In Geor­ge Orwell’s 1984 wird Geschich­te je nach der poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Ent­wick­lung lau­fend umge­schrie­ben. Damit hat er vor­weg­ge­nom­men, was auto­ri­tä­re Regimes im 20. Jahr­hun­dert prak­ti­zier­ten und im 21. Jahr­hun­dert prak­ti­zie­ren. Aktu­ell lässt Putin die rus­si­sche Geschich­te so umschrei­ben, dass sie sei­nem Welt­bild ent­spricht,- und ers­te Ansät­ze dazu sind nun auch in den USA zu beob­ach­ten. Hier ein Aus­zug aus einem Kom­men­tar von Thom Hart­mann:

Trumps Säu­be­rungs­ak­ti­on im Smit­h­so­ni­an folgt dem glei­chen Sche­ma, das schon Sta­lin, Hit­ler, Mao und alle ande­ren Macht­ha­ber vor ihnen ange­wandt haben…

Es schien so tri­vi­al. Trump wies das Innen­mi­nis­te­ri­um an, ent­lang der Wege, die zu meh­re­ren Muse­en des Smit­h­so­ni­an-Sys­tems in Washing­ton, D.C. füh­ren, Schil­der anzu­brin­gen, die die Besu­cher davor war­nen, dass sie dort „unrich­ti­ge Infor­ma­tio­nen“ vor­fin­den wür­den. Grund­la­ge dafür war ein bizar­rer „Bericht“, der vom Rat für Innen­po­li­tik des Wei­ßen Hau­ses ver­fasst und am 4. Juli ohne gro­ßes Auf­se­hen ver­öf­fent­licht wur­de.

Der Rat selbst war voll­ge­stopft mit Trumps Günst­lin­gen aus rech­ten Thinktanks und Akti­vis­ten­grup­pen wie Ame­ri­can Com­pass, Heri­ta­ge, dem Man­hat­tan Insti­tu­te und Ste­phen Mil­lers Ame­ri­ca First Poli­cy Insti­tu­te.

Dar­in wird behaup­tet, dass das Ame­ri­can Muse­um of Ame­ri­can Histo­ry Aus­stel­lun­gen zeigt, die sich mit den Kämp­fen für Frau­en- und Bür­ger­rech­te sowie für die Abschaf­fung der Skla­ve­rei befas­sen und die posi­ti­ve Rol­le beleuch­ten, die Ein­wan­de­rer, Frau­en und que­e­re Men­schen in unse­rem Land gespielt haben – was der Rat als bedau­er­lich und uname­ri­ka­nisch ansieht. Er schrieb, dass die Füh­rung des Smit­h­so­ni­an und die Kura­to­ren des Muse­ums:
„… den Auf­trag des Muse­ums weg von his­to­ri­scher Bil­dung und Wis­sen­schaft über ein gemein­sa­mes natio­na­les Erbe, das es zu fei­ern gilt, hin zu extre­mem poli­ti­schem Akti­vis­mus gelenkt haben, der im Mar­xis­mus ver­wur­zelt ist, um die Ame­ri­ka­ner zu spal­ten, zu ent­mu­ti­gen und zu demo­ra­li­sie­ren. … [Und haben] Wei­ße, Män­ner, Chris­ten und Ame­ri­ka­ner ver­un­glimpft und ver­drängt“, wäh­rend sie sich auf „Ras­se in Berei­chen kon­zen­trie­ren, in denen sie wenig bis gar kei­ne his­to­ri­sche Rele­vanz hat.“

Abge­se­hen von die­sen wil­den, über­trie­be­nen und unsin­ni­gen Vor­wür­fen, dass unse­re Muse­en die ame­ri­ka­ni­sche Geschich­te kor­rekt dar­stel­len, ist dies weit­aus fins­te­rer und bedroh­li­cher, als es scheint.

So gut wie jeder Dik­ta­tor der Geschich­te, sowohl in der Anti­ke als auch in der Moder­ne, hat die Geschich­te sei­ner Nati­on umge­schrie­ben, denn, wie Orwell fest­stell­te, wer die Ver­gan­gen­heit kon­trol­liert, kann sie nut­zen, um die Zukunft neu zu pro­gram­mie­ren.

Dik­ta­to­ren und Möch­te­gern-Dik­ta­to­ren schrei­ben die Ver­gan­gen­heit um, um ihre Herr­schaft zu legi­ti­mie­ren, und stel­len sich dabei typi­scher­wei­se als den unver­meid­li­chen Höhe­punkt der Geschich­te, als Ret­ter der Nati­on („Nur ich allein kann das in Ord­nung brin­gen!“) und als recht­mä­ßi­gen Erben einer mythi­schen, glor­rei­chen Tra­di­ti­on dar – so wie es Trump tut, indem er ver­sucht, Ame­ri­ka als eine aus­schließ­lich wei­ße, christ­li­che Nati­on neu zu erfin­den. (…)

Dik­ta­to­ri­sche Regime nut­zen häu­fig eine umge­schrie­be­ne Geschich­te, um Angriffs­krie­ge zu recht­fer­ti­gen, Min­der­hei­ten zu unter­drü­cken und bür­ger­li­che Frei­hei­ten aus­zu­höh­len. Zu den moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Bei­spie­len gehört, wie Sam Ali­to einen bri­ti­schen Rich­ter aus dem 17. Jahr­hun­dert zitier­te, der Hexen hin­rich­ten ließ, um zu recht­fer­ti­gen, Frau­en das Recht auf Abtrei­bung zu ent­zie­hen, oder wie Trump (mit umfang­rei­chen Lügen) Oba­mas Frie­dens­ab­kom­men mit dem Iran umge­schrie­ben hat, um sei­nen und Netan­ja­hus ille­ga­len Krieg zu recht­fer­ti­gen.

