Damit war end­lich der Weg frei zur Hoch­zeit mit Ger­tru­de Evans am 17. Juni 1903.
Al Lay­ne, mit des­sen Hil­fe Edgar Cayce sei­ne Stim­me wie­der­ge­fun­den hat­te, leg­te auch den Grund­stein für des­sen Leben als Hei­ler und Seher. Er frag­te sich näm­lich: Wenn Cayce sich sel­ber in Trance Rat­schlä­ge zur Hei­lung geben konn­te, war­um soll­te das nicht auch für Dritt­per­so­nen mög­lich sein?

Tat­säch­lich erwies sich sei­ne Ver­mu­tung als rich­tig. Als meh­re­re Ärz­te sei­ner Tan­te Car­rie Sal­ter drin­gend eine Bauch­ope­ra­ti­on emp­fah­len und ihr mit­teil­ten, sie wer­de nie schwan­ger wer­den kön­nen, riet Cayce in Trance von der Ope­ra­ti­on ab, sag­te eine Schwan­ger­schaft vor­aus und gab sogar das genaue Geburts­da­tum eines Jun­gen an. Alles traf  ein.

Doch sei­ne jun­ge Frau war alles ande­re als glück­lich. Sie hat­te Angst vor Cayces selt­sa­men Fähig­kei­ten:
Bes­ser, ihr Mann ris­kie­re den Ver­lust sei­ner Stim­me als den sei­nes Ver­stan­des, glaub­te sie. Sie war auch besorgt dar­über, Edgar mit einer wach­sen­den Zahl von Ärz­te­for­schern tei­len zu müs­sen, die heim­lich mit ihrem Mann expe­ri­men­tier­ten und ihn behan­del­ten, als sei er ein selt­sa­mes und exo­ti­sches Exem­plar und kein Mensch aus Fleisch und Blut. Eben­so wenig woll­te sie, dass die­se drit­te Instanz – die Quel­le – in ihr Leben ein­griff. Sie konn­te kaum eine mär­chen­haf­te Ehe füh­ren, wenn ihr Part­ner plötz­lich in einen koma­ähn­li­chen Schlaf abdrif­ten und zu einer ande­ren Per­son wer­den könn­te – oder schlim­mer noch, viel­leicht gar nicht mehr aus die­sem Schlaf erwa­chen wür­de. Und was wür­de aus ihren Kin­dern wer­den? Wür­den sie die­se selt­sa­me Fähig­keit erben?

Die Fra­ge war durch­aus berech­tigt: Wer oder was sprach da durch Cayce? Was war die­se Quel­le umfas­sen­den Heil­wis­sens? War sie mit dem christ­li­chen Glau­ben ver­ein­bar? Tat­säch­lich brauch­te Ger­tru­de Jah­re, bis sie sich durch­rin­gen konn­te, die Gabe von Cayce als gött­li­ches Geschenk anzu­neh­men.

Kei­ne die­seer Beden­ken hat­te sei­ne Tan­te Car­rie. Sie glaub­te, dass Edgar vom Gött­li­chen berührt war und dass ein himm­li­scher Geist in ihm und durch ihn sprach.
Und die spi­ri­tu­el­le Bot­schaft, die Cayces pro­phe­ti­sche Trance-Reden beglei­tet hat­te – dass Got­tes Lie­be und Ver­ge­bung in ihrem Her­zen an ers­ter Stel­le ste­hen müss­ten –, hat­te sie dazu inspi­riert, ihre Stel­le im Kauf­haus „Anderson’s“ auf­zu­ge­ben und sich als exami­nier­te Kran­ken­schwes­ter an der Sei­te ihres Man­nes um die Pati­en­ten in der Anstalt zu küm­mern.
Ihr Mann, Dr. House, war Chef­arzt der psych­ia­tri­schen Anstalt in Hop­kins­ville. Als auf­stre­ben­der Star in der medi­zi­ni­schen Fach­welt war er sogar als Kan­di­dat für den Vor­sitz der Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­ti­on im Gespräch.

