Vine Deloria zitiert im Zusammenhang mit der Sündenfall-Geschichte in der Bibel den berühmten deutsch-amerikanischen
Theologen Paul Tillich, der in diesen “Sündenfall” auch die Natur einbezieht, wenn er schreibt:
Ebenso wie es in der Natur Analogien zur menschlichen Freiheit gibt, finden sich auch in jedem Teil des Universums Analogien zu gut und böse. …Wie die Natur im Menschen an seinem Guten und Bösen teilhat, so zeigt auch die außermenschliche Natur Analogien zum Guten und Bösen. Die Handlungen des Menschen erstrecken sich hinein in die Natur, und die Natur erstreckt sich hinein in den Menschen. Sie können nicht voneinander geschieden werden. Deshalb ist es nicht nur möglich, sondern auch notwendig, den Ausdruck „gefallene Welt” zu gebrauchen und den Begriff Existenz als Gegensatz zu Essenz auf das Universum wie auf den Menschen anzuwenden.
Delorias Kommentar:
Wie viele christliche Denker kann auch Tillich nicht mit der Vorstellung brechen, daß beide, Mensch und natürliche Welt, verderbt sind. Selbst sein Glaube an die Evolution scheint nur ein flüchtiges Nicken zu den Überlegungen der Wissenschaft zu sein, da er in jedem Fall die Natur des Menschen für verderbt hält, gleichgültig, auf welcher Stufe der Evolution ein menschliches Wesen auftaucht.
Auch die Stammesreligionen sehen grundsätzlich eine Verwandtschaft zwischen Mensch und Natur, aber ihre Auffassung zeigt einen radikalen Unterschied. Die Natur ist als Ganzes gut, und da es hier in der Schöpfung keinen „Fall” gab, wirken
alle ihre Teile zusammen, um sie zu erhalten. Young Chief, ein Cayuse, weigerte sich, den Vertrag von Walla Walla zu unterschreiben, weil die übrige Schöpfung daran nicht beteiligt war:
Ich frage mich, was das Land dazu sagt. Ich frage mich, ob das Land das hört, was hier gesprochen wird. Ich frage mich, ob das Land mit allem, was darauf ist, jetzt zum Leben erwacht.
Aber ich höre ja, was es sagt. Das Land sagt: „Ich bin hier ausgebreitet durch den Großen Geist. Der Große Geist hat mir gesagt, ich soll für die Indianer sorgen und sie gut ernähren. Der Große Geist hat den Wurzeln gesagt, sie sollen die Indianer ernähren.” Das Wasser sagt dasselbe: „Der Große Geist will, daß ich die Indianer gut versorge.” Das Gras sagt dasselbe: „Ernähre die Indianer gut!” Land, Wasser und Gras sagen, daß der Große Geist ihnen die Namen gegeben hat: „Wir haben diese Namen, und wir behalten diese Namen.”
Das Land sagt: „Ich bin hier ausgebreitet durch den Großen Geist, damit alles auf mir wachsen kann, Bäume und Früchte.” Das Land sagt auch: „Aus mir wurde der Mensch erschaffen.” Als der Große Geist die Menschen auf die Erde stellte, wollte er, daß sie für das Land sorgten und beide sich nichts Böses antäten.
Zwischen Young Chiefs Anschauung von der Schöpfung und der Genesis besteht eine überraschende Ähnlichkeit, aber die Genesis ist nur der Ausgangspunkt für abstrakte Lehren, während Young Chief auf unmittelbar praktische Weise seine Verwandtschaft mit der Schöpfung erfährt. In den Stammesreligionen wirkt der Mensch mit der übrigen Schöpfung zusammen, und beide begegnen der Aufgabe, die der Große Geist ihnen gestellt hat, mit Achtung und Ehrfurcht. In der christlichen Religion werden beide gleich nach dem Schöpfungsakt bis zum Weltuntergang verdammt.
Der zweite wichtige Punkt besteht darin, daß in der christlichen Schöpfungslehre der Mensch die Herrschaft über die übrige
Schöpfung erhält. Harvey Cox, ein bekannter protestantischer Theologe, sagt dazu: „Gleich nach seiner Erschaffung erhält der Mensch die entscheidende Verantwortung für die Tiere. Er gibt ihnen ihre Namen, er ist ihr Herr und Meister. Er soll sich die Erde untertan machen.” Diese Haltung wurde von den westlichen Völkern aus vollem Herzen durch die wirtschaftliche Ausbeutung der Erde bejaht. Die Schöpfung wurde zum bloßen Objekt — eine den indianischen Religionen völlig entgegenstehende Haltung.
Es mag dahingestellt sein, ob die Christen mit ihrer Lehre von des Menschen Herrschaft so weit gehen wollten, wie es geschehen ist. Tatsache aber ist, daß die moderne Welt jetzt das Versagen der christlichen Religion, sich angemessen um die Erhaltung des Planeten zu kümmern, als einen Hauptgrund für die ökologische Krise erkennt.
Kann man das so apodiktisch behaupten?
Dazu mehr am kommenden Freitag, den 28. August
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