Das neu erwachte Interesse von weissen Amerikanern an Kultur und Religion der Indigenen Nordamerikas öffnete zwar ein neues Kapitel des Respekts und des Verstehens gegenüber den Ureinwohnern des Kontinents, hatte aber auch — fast unausweichlich — seine Schattenseiten. Eine davon war, dass Interessierte oft an indianische kulturelle Pseudo-Vertreter gerieten. Plötzlich tauchten überall “Schamanen” auf, die ihr “Wissen” für gutes Geld zu verhökern suchten. Deloria beschrieb die Situation in den 70er‑, 80er- und 90er-Jahren so:
Heute kann ein angeblicher Schamane seine Abwesenheit vom Reservat oder das Fehlen indianischen Blutes mit der Ausrede erklären, dass er, nachdem er von den Ältesten ausgebildet wurde, autorisiert und beauftragt wurde, unter alle Völker zu gehen und das indianische Evangelium zu predigen. Es scheint, dass dieser Überschuss an Schamanen die Glaubwürdigkeit dieser Praktizierenden stark belasten könnte. Wie kann es so viele Medizinleute geben, die beauftragt wurden, Zeremonien für Nicht-Indianer abzuhalten, während ihr eigenes Volk ohne religiöse Betreuung leidet?
In dem, was als „New-Age“-Szene bezeichnet wird, haben die Indianer eine clevere Antwort auf diese Frage gefunden. Sie bestehen darauf, dass sie „Pfeifenträger“ sind, ein Amt, dessen historische und kulturelle Vorläufer eher vage sind. Es wird nie eine Definition der genauen Pflichten des Pfeifenträgers gegeben, außer dass er oder sie alle Zeremonien durchführen kann, die ein Schamane durchführen kann, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn nichts geschieht. Dieser Status war genau das, was Nicht-Indianer brauchten, um dem Vorwurf zu entgehen, sie würden traditionelle Zeremonien praktizieren, ohne wirkliches Wissen oder Verständnis für indianische Bräuche zu haben. Nun hat jeder, vom Filmstar bis zum Tankstellenwart, behauptet, ein autorisierter Pfeifenträger zu sein. Man glaubt, man müsse nur diese magischen Worte rezitieren, um alle Kritik und skeptischen Äußerungen der Zuhörer abzuwehren.
Eine andere Falle bestand darin, sich weissen “Experten” zuzuwenden, die behaupteten, die Indigenen besser zu verstehen als diese sich selber. Auch hier brachte Deloria ein Beispiel:
Dieses Phänomen wurde unerwartet von Ruth Beebe Hill in einem schlecht geschriebenen
Roman mit dem Titel “Hanta Yo” ausgelöst. (“Hanta Yo” blieb längere Zeit auf der Beststeller-Liste der NYT). Hill gab vor, die Dakota-Sprache zu „kennen“, bevor Missionare sie niedergeschrieben und damit ruiniert hatten. Sie behauptete, ein 1.500-seitiges Buch in dieser Sprache verfasst, es aus einem frühen englischen Wörterbuch übersetzt zu haben, um eine authentische englische Satzstruktur zu erhalten, und es veröffentlicht zu haben.
Ihr Informant war ein seltsamer Santee-Indianer namens Chucksa Yuha. Auch bekannt als Lorenzo Blackmith, wurden seine persönliche Geschichte und sein Anspruch auf uraltes Wissen von den Ermittlern auf Schritt und Tritt widerlegt. Hills Hauptthese lautete, dass nur sie allein die Wahrheit über die ursprünglichen Dakota-/Lakota-Indianer kenne, dass deren Nachkommen blasse Imitationen seien und dass die Urvölker nichts Geringerem als Ayn Rands „Fountainhead“ ähnelten – ungebrochene Individuen, die sich vor nichts beugten, nicht einmal vor der Gottheit.
Oder ein anderes Beispiel: … (Lynn) Andrews’ erstes Werk war „Medicine Woman“, in dem sie
vorgab, Schülerin einer kanadischen Medizinfrau namens Agnes Whistling Elk gewesen zu sein. Die Erzählung ist spannend, weil Andrews fast ohne Mühe oder Unannehmlichkeiten alle Geheimnisse offenbart werden, nach denen jeder Weiße seit Jahrhunderten gesucht hat. In den letzten Kapiteln des Buches erfahren wir, dass es nicht ihre Aufgabe ist, unter den kanadischen Indianern zu leben und einfache Heilungs- und Trauerzeremonien durchzuführen wie andere Heilpraktiker. Stattdessen hat sie den Auftrag, durch die ganze Welt zu reisen und die religiösen Geheimnisse der Indianer zu enthüllen.
Und Deloria schliesst mit der sarkastischen Bemerkung:
In den 1990er Jahren sind indianische Religionen ein heißes Thema. Am beliebtesten ist die äußere symbolische Form. Viele Menschen, Indianer und Nicht-Indianer, haben sich einige Grundsätze zu Herzen genommen, vor allem jene Überzeugungen, die kaum eine Änderung des eigenen Lebensstils erfordern.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 23. Juli
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