Wenn Ärz­te mit der von Cayce in Trance gestell­ten Dia­gno­sen kon­fron­tiert wur­den, waren sie regel­mäs­sig erstaunt über deren Treff­si­cher­heit. Weni­ger über­zeugt waren sie in der Regel von den vor­ge­schla­ge­nen Mass­nah­men zur Hei­lung. Eine Aus­nah­me war ein Arzt namens Ket­chum, der bereit war, die Anwei­sun­gen Cayces ohne Wenn und Aber umzu­set­zen.
Mit Erfolg: Ein schwer­ge­wich­ti­ger und wohl­ha­ben­der Bür­ger Hop­kins­vil­les hat­te sich das rech­te Bein sowohl ober­halb wie unter­halb des Knies gebro­chen. Eine Ampu­ta­ti­on schien unaus­weich­lich.
Doch Ket­chum – auf Anra­ten von Cayce, den er in Trance erhal­ten hat­te – sag­te, das Knie kön­ne geheilt wer­den. Die nach­fol­gen­de Lesung emp­fahl Ket­chum, Löcher in die Knie­schei­be und die Bein­kno­chen zu boh­ren, Nägel dar­in ein­zu­set­zen und Dal­ton in Trak­ti­on zu neh­men. Ket­chum war, gelin­de gesagt, skep­tisch. Das Ein­set­zen von Metall­schrau­ben oder ‑nägeln in Kno­chen war ein Ein­griff, der zuvor weder in Ken­tu­cky noch anders­wo in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten jemals durch­ge­führt wor­den war. Es scha­de­te jedoch nicht, den Ein­griff zu ver­su­chen. Im schlimms­ten Fall wür­de Dal­ton sein Bein ver­lie­ren – was die ande­ren Ärz­te von Anfang an erwar­tet hat­ten. Ket­chum ließ Nägel nach Cayces Vor­ga­ben anfer­ti­gen. Mit Unter­stüt­zung eines wei­te­ren Arz­tes und zwei­er Kran­ken­schwes­tern bohr­te er Löcher in die Knie- und Bein­kno­chen und setz­te dann die Nägel ein. Zwei Mona­te spä­ter war Dal­ton wie­der auf den Bei­nen. Die Nägel befan­den sich noch immer in sei­nem Bein, als er sieb­zehn Jah­re spä­ter starb.

Ket­chum schlug Cayce schliess­lich eine offi­zi­el­le Part­ner­schaft vor. Cayce — immer in Geld­not — wil­lig­te unter der Bedin­gung ein, dass Hil­fe­su­chen­de, die nichts bezah­len konn­ten, nicht abge­wie­sen wer­den durf­ten.

Schlag­ar­tig einer wei­te­ren Öffent­lich­keit bekannt wur­de Cayce, als die Vor­trä­ge von Ket­chum offen­sicht­lich das Inter­es­se der New York Times weck­ten und ein Arti­kel über ihn auf der Titel­sei­te erschien.

Pro­mi­nen­te — dar­un­ter die bei­den Erfin­der Tho­mas Edi­son und Niko­la Tes­la — began­nen sei­nen Rat ein­zu­ho­len.

Beim Stu­di­um der umfang­rei­chen Samm­lung von Lesun­gen wur­de Ket­chum bewusst, dass die Quel­le eine eigen­stän­di­ge Per­sön­lich­keit oder ein eigen­stän­di­ges Wesen mit vie­len mensch­li­chen Eigen­schaf­ten war. So „all­wis­send“ die Quel­le auch sein moch­te, sie konn­te auch schroff sein, moch­te kei­ne Fra­gen, die sie für sinn­los hielt, und zeig­te etwas, das man nur als schrä­gen Sinn für Humor bezeich­nen konn­te. Dies wur­de in den fol­gen­den Jah­ren immer deut­li­cher. Auf die Fra­ge, wie man Sor­gen über­win­den kön­ne, ant­wor­te­te die Quel­le schlicht: „Hör auf, dir Sor­gen zu machen!“ Einer Frau, die wis­sen woll­te, ob das Tra­gen einer Bril­le, wie von Cayce emp­foh­len, wirk­lich not­wen­dig sei, wur­de gesagt: „Der Kör­per braucht die Bril­le wirk­lich, sonst hät­ten wir es nicht gesagt!“ Als ein Pati­ent frag­te, ob ein Medi­ka­ment äußer­lich auf­ge­tra­gen wer­den sol­le, erhielt er ledig­lich die Ant­wort: „Du kannst es ja nicht inner­lich ein­rei­ben!“ – man sol­le ver­trau­en.