Tan­te Car­ri­es Ver­trau­en in Cayce soll­te sich schon bald aus­zah­len.
Wie Cayce in einer frü­he­ren Trance-Sit­zung ange­deu­tet hat­te, könn­te die Geburt des Kin­des schwie­rig ver­lau­fen und Kom­pli­ka­tio­nen mit sich brin­gen. Dies soll­te sich als rich­tig erwei­sen. Ihr Kind kam zu früh zur Welt und litt unter schwe­ren Säug­lings­krämp­fen, Übel­keit und Erbre­chen. Sein Zustand hat­te sich so weit ver­schlech­tert, dass Car­rie Edgar aus Bow­ling Green, Ken­tu­cky, wo er und Ger­tru­de ein Foto­stu­dio betrie­ben, her­bei­ru­fen ließ. Der klei­ne Tom­my Jr. war auf­grund von Unter­ernäh­rung zu schwach, um an Car­ri­es Brust zu trin­ken oder auch nur sei­ne win­zi­gen Hän­de um ihre Fin­ger zu legen. Sie brauch­te Edgar wie nie zuvor. Car­ri­es Ehe­mann, Dr. House, und zwei wei­te­re Ärz­te – Dr. Jack­son, ein All­ge­mein­me­di­zi­ner aus Hop­kins­ville, und Dr. Hag­gard, ein Kin­der­arzt aus Nash­ville, der das Kind seit sei­ner Geburt betreut hat­te – glaub­ten, dass Tho­mas House Jr. kaum oder gar kei­ne Chan­ce hat­te, die Nacht zu über­le­ben.

Wie die meis­ten Ärz­te in Hop­kins­ville woll­te Dr. Hag­gard nichts mit dem zu tun haben, was er als „Schwin­del“ bezeich­ne­te. Dr. Jack­son teil­te die Skep­sis sei­nes Kol­le­gen, doch als lang­jäh­ri­ger Haus­arzt der Fami­lie hat­te er das Uner­klär­li­che erlebt. Cayce hat­te mit Al Lay­nes Hil­fe in Trance Rat­schlä­ge gege­ben, die einem Kind gehol­fen hat­ten, sich von Keuch­hus­ten zu erho­len, und einen Fall von Schar­lach rich­tig dia­gnos­ti­ziert. (…)

Auch Dr. House glaub­te nicht, dass Edgar oder irgend­je­mand ande­res im Schlaf Krank­hei­ten dia­gnos­ti­zie­ren könn­te, doch er kann­te Cayce, genau wie Jack­son, zu gut, um zu glau­ben, dass die­ser ein Schar­la­tan sei. Sein Schwa­ger ver­lang­te kein Hono­rar für sei­ne Diens­te, such­te kei­ne Öffent­lich­keit und ermu­tig­te nie­man­den, Trance-Lesun­gen in Anspruch zu neh­men. Nach­dem Al Lay­ne 1904 zum Medi­zin­stu­di­um auf­ge­bro­chen war, fan­den die Men­schen durch Mund­pro­pa­gan­da den Weg zu Cayces Foto­stu­dio in Bow­ling Green. House glaub­te, dass die Men­schen, die zu Cayce kamen, von vorn­her­ein davon über­zeugt waren, dass Cayce hel­fen kön­ne, und daher hör­ten sie das, was sie hören woll­ten.

Nur ein ster­ben­des Kind wie Tom­my Jr. war eine ganz ande­re Sache. Dem Kind war nicht mehr zu hel­fen. Der ein­zi­ge Grund, war­um Dr. House wider­wil­lig zustimm­te, Cayce in Bow­ling Green ein Tele­gramm zu schi­cken, war, der eigen­sin­ni­gen Car­rie nach­zu­ge­ben, die sei­ner Mei­nung nach von Angst über­wäl­tigt und nicht bereit war, das zu akzep­tie­ren, was er als unver­meid­lich ansah.

