Ist es tatsächlich das Versagen der christlichen Religion, die zur aktuellen ökologischen Krise führte, wie Vine Deloria anklagt? Die Antwort muss wohl lauten: Jein!
Ja: Allzu lange war das Christentum eine Art “Jenseits-Religion”. Wichtig war allein das Schicksal nach dem Tod ‑Himmel oder Hölle. Diese doch ziemlich primitive Sichtweise verlor im Zuge der letzten Jahrhunderte Schritt um Schritt ihre Bedeutung. Inzwischen ruft der Papst selbst zur Bewahrung der irdischen Schöpfung auf. Aber auch heute gibt es noch viele Stimmen, die es sich verbitten, dass Christen sich in die Diskussion um schädigende wirtschaftliche Strukturen einmischen. So geschehen vor ein paar Jahren beim Kampf um die Konzernverantwortungsinitiative, als (rechts-)konservative Kreise gegen das Engagement der Kirche für die Initiative regelrecht Sturm liefen. Botschaft: Das Christentum soll lediglich sein spirituelles Gärtchen pflegen und sich aus ökologischen Fragen bitte raushalten …
Nein: Auch im Christentum gab es Stimmen, die zur Achtung der Natur aufriefen, — angefangen beim keltischen Christentum bis hin zum Heiligen Franziskus. Es ist kein Zufall, dass Franziskus bei vielen christianisierten Indigenen als “ihr Heiliger” adoptiert wurde. Es ist auch durchaus möglich, die Aufforderung “Macht euch die Erde untertan” im Sinne einer Bewahrung der Schöpfung zu interpretieren.
Aber, das muss auch festgehalten werden: Sowohl die keltisch-christliche Spiritualität wie auch Franziskus sind im kirchlichen Christentum Randphänomene geblieben. Der Raubbau an der Erde schreitet ungebrochen voran, und — perfekte Ironie — z.B. in den USA mit einem christlichen Mäntelchen überdeckt …
Hören wir deshalb Vine Deloria weiter zu, was er zu sagen hat. Er zitiert folgendes Reue-Bekenntnis in einer neuen christlichen “Liturgie der Erde”:
Herr Gott, wir bekennen vor Dir und voreinander, daß wir als einzelne und als Ganzes keine guten Verwalter Deiner Erde waren. Wir haben die Luft verpestet, das Wasser verseucht, den Boden vergiftet und uns dadurch schweren Schaden zugefügt. Wir haben dafür bezahlt und werden dafür noch zahlen müssen, und wir bedauern dies und alle anderen Sünden aufrichtig. Wir bitten Dich um Kraft und Hilfe, alles ungeschehen zu machen, und die Erleuchtung, einen neuen Lebensstil zu finden.
Tönt doch gut, oder? — Deloria sieht das anders:
Selbst bei dem Versuch, ein religiöses Gefühl in das Problem der Umweltvernichtung zu bringen, sieht man, wie oberflächlich alles verstanden wird, was für die Krise verantwortlich ist. Man bemüht sich in keiner Weise um ein neues Verständnis der Schöpfung. Statt dessen wird wieder der so beliebte Begriff der „Verwaltung” zitiert, als ob der nichts mit der Ursache der ökologischen Krise zu tun hätte. Die vielleicht treffendste Zusammenfassung der in der Liturgie zum Ausdruck gebrachten Gedanken müßte so lauten: „Herr Gott, bitte hilf uns, den Schaden möglichst niedrig zu halten, wir wollen ja versuchen, einen neuen Lebensstil zu finden, der nicht mehr ganz so viel kaputtmacht.” Das ist absolut unangemessen und erreicht nicht das Grundproblem. Es ist Flickschusterei an einer ernsten theologischen Frage.
Als ein weiteres Problem sieht Deloria die Auseinandersetzung zwischen christlichen Buchstabengläubigen der Genesis und denen, die sie symbolisch auffassen. Sie nimmt in den USA heute erstaunlicherweise gerade wieder massiv an Fahrt auf.
Solche Probleme gab es bei den Stammesreligionen nicht. Der Stamm wußte, daß er zu einem bestimmten Land und dessen Lebensformen gehörte, und das genügte. Die Stammesreligionen sahen ihre Aufgabe darin, die Beziehung zwischen der Stammesgruppe und allen anderen Teilen der Schöpfung herzustellen. Was der Indianer über die geschichtliche Wahrheit von
Schöpfungslegenden denkt, geht aus folgender Geschichte hervor, die Dr. Charles Eastman, der berühmte Arzt der Sioux, berichtet hat:
Ein Missionar wollte eine Gruppe von Indianern über die Wahrheit seiner Religion belehren. Er erzählte ihnen von der Erschaffung der Erde in sechs Tagen und dem Sündenfall unserer Ureltern, weil sie einen Apfel gegessen hatten.
Die höflichen Wilden lauschten aufmerksam, und nachdem sie ihm gedankt hatten, erzählte einer von ihnen eine sehr alte Geschichte vom Ursprung des Mais. Aber der Missionar zeigte nur Unglauben und Widerwillen und sagte unwirsch: „Ich habe euch die heilige Wahrheit gesagt, und ihr erzählt mir Märchen und verlogenes Zeug!”
„Mein Bruder”, erwiderte ernst der in dieser Weise beleidigte Indianer, „mir scheint, du bist in den Regeln der Höflichkeit nicht sehr erfahren. Wir haben diese Regeln befolgt und deine Geschichte geglaubt. Warum willst du die unsrige nicht glauben?”s
Der Unterschied in der Auffassung, der sich hier zeigt, führt uns wieder zu den bereits angestellten Betrachtungen zurück. Wenn eine Religion an den Zeitbegriff gebunden ist, muß alles in einem zeitlichen Sinn gültig sein. Deshalb hängen die Christen so an ihrer Behauptung, der Genesisbericht sei die Schilderung eines historischen Ereignisses.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 4. September
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