Sie schrei­ben die Geschich­te um, um sich mit ver­ein­fach­ten Erzäh­lun­gen über die „glor­rei­che“ Ver­gan­gen­heit der Nati­on an die Mehr­heits­grup­pe des Lan­des zu bin­den, und behaup­ten, Mit­glie­der die­ser Grup­pe müss­ten sich um sie scha­ren, um die natio­na­le Ein­heit, Stär­ke und ein gemein­sa­mes Schick­sal zu bewah­ren. Viel­falt wird in die­sem Zusam­men­hang als Schwä­che ange­se­hen, da sie die­se Art der dik­ta­to­ri­schen Dar­stel­lung nicht stützt; des­halb bezeich­ne­te Trump Kama­la Har­ris im Wahl­kampf alsDEI-Ein­stel­lungund hat die­sen Begriff im Grun­de kri­mi­na­li­siert.

Das Umschrei­ben der Geschich­te ist zudem ein wir­kungs­vol­les Mit­tel, um das Over­ton-Fens­ter nach rechts zu ver­schie­ben, wodurch das zuvor Undenk­ba­re zum „gesun­den Men­schen­ver­stand“ wird. Wenn die Geschich­te von Pro­tes­ten, demo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen und Bür­ger­rechts­kämp­fen als Cha­os oder Kri­sen in der Geschich­te der Nati­on umge­deu­tet wird, ist es weni­ger wahr­schein­lich, dass sich jun­ge Men­schen dar­an betei­li­gen.

Wenn Bür­ger nichts über erfolg­rei­che Alter­na­ti­ven zur auto­ri­tä­ren Herr­schaft ler­nen, kann dies dazu füh­ren, dass Demo­kra­tie oder Plu­ra­lis­mus unna­tür­lich oder sogar unmög­lich erschei­nen, ins­be­son­de­re für jun­ge Men­schen. (…)

Die ein­fa­che Rea­li­tät ist, dass in Demo­kra­tien His­to­ri­ker, Jour­na­lis­ten, Gerich­te, Archi­ve, Uni­ver­si­tä­ten und Wis­sen­schaft­ler die Geschich­te schrei­ben und offi­zi­el­le Dar­stel­lun­gen hin­ter­fra­gen kön­nen. Debat­ten wer­den erwar­tet, und Inter­pre­ta­tio­nen kön­nen sich ändern, wenn neue Bewei­se ans Licht kom­men, wie wir es hier kürz­lich beim 1619 Pro­ject“ gese­hen haben.

In Dik­ta­tu­ren hin­ge­gen mono­po­li­siert der Staat in der Regel Bil­dung, Medi­en und Archi­ve, unter­drückt kon­kur­rie­ren­de Inter­pre­ta­tio­nen der Geschich­te und bestraft die­je­ni­gen, die der offi­zi­el­len Ver­si­on öffent­lich wider­spre­chen.

All das ist der Grund, war­um es so wich­tig ist, dass wir die Bemü­hun­gen von Trump und sei­nen neo­fa­schis­ti­schen Spei­chel­le­ckern, die Geschich­te Ame­ri­kas nach einem geschön­ten, von wei­ßer männ­li­cher Vor­herr­schaft gepräg­ten Sche­ma umzu­schrei­ben, nicht so behan­deln, als han­de­le es sich ledig­lich um eine Art Aus­rut­scher oder einen maka­bren Witz.

Das ist eine erns­te Ange­le­gen­heit, und ernst­zu­neh­men­de Per­so­nen inner­halb die­ser Regie­rung sind dar­auf aus, unser – und ins­be­son­de­re das Ver­ständ­nis unse­rer Kin­der – für die wahr­haft revo­lu­tio­nä­re und fort­schritt­li­che Geschich­te die­ser Nati­on zu zer­stö­ren.

Sie ver­su­chen, eine natio­na­le Amne­sie her­bei­zu­füh­ren, die bis in die Geschich­te des Ku-Klux-Klans, des Bür­ger­kriegs und sogar der Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on zurück­reicht.

Wir müs­sen uns mutig und laut­stark gegen sie weh­ren, und wenn sie weg sind, wer­den wir eine rie­si­ge Auf­ga­be vor uns haben, das faschis­ti­sche Cha­os zu besei­ti­gen, das sie anrich­ten.

Fort­set­zung am kom­men­den Don­ners­tag, den 13. August

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