44jähriger Ver­spä­tung publi­zier­ten Werk:
Ich beken­ne mich nach wie vor dazu, dass die Erzie­hung, die wir mei­nen, ihre wesent­li­chen Zie­le nur in einer Gesell­schaft ver­wirk­li­chen könn­te, in der die Herr­schaft über Men­schen durch die Ver­wal­tung der Din­ge zum Nut­zen aller ein für alle­mal abge­löst wäre. Die Errin­gung der indi­vi­du­el­len wie der sozia­len Frei­heit setzt die Besei­ti­gung oder zumin­dest die äus­sers­te Beschrän­kung der Macht im Staat und der Auto­ri­tät in der Fami­lie vor­aus, eben­so wie in allen mensch­li­chen Bezie­hun­gen — in der Lie­be nicht weni­ger als in der Arbeit und im  gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­ben, und

Nur dank sei­ner Bezo­gen­heit auf ande­re erlangt der Mensch die Ein­heit und Ganz­heit als Indi­vi­du­um — dank der Bezo­gen­heit auf jene, die vor ihm da waren, auf alle, die mit ihm die Gegen­wart tei­len, und schliess­lich auf jene, die ihn über­le­ben wer­den. Auch in der abge­schlos­sens­ten Ein­sam­keit ist er nicht allein; in all sei­ne Urtei­le geht sein Wesen ein, aber nicht nur sein Wesen, son­dern auch die Umwelt — gleich­viel, ob er sich von ihr ent­fernt oder sich ihr ent­ge­gen­stellt oder mit ihr engs­tens ver­bun­den bleibt. Das erklärt, war­um alle Men­schen­kennt­nis ver­glei­chen­de Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie und kri­ti­sche Sozi­al­cha­rak­te­ro­lo­gie in einem ist.

Ob das für eine wahr­haf­te Men­schen­kennt­nis wirk­lich reicht? Auf­grund des Men­schen­bil­des, das sich der birsfaelder.li-Schreiberling über vie­le Jah­re erar­bei­tet hat, ist er zum Schluss gekom­men: Es reicht nicht, weil in allen Psy­cho­lo­gien und Gesell­schafts­ana­ly­sen der spi­ri­tu­el­le Teil des Men­schen völ­lig aus­ge­klam­mert wird. Allein wenn wir zum Bei­spiel von einem Welt- und Men­schen­bild aus­ge­hen, das die Reinkar­na­ti­on des Men­schen als Tat­sa­che akzep­tiert, eröff­nen sich völ­lig neue Aspek­te. Ganz zu schwei­gen von der NDE-For­schung und ver­wand­ten The­men. Aber das ist eine ande­re Geschich­te …

An ande­ren Seri­en inter­es­siert?
Wil­helm Tell / Ignaz Trox­ler / Hei­ner Koech­lin / Simo­ne Weil / Gus­tav Mey­rink / Nar­ren­ge­schich­ten / Bede Grif­fiths / Graf Cagli­os­tro /Sali­na Rau­rica / Die Welt­wo­che und Donald Trump / Die Welt­wo­che und der Kli­ma­wan­del / Die Welt­wo­che und der lie­be Gott /Leben­di­ge Birs / Aus mei­ner Foto­kü­che / Die Schweiz in Euro­pa /Die Reichs­idee /Voge­sen Aus mei­ner Bücher­kis­te / Ralph Wal­do Emer­son / Fritz Brup­ba­cher  / A Basic Call to Con­scious­ness Leon­hard Ragaz / Chris­ten­tum und Gno­sis / Hel­ve­tia — quo vadis? / Aldous Hux­ley / Dle WW und die Katho­li­sche Kir­che / Trump Däm­me­rung / Manès Sper­ber

Banntag ist Buchtag
Wochenrückblick

2 Kommentare

Kommentiere

Deine Meinung