Wer im Geschichts­un­ter­richt zur Ent­ste­hung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten nicht geschla­fen hat, erin­nert sich wahr­schein­lich an die berühm­te Bos­to­ner Tea-Par­ty, als als Mohawk ver­klei­de­te Bos­to­ner Bür­ger Tee­kis­ten aus Eng­land ins Was­ser war­fen, um gegen die Steu­er- und Zoll­po­li­tik des Mut­ter­lands gegen­über den Kolo­nien zu pro­tes­tie­ren.

236 Jah­re spä­ter, im Jah­re 2009, tauch­te erneut eine Tea-Par­ty-Bewe­gung auf, aber dies­mal nicht für berech­tig­te Anlie­gen. Ihr Ziel: Uner­bitt­li­cher Kampf gegen den neu­en schwar­zen Prä­si­den­ten Oba­ma und des­sen Wirt­schafts­po­li­tik, — und im Gegen­satz zum his­to­ri­schen Vor­bild war es kei­ne Gras­wur­zel­be­we­gung, son­dern die neue Waf­fe einer radi­ka­li­sier­ten repu­bli­ka­ni­schen Par­tei. Hier die Ana­ly­se von Thom Hart­mann in sei­nem Buch: Donald Trump. The Last Ame­ri­can Pre­si­dent:
Am Tag der Amts­ein­füh­rung, dem 20. Janu­ar 2009, …  ver­sam­mel­te sich eine Grup­pe repu­bli­ka­ni­scher Füh­rer im Restau­rant Cau­cus Room … in Washing­ton, um Oba­mas Sturz zu pla­nen. Ihr Plan war, wie der Jour­na­list Robert Dra­per berich­te­te, ein­fach: „Zeigt euch ver­eint und unnach­gie­big in der Oppo­si­ti­on gegen die Wirt­schafts­po­li­tik des Prä­si­den­ten … . Gewin­nen Sie 2010 die Mehr­heit im Reprä­sen­tan­ten­haus. Set­zen Sie Oba­ma 2011 uner­bitt­lich zu. Gewin­nen Sie 2012 das Wei­ße Haus und den Senat.“

Hier ging es nicht um poli­ti­sche Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten. Es ging, wie Sena­tor Mitch McCon­nell es mit sei­nen berüch­tig­ten Wor­ten for­mu­lier­te, dar­um, sicher­zu­stel­len, dass „das Wich­tigs­te, was wir errei­chen wol­len, ist, dass Prä­si­dent Oba­ma nur eine Amts­zeit absol­viert.“

Nach die­sem Tref­fen hät­ten die Repu­bli­ka­ner mit Oba­ma zusam­men­ar­bei­ten kön­nen, um die schlimms­te Wirt­schafts­kri­se seit der Gro­ßen Depres­si­on zu bewäl­ti­gen. Statt­des­sen erklär­ten sie den tota­len Krieg und stimm­ten ein­stim­mig gegen den Ame­ri­can Reco­very and Reinvest­ment Act, obwohl die Wirt­schaft monat­lich 800.000 Arbeits­plät­ze ver­lor.

Aber die for­mel­le Oppo­si­ti­on der Repu­bli­ka­ner reich­te nicht aus. Die Par­tei brauch­te eine Bewe­gung: etwas, das wie eine Gras­wur­zel­be­we­gung aus­sah, aber von oben gesteu­ert wur­de. Auf­tritt der Tea Par­ty.

Vor­der­grün­dig aus­ge­löst durch die Tira­de des CNBC-Kom­men­ta­tors Rick San­tel­li gegen Hypo­the­ken­ent­las­tun­gen im Febru­ar 2009, prä­sen­tier­te sich die Tea Par­ty als spon­ta­ne Bewe­gung von Bür­gern, die sich über die Aus­ga­ben und Schul­den der Regie­rung sorg­ten.