Edgar kam mit­ten in einem Regen­sturm mit dem Zug in Hop­kins­ville an. Ger­tru­des Bru­der Lynn hol­te ihn am Bahn­hof ab und fuhr ihn die eine Mei­le und ein Vier­tel zum Haus. Bei­de waren von Kopf bis Fuß durch­nässt, als sie das Haus betra­ten. Car­rie saß mit ihrem klei­nen Sohn im Arm im Wohn­zim­mer am Kamin, umge­ben von Fami­li­en­mit­glie­dern. Es gab kei­ne Höf­lich­keits­flos­keln, nur eine unan­ge­neh­me Stil­le, als Dr. Hag­gard, ver­är­gert dar­über, dass Cayce hin­zu­ge­zo­gen wer­den soll­te, sei­ne Kof­fer pack­te und ging. Er riet Dr. Jack­son, es ihm gleich­zu­tun, damit er nicht wie Lay­ne ins Visier der Ermitt­ler gera­te. „Lasst das Kind in Frie­den ster­ben“ – das war die Bot­schaft, die er der Fami­lie House über­mit­tel­te, ob er die Wor­te nun aus­sprach oder nicht. (…)

Dr. House, beglei­tet von Jack­son, lei­te­te die Sit­zung im Haupt­schlaf­zim­mer, das an das Wohn­zim­mer grenz­te. Das zuvor von Lay­ne ent­wi­ckel­te Ver­fah­ren sah vor, dass er aus einem klei­nen, in Leder gebun­de­nen Taschen­no­tiz­buch vor­las. Er muss­te sich ledig­lich neben Edgar set­zen, wäh­rend die­ser in Trance fiel, und dar­auf ach­ten, dass die Wim­pern sei­nes Schwa­gers zu fla­ckern began­nen, bevor er ihm die Sug­ges­tio­nen gab.

Ähn­lich wie bei der Rou­ti­ne, die er mit Lay­ne geübt hat­te und die er in den nächs­ten sechs­und­drei­ßig Jah­ren ohne nen­nens­wer­te Abwei­chun­gen bei­be­hal­ten wür­de, zog Edgar sei­ne Jacke und sei­ne Schu­he aus, leg­te Kra­wat­te und Kra­gen ab und leg­te sich auf ein gro­ßes Eichen­bett. Er zog eine Dau­nen­de­cke über sei­ne nack­ten Füße und rich­te­te sich auf dem Rücken zurecht. Dann, mit anein­an­der gepress­ten Füßen und den Fin­ger­spit­zen an den Schlä­fen, kon­zen­trier­te sich Edgar auf einen Punkt an der Decke. Als er spür­te, dass er kurz davor war, ein­zu­schla­fen, senk­te er lang­sam sei­ne Hän­de und ver­schränk­te sie vor der Brust.

Wäh­rend der Regen auf das Dach pras­sel­te und die schwa­chen Schreie des ster­ben­den Kin­des aus dem Neben­zim­mer zu hören waren, ver­tief­te sich Edgars Atem und sei­ne Wim­pern flat­ter­ten.

„Vor Ihnen liegt der Kör­per von Tho­mas House Jr. aus Hop­kins­ville, Ken­tu­cky“, sag­te Dr. House und füg­te den Namen sei­nes Soh­nes in den Absatz ein, den er aus dem Taschen­no­tiz­buch vor­las. „Stel­len Sie eine Dia­gno­se und emp­feh­len Sie eine Heil­me­tho­de.“

Edgar sah aus, als schlie­fe er tief und fest, doch nur Dr. House wuss­te es bes­ser. Er hat­te ein­mal gese­hen, wie sein Schwa­ger in eine so tie­fe Trance fiel, dass Kol­le­gen, die ein Expe­ri­ment durch­führ­ten, Cayce einen Fin­ger­na­gel ent­fern­ten und ein ande­rer ihm eine Injek­ti­ons­na­del in den Fuß stach. Edgar hat­te sich nicht im Gerings­ten gerührt. Den­noch beant­wor­te­te der „schla­fen­de“ Cayce Fra­gen, als wäre er bei vol­lem Bewusst­sein. (alle Aus­zü­ge aus Kir­pa­trick, True Tales)

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 15. August

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