Im Header stehen vier Herren, die der birsfälder.li-Schreiberling ausgewählt hat, um alternative Geschichten zu den USA zu erzählen, — von links nach rechts: Vine Deloria, Howard Zinn, Oren Lyons und Noam Chomsky. Howard Zinn wurde hier schon vorgestellt. In den kommenden Folgen soll Vine Deloria mit “Custer died for your Sins” zu Wort kommen. Das Buch erschien 1969 und half mit, das Schicksal der indigenen Nationen in Amerika wieder ins Bewusstsein einer weissen Öffentlichkeit zu bringen.
Der Tod des “Indianerschlächters” und Generals George Armstrong Custer in der Schlacht am Little Bighorn war ein dramatisches Kapitel in der Auseinandersetzung zwischen den Plains-Indianern und der US-Armee und sandte damals Schockwellen bis in die grossen Metropolen der Ostküste. Hintergrund war der Goldrausch in den Black Hills, den heiligen Bergen der Lakota, der dazu führte, dass die US-Regierung zu den
Dutzenden gebrochenen Verträgen einen weiteren dazufügte. Der Dakota-Sänger und Schauspieler Floyd Westerman fasste die Geschichte in seinem eindrücklichen Song “Custer died for your Sins” so zusammen:
All the lies that were spoken
All the blood we have spilled
All the treaties that were broken
All the leaders you have still
Custer died for your sins!
Custer died for your sins!
Oh, a new day must begin
Custer died for your sins
All the tribes you terminated
Or the myth you keep alive
All the land you compensated
For freedom you deprive
Custer died for your sins! …
Indianer sind wie das Wetter. Jeder weiß alles über das Wetter, aber niemand kann es ändern. Wenn Stürme vorhergesagt werden, scheint die Sonne. Wenn Picknickwetter angekündigt wird, beginnt es zu regnen. Ebenso wird man es nie bereuen, wenn man sich auf die Unberechenbarkeit der Indianer verlässt.
Eines der schönsten Dinge daran, ein Indianer zu sein, ist, dass die Leute sich immer für dich und dein „Schicksal“ interessieren. Andere Gruppen haben Schwierigkeiten, Zwangslagen, Dilemmata, Probleme oder Sorgen. Wir Indianer haben traditionell ein „Schicksal“.
Unsere größte Notlage ist unsere Transparenz. Die Menschen können allein durch einen Blick auf uns erkennen, was wir wollen, was getan werden sollte, um uns zu helfen, wie wir uns fühlen und wie ein „echter“ Indianer wirklich ist. Das Leben der Indianer, soweit es sich auf die reale Welt bezieht, ist ein ständiger Versuch, die Menschen, die uns kennen, nicht zu enttäuschen. Unerfüllte Erwartungen verursachen Kummer, und davon haben wir bereits genug gehabt.
Da die Menschen uns durchschauen können, wird es unmöglich, Wahrheit von Fiktion oder Fakten von Mythologie zu unterscheiden. Experten zeichnen uns so, wie sie uns gerne hätten. Oft zeichnen wir uns selbst so, wie wir gerne wären oder wie wir hätten sein können.
Je mehr wir versuchen, wir selbst zu sein, desto mehr sind wir gezwungen, das zu verteidigen, was wir nie waren. Die amerikanische Öffentlichkeit fühlt sich am wohlsten mit den mythischen Indianern aus dem Land der Stereotypen, die schon immer DA waren. Diese Indianer sind wild, sie tragen Federn und grunzen. Die meisten von uns entsprechen diesem idealisierten Bild nicht, da wir nur grunzen, wenn wir zu viel essen, was selten vorkommt.
So beginnt Vine Deloria sein Buch mit dem gleichen Titel und macht damit gleich klar, dass es hier um eine scharfzüngige Abrechnung mit den Vorurteilen und Ungerechtigkeiten gehen wird, denen die “Indian Nations” ausgesetzt waren und oft noch sind.
Und wie verschieden die Perspektiven auf die Geschichte der USA sein können, zeigt seine kurze Anekdote:
Eines Tages sangen wir auf einer Konferenz „My Country Tis of Thee“ und stießen auf die Stelle, die lautet:
“Land, wo unsere Väter starben, Land des Stolzes der Pilgerväter …”
Einige von uns brachen in Gelächter aus, als uns klar wurde, dass unsere Väter zweifellos starben, als sie versuchten, diese Pilger davon abzuhalten, unser Land zu stehlen. Tatsächlich starben viele unserer Väter, weil die Pilger sie als Hexen töteten. Wir fühlten keine große Verbundenheit mit diesen Pilgern, ganz gleich, wen sie umgebracht hatten.
Deloria wird uns in den nächsten Folgen einige “alternative Geschichten” zu den USA erzählen.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 8. Mai
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