In sei­nem letz­ten Buch “Who kil­led the Ame­ri­can Dream” zeigt der Jour­na­list und Radio­mo­de­ra­tor Thom Hart­mann auf, wel­che Kräf­te über Jahr­zehn­te hin­weg dafür sorg­ten, dass der ame­ri­ka­ni­sche Traum einer frei­en, gerech­ten und wohl­ha­ben­den Gesell­schaft Schritt um Schritt zer­stört wur­de.
In sei­nem Epi­log “Was die Geschich­te über uns sagen wird” zieht er fol­gen­de Bilanz:
Die Geschich­te lehrt uns, dass Olig­ar­chien insta­bi­le Regie­rungs­sys­te­me sind, die in der Regel ent­we­der an ihrer eige­nen inne­ren Fäul­nis zusam­men­bre­chen – wie es hier 1929 geschah, als die „Repu­bli­ka­ni­sche Welt­wirt­schafts­kri­se“ die Olig­ar­chen der „Roaring Twen­ties“ zu Fall brach­te – oder von ihrem eige­nen Volk gestürzt wer­den, wie es in den 1860er Jah­ren geschah, als das faschis­ti­sche Sys­tem, das den „Old South“ über­nom­men hat­te, durch den Bür­ger­krieg zer­stört wur­de.

Wenn Olig­ar­chien jedoch nicht zusam­men­bre­chen oder gestürzt wer­den, ver­wan­deln sie sich in Tyran­nei, und das geschieht in der Regel inner­halb einer ein­zi­gen Gene­ra­ti­on.

Genau das ist in Russ­land gesche­hen. In weni­ger als zwan­zig Jah­ren ent­wi­ckel­te sich das Land vom Cha­os der Olig­ar­chie der 1990er Jah­re zu Putins auto­ri­tä­rem Staat. Das Glei­che geschah auch in Ungarn, wo Vik­tor Orbán eine frisch befrei­te Demo­kra­tie in weni­ger als einem Jahr­zehnt in einen auto­ri­tä­ren Staat ver­wan­del­te. Und genau das geschieht gera­de in der Tür­kei, auf den Phil­ip­pi­nen, Indi­en und zahl­rei­chen ande­ren Län­dern welt­weit.

Tyran­nei ent­steht in der Regel nicht auf einen Schlag. Sie schrei­tet schritt­wei­se vor­an, unauf­halt­sam Schritt für Schritt, bis sie einen Wen­de­punkt erreicht, an dem sie nicht mehr auf­zu­hal­ten ist. Bevor die­ser Wen­de­punkt erreicht ist, glau­ben die meis­ten Men­schen, das Sys­tem wer­de sich von selbst kor­ri­gie­ren, dass sich die Lage wie­der nor­ma­li­sie­ren wer­de, sobald alle begrei­fen, was vor sich geht.

Sie irren sich fast immer.

Ame­ri­ka befin­det sich der­zeit in die­ser gefähr­li­chen Zone zwi­schen Olig­ar­chie und Tyran­nei. Die Olig­ar­chen unse­rer Nati­on kon­trol­lie­ren unse­re Poli­tik seit gut vier­zig Jah­ren. Sie besit­zen die Medi­en, haben die Gerich­te unter ihre Kon­trol­le gebracht und den Groß­teil des Kon­gres­ses gekauft. Die Fra­ge, die sich heu­te stellt, ist, ob sie sich mit ihrer beque­men Olig­ar­chie zufrie­den geben wer­den oder ob sie sich Donald Trumps und der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei anschlie­ßen wer­den, um den end­gül­ti­gen Über­gang Ame­ri­kas zur Tyran­nei vor­an­zu­trei­ben.

Ste­ve Ban­non hat uns das Ziel genannt: „Den Ver­wal­tungs­staat dekon­stru­ie­ren.“ Das ist Tyran­nen­jar­gon für den Abbau jener Insti­tu­tio­nen, die es wagen könn­ten – oder die Macht hät­ten –, die olig­ar­chi­sche Macht ein­zu­schrän­ken.