Doch der Erfolg wur­de schon bald von dunk­len Wol­ken über­schat­tet. Ger­tru­de, sei­ne Frau, blieb wei­ter­hin eine skep­ti­sche Zuschaue­rin. Im März 1911 gebar sie nach Hugh Lynn einen zwei­ten Sohn, Mil­ton Por­ter, ver­lor ihn aber schon nach zwei Mona­ten an Keuch­hus­ten und einer Koli­tis. Und kurz dar­auf begann sie sel­ber, Blut zu hus­ten. Dia­gno­se: Tuber­ku­lo­se. Das war damals in der Regel ein Todes­ur­teil .

Edgar bot sofort an, eine Sit­zung abzu­hal­ten, doch Ger­tru­de wehr­te sich wei­ter­hin dage­gen. Trotz der Hil­fe, die Edgar ihrem Nef­fen Tom­my House geleis­tet hat­te, moch­te Ger­tru­de sei­ne Tätig­keit als Medi­um nach wie vor nicht und woll­te nicht, dass sich ihr Leben dar­um dreh­te. Ihrer Mei­nung nach bestand die ein­zi­ge Mög­lich­keit, ihren Stand­punkt durch­zu­set­zen, dar­in, sich zu behaup­ten und das weni­ge Maß an Kon­trol­le aus­zu­üben, das sie über die Situa­ti­on hat­te.
Edgar ver­such­te ver­geb­lich, sie zu einer Sit­zung zu über­re­den. Auch Ket­chum unter­nahm einen Ver­such, doch sei­ne Bit­ten, sie möge sich einer Trance­be­ra­tung unter­zie­hen, blie­ben wir­kungs­los und ver­schärf­ten die ohne­hin schon ange­spann­te Situa­ti­on viel­leicht sogar noch. Mög­li­cher­wei­se sah Ger­tru­de in ihm zudem eine der Haupt­ur­sa­chen für Mil­ton Por­ters Tod.

Die „Quel­le“ klang für Ket­chum so „mensch­lich“, dass der Arzt zu dem Schluss kam, die Stim­me, die durch Cayce sprach, sei kein eigen­stän­di­ges Wesen, son­dern Edgars höhe­res unbe­wuss­tes Selbst. Er wider­sprach der Über­zeu­gung von Car­rie House – dass eine himm­li­sche Prä­senz die Kon­trol­le über­nahm, wenn Cayce in Trance fiel – und beharr­te dar­auf, dass Cayces Geist frei sei, mit ande­ren Geis­tern zu kom­mu­ni­zie­ren, wenn er das Bewusst­sein ver­lor. Obwohl spä­te­re Sit­zun­gen dar­auf hin­deu­te­ten, dass die­se Theo­rie ein­deu­tig viel Wah­res ent­hielt, räum­te Ket­chum selbst spä­ter ein, dass das, was auch immer geschah, weit­aus kom­pli­zier­ter war, als dass Cayces Geist ein­fach nur in das Uni­ver­sum hin­aus­reich­te. Dies war jedoch ein guter Aus­gangs­punkt.
Ket­chum ver­mu­te­te zudem, dass Cayces Unter­be­wusst­sein sich zum phy­si­schen Auf­ent­halts­ort des Pati­en­ten bege­ben konn­te. Wäh­rend einer Sit­zung mach­te Cayce eine Bemer­kung zur Far­be des Pyja­mas einer Pati­en­tin und erwähn­te bei einer ande­ren Gele­gen­heit einen beson­ders schö­nen Baum in ihrem Gar­ten.

Wie es mit Ger­tru­de Cayce wei­ter­ging, erfah­ren wir in der nächs­ten Fol­ge am 4. Sep­tem­ber

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