Es war der letzte Teil von Manès Sperbers Dankesrede, der in der Zuhörerschaft zu hitzigen Kontroversen führen sollte. Was war geschehen?
Sperber warf den pazifistischen Kreisen in Europa angesichts der totalitären Bedrohung aus dem Osten Blindheit und Blauäugigkeit vor und machte klar, dass der Protest gegen die Waffengewalt, ohne die zum Krieg führenden Hintergründe auszuleuchten, in die Irre führen musste:
Wer anstatt über die Quelle und die Gründe der Kriegsgefahr nachzudenken, seinen leidenschaftlichen Protest nur auf die Waffen, und waren es die mörderischsten, reduziert, vermeidet, bewußt oder unbewußt, die Suche nach dem Feuerherd und erliegt der heute weitverbreiteten Neigung, die Mittel mit den Zielen zu verwechseln.
Ein solcher Hintergrund war für Sperber das entscheidende Merkmal aller totalitären politischen Systeme: der Wille zur Machtausbreitung.
(Europa) teilt den gewaltigen Kontinent mit einem totalitären Imperium, dessen Herrscher ihre Diktatur so lange für gefährdet halten, solange sie sich nicht bis zu den Ufern des Atlantischen Ozeans, ja, wenn möglich, über die ganze Erde ausbreitet.
Das liegt offenbar im Wesen des Totalitarismus, der Zwang, sich die ganze Welt untertan zu machen — all das mit ideologischen Verbrämungen, die zwar mit den Jahren zweifellos ihren Zauber und ihre Werbekraft verloren haben, aber nunmehr durch unheimliche Atomwaffendrohungen wirksamst unterstützt werden.
Dann kam der entscheidende Satz, der die Gemüter der Zuhörenden spaltete:
Und daß dem so ist, beweisen, ohne es zu wollen, jene, die heute durch die Hauptstädte demokratischer Länder ziehen, um dagegen zu protestieren, daß in Europa Abwehrmittel gegen die Erpressung, gegen die Drohung mit Atomwaffen zur rechten Zeit aufgestellt werden. (…)
Abwehrmittel — das bedeutete Aufrüstung, um dem Leviathan im Osten die Stirn zu bieten:
Wer jedoch glaubt und glauben machen will, daß ein waffenloses, neutrales, kapitulierendes Europa für alle Zukunft des Friedens sicher sein kann, der irrt sich und führt andere in die Irre. Wer für die Kapitulation vor jenem bedrohlichen Imperium eintritt, das seit dem Zweiten Weltkrieg mehrere europäische Staaten in Satelliten verwandelt hat, irrt sich und führt andere in die Irre.
Für einen Europäer meiner Generation, aber auch für die Nachgeborenen, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Europa sich und zugleich seine unübertrefflichen Werte retten kann, wenn es föderativ vereint und, statt ein Zankapfel zwischen zwei Supermächten zu sein, selbst zu einer Großmacht wird, die weder eroberungs- noch rachsüchtig, jedoch nur aufs äußerste entschlossen bleibt, durch eigene, zulängliche Abwehrkräfte jene abzuschrecken, die sich durch seine Schwäche und den eigenen Hegemonismus ermutigt fühlen können, sich Europas zu bemächtigen.
Da ich — wie so viele andere — stets dazu geneigt war, unsere Zivilisation mit unerbittlicher Strenge zu kritisieren, will ich heute um so lauter darauf bestehen, daß Europa sich trotz allem selbst retten kann, wenn es sich nicht dazu verführen läßt, sich gerade in einer Zeit aufzugeben, in welcher der Mut zur Menschlichkeit und zur Wahrheit den Mut zur Selbstbehauptung voraussetzt.
Wie auch immer die Beziehungen zwischen Amerika und Rußland sich gestalten mögen, Europa wird sich nicht dank masochistischer Wehrlosigkeit, sondern nur dann aus deren Konflikten heraushalten können, wenn es selbst eine Supermacht geworden sein wird, so abschreckend wie jene Riesenstaaten. Das ist unsäglich traurig, jedoch unvermeidlich, weil diese Welt noch während mehrerer Jahrzehnte der Gefahr und der Lockung des Selbstmordes ausgesetzt bleiben wird. Wir alten Europäer aber, die den Krieg verabscheuen, wir müssen leider selbst gefährlich werden, um den Frieden zu wahren.
Über 40 Jahre später steht Europa wieder vor einer ähnlichen Herausforderung, diesmal allerdings gleich zwei das Völkerrecht mit Füssen tretenden Mächten gegenüber. Besteht die Lösung darin, dass sich Europa in den nächsten Jahren zu einer weiteren militärischen Supermacht entwickelt? Das ist die entscheidende Frage, und es ist heute z.B. die Forderung des deutschen Wirtschaftswissenschaftlers Hans Werner Sinn in seinem letztes Jahr erschienenen Buch “Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa”.
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 9. Mai
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