Um das völlig unterschiedliche Verhältnis der Stammesreligionen zum Tod zu illustrieren, erzählt Vine Deloria eine Geschichte, die sich 1890 bei den Cheyennes zutrug.
Cheyenne-Portraits
Ein junger Mann namens Hugh Boyle wurde von den Cheyenne getötet, und die Weißen verlangten die Auslieferung der Mörder an die Justiz. Die Indianer versuchten, die Sache auf ihre Weise zu bereinigen, und boten für Boyles Tod Pferde als Bezahlung an. Sie boten viele Pferde und erhöhten deren Zahl jedesmal, wenn das Angebot abgelehnt wurde, bis sie praktisch bettelarm geworden wären, hätte die Gegenseite zugestimmt. Mit den Pferden wollten sie auch alle ihre Decken und andere Habseligkeiten weggeben, aber die Weißen sagten, vergossenes Blut könne man nicht bezahlen. Die Mörder müßten ausgeliefert werden.
Die Indianer konnten sie aber nicht ausliefern, denn dann stand ihnen der Tod bevor, der auch die Seele tötet. Der Strick, mit dem man die beiden aufhängen wollte, hätte nach ihrer Überzeugung der Seele den Weg aus dem Körper abgeschnürt, den sie beim letzten Atemzug verläßt, und dieses furchtbare Schicksal konnte man nicht zulassen. Die jungen Männer stritten ihr Verbrechen nicht ab und verteidigten sich auch nicht. Sie sagten, ein Cheyenne fürchte sich nicht zu sterben, er ließe sich aber nicht aufhängen. Head Chief und Young Mule würden den Weißen zeigen, wie ein Cheyenne stirbt.
Als Todestag wurde der 13. September 1890 festgesetzt. Der Indianeragent James A. Cooper hatte Militär angefordert, um die beiden Männer zu verhaften, und als eine berittene Truppe eintraf, teilten die Indianer mit, die Täter seien bereit zu sterben, aber nur mit den Waffen in den Händen. Sie wollten auf die Soldaten schießen, und diese sollten zurückschießen und sie töten. Der Vorschlag, der im Grunde eine Art Selbstmord bedeutete, war ungewöhnlich, wurde aber angenommen, um einen blutigen Konflikt zu vermeiden. Die jungen Männer gingen in der Zwischenzeit ihrer gewohnten Beschäftigung nach, waren guter Dinge und verbrachten viel Zeit mit Verwandtenbesuchen, um sich zu verabschieden. Am Abend vor dem Todestag gab es feierliche Tänze, und sie nahmen daran teil. Es gab für sie keinen Grund zu trauern, denn sie begegneten dem Tod als Krieger.
Am nächsten Morgen wurden sie vom Medizinmann gesalbt; sie bemalten und schmückten sich sorgfältig und zogen die besten Kleider an. Für den Ritt in den Tod suchten sie auch die besten Pferde aus, die später das Schicksal ihrer Herren teilten, denn dem Kugelregen, den man den Todeskandidaten entgegenschickte, entgingen auch sie nicht.
Die Agentur liegt auf einer Ebene, die zum Lame Deer River hin abschüssig wird. Auf einer Anhöhe am westlichen Rand der Ebene hatte sich der ganze Stamm versammelt, um zuzusehen, wie die jungen Männer den Weißen zeigten, wie ein Cheyenne stirbt. Neben dem Verwaltungsgebäude der Agentur standen die Soldaten und die Indianerpolizei.
Zur festgesetzten Zeit erschienen die beiden Männer auf einem Hügel im Nordosten; sie ritten schnell und sangen das Todeslied, und noch bevor sie unten angelangt waren, schossen sie auf die Indianerpolizei und die Soldaten. Das Feuer wurde sofort erwidert, aber keine Kugel der Kavalleristen traf. Ein Schütze von der Indianerpolizei machte es besser, und der eine Indianer brach mit seinem Pferd zusammen. Den anderen Mann traf keine Kugel, sein Leben schien gefeit zu sein. Er ritt singend und schießend an den Soldaten und der Polizei vorbei, und erst als er freiwillig umkehrte, wurde er endlich getroffen.
Der Kommentar dazu von Deloria:
Den Cheyenne ging es zunächst um die Erhaltung von Leben, dann um die Wahrung der Menschenwürde. Der Tod, wie ihn die Weissen wollten, hätte dem Stamm Schande eingebracht und das religiöse Empfinden verletzt. Der Tod als Krieger ist aber kein Ruhm, der über das Grab hinausreicht wie bei den Germanen, die dafür mit einem nie aufhörenden Festmahl und schönen gefügigen Mädchen belohnt werden (…)
Typisch dafür ist das bei vielen Stämmen bekannte Ritual des Todesgesangs. Der Todesgesang war etwas Besonderes und wurde nur gesungen, wenn man den sicheren Tod vor Augen hatte. Oft verhöhnte man damit die Feinde, noch öfter war er Zusammenfassung und Abschluss des Lebens. Er war keine ekstatische Vorbereitung auf das Sterben, sondern die letzte Bejahung der persönlichen Existenz und der Unantastbarkeit der Person. (…)
Die “Fünf Zivilisierten Nationen” in Oklahoma hatten in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts eigene Gerichtshöfe, und manchmal wurde ein Stammesmitglied zum Tode verurteilt. Dem Deliquenten wurde gesagt, wann und wo die Hinrichtung stattfand, dann wurde er freigelassen, um die letzten Tage bei Verwandten zu verbringen. Am Tage der Hinrichtung führte er die vorgeschriebenen Zeremonien aus, verabschiedete sich und erschien dann zur Hinrichtung. So war das bei den Stämmen üblich.
Wieviele Christen, die vom Jenseits überzeugt sind, hätten sich wohl auch so verhalten?
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 14. August
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