Mit der nächs­ten For­de­rung zum Auf­bau einer neu­en Gesell­schaft geht er auf ein The­ma ein, dass all­seits als wich­tig aner­kannt wird, — und trotz­dem immer wie­der Kon­tro­ver­sen aus­löst:
Die Frau­en sind von der patri­ar­cha­li­schen Herr­schaft zu befrei­en. Die Befrei­ung der Frau­en von patri­ar­cha­li­scher Herr­schaft ist eine fun­da­men­ta­le Vor­aus­set­zung der Huma­ni­sie­rung der Gesell­schaft.
Fromm stell­te die­se For­de­rung in den 70er-Jah­ren. Haben wir nach über 50 Jah­ren die­ses Ziel erreicht? Fort­schrit­te wur­den ohne Zwei­fel gemacht. Aber wenn wir schau­en, wo Frau­en heu­te in den wirk­li­chen Schalt­zen­tra­len der Macht zu fin­den sind, ist das Resul­tat doch ziem­lich ernüch­ternd.

Die Fra­ge stellt sich, ob eine fai­re Macht­tei­lung ange­sichts der Tat­sa­che, wie heu­ti­ge Gesell­schaft funk­tio­nie­ren, über­haupt mög­lich ist. Denn die Wur­zeln, die zur Eta­blie­rung patri­ar­cha­li­scher Herr­schaft geführt haben, sind nach wie vor höchst leben­dig. Wer­fen wir mit Fromm einen Blick zurück auf die­se Wur­zeln:
Die Unter­drü­ckung der Frau durch den Mann begann erst vor etwa sechs­tau­send Jah­ren in ver­schie­de­nen Tei­len der Welt, als die Erwirt­schaf­tung von Über­schüs­sen in der Land­wirt­schaft die Beschäf­ti­gung und Aus­beu­tung von Arbeits­kräf­ten, die Orga­ni­sa­ti­on von Armeen und die Ent­ste­hung mäch­ti­ger Stadt­staa­ten begüns­tig­te. (…) Seit damals wur­den nicht nur die Kul­tu­ren Euro­pas und des Nahen Ostens, son­dern auch fast alle übri­gen Völ­ker der Erde von den „ver­ei­nig­ten Män­nern“ erobert, die die Frau­en unter­war­fen. Die­ser Sieg des männ­li­chen über den weib­li­chen Teil der Mensch­heit war in der wirt­schaft­li­chen Macht der Män­ner und des von ihnen geschaf­fe­nen Mili­tärs begrün­det.

Der Krieg zwi­schen den Geschlech­tern ist eben­so alt wie der Klas­sen­kampf, aber er hat kom­pli­zier­te­re For­men ange­nom­men, da die Män­ner stets die Frau­en nicht nur als Arbeits­tie­re brauch­ten, son­dern auch als Müt­ter, Gelieb­te und Trost­spen­de­rin­nen. Oft tritt der Geschlech­ter­kampf offen und bru­tal zuta­ge, häu­fi­ger wird er im Ver­bor­ge­nen aus­ge­tra­gen. Die Frau­en muss­ten sich der Macht der Män­ner beu­gen, aber sie haben mit ihren eige­nen Waf­fen zurück­ge­schla­gen; ihre schärfs­te Waf­fe war, die Män­ner lächer­lich zu machen.

Die Unter­jo­chung der einen Hälf­te der Mensch­heit durch die ande­re hat bei­den Geschlech­tern immensen Scha­den zuge­fügt und tut dies wei­ter­hin: Die Män­ner nah­men die cha­rak­te­ris­ti­schen Eigen­schaf­ten des Sie­gers, die Frau­en die des Besieg­ten an. Auch heu­te noch gibt es kei­ne Mann-Frau-Bezie­hung, die frei vom Fluch des Über­le­gen­heits bzw. Unter­le­gen­heits­ge­fühls wäre, selbst unter Men­schen, die bewusst gegen die männ­li­che Vor­herr­schaft pro­tes­tie­ren. Freud, der die männ­li­che Über­le­gen­heit nie in Fra­ge stell­te, kam unglück­li­cher­wei­se zu dem Schluss, das Gefühl der Ohn­macht der Frau­en sei auf deren angeb­li­chen Schmerz zurück­zu­füh­ren, kei­nen Penis zu besit­zen, und die Män­ner fühl­ten sich des­halb unsi­cher, weil sie in stän­di­ger „Kas­tra­ti­ons­angst“ leb­ten. In Wirk­lich­keit sind die­se Phä­no­me­ne Sym­pto­me des Geschlech­ter­kamp­fes, nicht bio­lo­gi­scher und ana­to­mi­scher Unter­schie­de als sol­cher.

Die Macht­aus­übung gegen­über dem Schwä­che­ren ist der Wesens­kern des bestehen­den Patri­ar­chats wie auch der Herr­schaft über die nicht­in­dus­tria­li­sier­ten Natio­nen und über Kin­der und Jugend­li­che. Die wach­sen­de Bewe­gung zur Befrei­ung der Frau ist von uner­hör­ter Bedeu­tung, weil sie das Macht­prin­zip bedroht, auf dem die heu­ti­ge Gesell­schaft (sowohl die kapi­ta­lis­ti­sche wie die kom­mu­nis­ti­sche) auf­ge­baut ist – vor­aus­ge­setzt, die Frau­en mei­nen mit Befrei­ung nicht, dass sie an der Macht des Man­nes über ande­re Grup­pen … par­ti­zi­pie­ren wol­len. Falls die Frau­en­be­we­gung ihre eige­ne Rol­le und Funk­ti­on als Ver­tre­te­rin von „Anti­macht“ begreift, wer­den die Frau­en einen ent­schei­den­den Ein­fluss auf den Kampf um eine neue Gesell­schaft aus­üben kön­nen.

Aktu­ell wer­den in der Poli­tik von Män­nern wie­der noch vor weni­gen Jah­ren kaum vor­stell­ba­re Macht­spiel­chen zele­briert, und auch Frau­en betei­li­gen sich durch­aus dar­an. Wor­in bestün­de heu­te die “Anti­macht” der Frau­en?

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 28. März

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