In Wirk­lich­keit han­del­te es sich um „Astro­tur­fing“**: eine künst­li­che Basis­be­we­gung. Hin­ter den schein­bar orga­ni­schen Pro­tes­ten stan­den finanz­star­ke kon­ser­va­ti­ve Orga­ni­sa­tio­nen wie Ame­ri­cans for Pro­spe­ri­ty und Free­dom-Works, die von Mil­li­ar­dä­ren aus der fos­si­len Brenn­stoff­in­dus­trie wie den Kochs unter­stützt wur­den. Die­se Grup­pen stell­ten Geld, Bot­schaf­ten, Trans­port­mit­tel, die Koor­di­na­ti­on mit rech­ten Medi­en und die orga­ni­sa­to­ri­sche Infra­struk­tur für die Kund­ge­bun­gen der Tea Par­ty bereit. Inves­ti­ga­ti­ve Berich­te doku­men­tier­ten, wie das Netz­werk der Koch-Brü­der Mil­lio­nen in die Schaf­fung und Auf­recht­erhal­tung die­ser schein­bar spon­ta­nen „Bewe­gung” inves­tier­te.

Was die Tea Par­ty so mäch­tig mach­te, war nicht nur die Unter­stüt­zung durch Unter­neh­men, son­dern auch ihr ras­sis­ti­scher Unter­ton. Die Demons­tran­ten tru­gen Schil­der, auf denen Oba­ma als Hexen­dok­tor mit einem Kno­chen in der Nase dar­ge­stellt war. Sie stell­ten sei­ne Staats­bür­ger­schaft, sei­ne Reli­gi­on und sei­ne ame­ri­ka­ni­sche Iden­ti­tät infra­ge. Ihr Schlacht­ruf „Wir wol­len unser Land zurück“ hat­te eine kla­re Bot­schaft: Sie woll­ten die Rück­kehr einer aus­schließ­lich wei­ßen Macht­struk­tur.

Eine Stu­die der Uni­ver­si­ty of Washing­ton von Pro­fes­sor Chris­to­pher Par­ker aus dem Jahr 2010 ergab, dass 73 Pro­zent der Tea-Par­ty-Anhän­ger der Mei­nung waren, dass „Iren, Ita­lie­ner, Juden und vie­le ande­re Min­der­hei­ten Vor­ur­tei­le über­wun­den und sich hoch­ge­ar­bei­tet haben. Schwar­ze soll­ten das­sel­be tun, ohne beson­de­re Ver­güns­ti­gun­gen.” Wei­te­re Unter­su­chun­gen zeig­ten, dass ras­sis­ti­sche Res­sen­ti­ments ein stär­ke­rer Prä­dik­tor für die Unter­stüt­zung der Tea Par­ty waren als Beden­ken hin­sicht­lich der Staats­aus­ga­ben.

Die­se radi­ka­li­sier­te Basis – dar­auf trai­niert, Kom­pro­mis­se zu has­sen und demo­kra­ti­sche Regie­rungs­füh­rung in Fra­ge zu stel­len – war per­fekt vor­be­rei­tet für einen Möch­te­gern-Auto­kra­ten wie Trump. Als er sei­ne Kam­pa­gne begann und Oba­mas ame­ri­ka­ni­sche Geburt in Fra­ge stell­te, sprach er direkt zu einem Tea-Par­ty-Publi­kum, das aus­drück­lich für die­se Bot­schaft kul­ti­viert wor­den war.

** eine mani­pu­la­ti­ve Tak­tik, bei der eine künst­li­che, zen­tral gesteu­er­te “Gras­wur­zel­be­we­gung” vor­ge­täuscht wird, um den Ein­druck zu erwe­cken, eine Idee, ein Pro­dukt oder eine poli­ti­sche Posi­ti­on käme spon­tan und unab­hän­gig vom Volk, obwohl in Wirk­lich­keit Unter­neh­men oder Orga­ni­sa­tio­nen dahin­ter­ste­cken. 

Fort­set­zung am Sil­ves­ter, den 31. Dezem­ber

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