Das harte, aber beschauliche Leben auf der Tabakfarm hätte für den siebzehnjährigen Edgar noch lange weitergehen können. Er hatte die Bibel schon fünfmal ganz durchgelesen. Doch eines Tages, als er gerade einen kaputten Pflug reparierte, vernahm er plötzlich ein Summen:
Ein Gefühl der Behaglichkeit oder des Wohlbefindens überkam ihn. Edgar erkannte es. Er würde wieder die Stimme des Engels hören, die er vor Jahren in seinem Schlafzimmer gehört hatte. „Verlasse die Farm“, sagte die Stimme. „Geh zu deiner Mutter. Alles wird gut.“
Edgar tat, wie die Stimme ihm befahl. Er trieb seine Maultiere zurück zum Haus und führte sie auf die Weide. Dann ging er hinein und teilte seinem Onkel mit, dass er sofort nach Hopkinsville (wo seine Mutter lebte) aufbrechen würde.
Und das tat er auch, sieben Meilen zu Fuss in eine ihm völlig unbekannte Welt. Allerdings hatte er keine Ahnung, was er dort tun sollte.
Für einen Jungen vom Land, der wahrscheinlich noch nie in einem Restaurant gegessen, mit dem Zug gereist oder Christian County verlassen hatte, war „Hoptown“ voller ungewöhnlicher
Eindrücke und Geräusche. Es gab pistolenbewaffnete „Landjungs“, spärlich bekleidete Tanzmädchen, Spieler in Melonenhüten und Nadelstreifenanzügen, Tabak kauende Händler, drei Bestattungsunternehmen, einen Laden, der ausschließlich Hüte verkaufte, eine Teestube und ein Baseballfeld, auf dem die Hopkinsville Moguls spielten. Im Holland Opera House befand sich das erste Buntglasfenster, das Edgar je gesehen hatte und das keine Szene aus der Bibel darstellte. Die breiten, unbefestigten Straßen waren häufig in einer Staubwolke versunken, die von den Rädern der Kutschen und den hochschreitenden Traberpferden, die sie zogen, oder von den langsameren, von Maultieren gezogenen Transportwagen aufgewirbelt wurde, die Tabak zu den riesigen Lagerhäusern der Plantagenbesitzer transportierten. Und doch war Hopkinsville trotz seines kräftigen Wachstums immer noch eine Stadt, in der morgens Hähne krähten und Rudel von Hunden durch die Straßen streiften.
Alles durchaus faszinierend, aber nicht zu vergleichen mit dem Moment, als er zum ersten Mal in seinem Leben den Hopper Bookstore betrat.
Es war die erste Buchhandlung, die er besucht hatte, und darin fand er alles, was er sich vorstellen konnte, und noch mehr. Seine erste Überraschung galt den Büchern selbst. Obwohl er schon verschiedene Ausgaben der Bibel gesehen hatte, ahnte er nicht, dass Bücher in so vielen verschiedenen Formaten erschienen und sowohl in Papier als auch in Leder gebunden waren. … Wie Edgar später schrieb: „Ich hatte einen Großteil meines Lebens damit verbracht, für die materiellen Dinge zu arbeiten, die den physischen Menschen erhalten. Hier im Laden gab es die Dinge, die den geistigen Menschen erhalten.“
Nachdem er stundenlang im Laden gestöbert hatte, fasste er den Mut, den Besitzer um eine Anstellung zu bitten. Das klappte dann nach einem zweiten Versuch tatsächlich, obwohl seine Mutter grösste Bedenken äusserte, weil sie den “verwirrenden” Einfluss der Bücher auf Edgar fürchtete. Immerhin waren dort die Werke von Charles Darwin, Henry James oder “Onkel Toms Hütte” von Harriet Beecher Stowe zu finden, ganz abgesehen von den vielen Groschenromanen mit ihren Schauergeschichten! Ihre Haltung war typisch für das “Christian County” und deren naiver und engstirniger Weltsicht, — und sie ist es bei den Evangelikalen in den USA bis heute geblieben.
Der junge Cayce verschlang zwar Aberdutzende von Büchern, aber keines kam an seine Bibel heran. Und sein unerschöpfliches Bibelwissen verschaffte ihm sogar eine Stelle als Sonntagsschullehrer, — eine Arbeit, die er noch für viele kommende Jahre mit Begeisterung weiterführen sollte.
Eines Abends nahm er an einem Anlass im Holland Opera House teil, wo der Hypnotiseur Stanley Heart sein Publikum in Bann zog.
Heart führte seine Kräfte auf die „neue Wissenschaft“ der Hypnose und Hellseherei zurück, die zu dieser Zeit in ganz Amerika und Europa großes Interesse geweckt hatte. Obwohl Hart ein glühender Verfechter der angeblichen Kräfte der Hypnose zur Heilung von Kopfschmerzen, zur Behandlung von Alkoholismus und zur Beseitigung selbstzerstörerischer Verhaltensweisen war, waren es die unterhaltsamen Aspekte
seiner „Kunst“, die die Menschenmassen zu seinen Auftritten lockten. Er lud Zuschauer auf die Bühne ein, versetzte sie in eine hypnotische Trance und befahl ihnen, peinliche Dinge zu tun, wie zum Beispiel Himmel und Hölle zu spielen, Fische nachzuahmen, nicht vorhandene Leitern zu erklimmen, imaginäre Deckchen zu häkeln und alberne Showmelodien zu singen. (alle Auszüge aus Kirpatrick, Edgar Cayce — an American Prophet)
Und dann bat Heart auch Edgar Cayce auf die Bühne, weil er in dem Jungen ein ideales Hypnoseobjekt erkannte.
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 25. Juli
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