Infol­ge­des­sen befin­den wir uns in einem Wett­lauf gegen die Zeit, und das Zeit­fens­ter für erfolg­rei­ches Han­deln wird immer enger. Mit jedem Jahr, in dem die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te von Unter­neh­men bestehen blei­ben (Citi­zens United!), fes­ti­gen Ame­ri­kas Olig­ar­chen ihren Griff. Jede Wahl, die sie kau­fen, macht es ein­fa­cher, die nächs­te Wahl zu kau­fen. Jeder Rich­ter, den sie ein­set­zen, macht es ein­fa­cher, den nächs­ten Rich­ter ein­zu­schüch­tern oder zu bestechen.

Das ist kei­ne Panik­ma­che: Es ist das his­to­ri­sche Mus­ter, das sich in Dut­zen­den von Län­dern und über Jahr­tau­sen­de hin­weg wie­der­holt hat. Olig­ar­chien fal­len ent­we­der oder sie wer­den zu Tyran­nei­en; es gibt kei­ne drit­te Opti­on. (…)

Der gestoh­le­ne Traum

Im Jahr 1944, als Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner in Über­see gegen den Faschis­mus kämpf­ten, hielt Frank­lin Roo­se­velt eine sei­ner wich­tigs­ten Reden zur Lage der Nati­on. Er war zu krank, um zum Kapi­tol zu rei­sen, also sprach er vom Wei­ßen Haus aus, und sei­ne Stim­me wur­de über die­ses neu­mo­di­sche Ding namens Radio in die Wohn­zim­mer ganz Ame­ri­kas über­tra­gen.

Zwar ging er in die­ser Rede auf die Kriegs­an­stren­gun­gen ein, doch der Mann, der Ame­ri­ka aus der von den Repu­bli­ka­nern ver­ur­sach­ten Welt­wirt­schafts­kri­se geret­tet hat­te, stütz­te sich vor allem auf sei­nen Vor­schlag – den er als „Zwei­te Bill of Rights“ bezeich­ne­te –, um Ame­ri­ka zu dem zu machen, was Jef­fer­son als „eine per­fek­te­re Uni­on“ bezeich­ne­te. Im Mit­tel­punkt stand dabei eine Rei­he neu­er ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Rech­te, die jedem Bür­ger den ame­ri­ka­ni­schen Traum garan­tie­ren soll­ten.

Wir sind zu der kla­ren Erkennt­nis gelangt“, sag­te Roo­se­velt, „dass wah­re indi­vi­du­el­le Frei­heit ohne wirt­schaft­li­che Sicher­heit und Unab­hän­gig­keit nicht exis­tie­ren kann. Men­schen in Not sind kei­ne frei­en Men­schen. Men­schen, die hun­gern, Men­schen, die kei­ne Arbeit haben, sind der Nähr­bo­den, auf dem Dik­ta­tu­ren gedei­hen.

FDRs „Second Bill of Rights“ leg­te, wie bereits erwähnt, das Recht auf einen gut bezahl­ten Arbeits­platz, den Schutz klei­ner Unter­neh­men vor unlau­te­rem Wett­be­werb durch Mono­po­le, Wohn­raum für alle Ame­ri­ka­ner, Gesund­heits­ver­sor­gung für alle und kos­ten­lo­se Hoch­schul­bil­dung fest.

All die­se Rech­te bedeu­ten Sicher­heit“, sag­te FDR. „Und nach­dem die­ser Krieg gewon­nen ist, müs­sen wir bereit sein, bei der Umset­zung die­ser Rech­te vor­an­zu­schrei­ten, hin zu neu­en Zie­len des mensch­li­chen Glücks und Wohl­erge­hens.“

FDR starb kurz nach die­ser Rede, am 12. April 1945, doch in den fol­gen­den fünf­und­drei­ßig Jah­ren kamen wir der Ver­wirk­li­chung die­ses Traums sehr nahe.

Bis 1980 leb­ten zwei Drit­tel der Ame­ri­ka­ner die­sen Traum. Wir hat­ten Jobs, die genug ein­brach­ten, um eine Fami­lie zu ernäh­ren, wir konn­ten es uns leis­ten, in unse­ren Zwan­zi­gern ein Haus zu kau­fen, und die Gesund­heits­ver­sor­gung trieb uns nicht in den Ruin. Wir besuch­ten die Hoch­schu­le, ohne uns zu ver­schul­den, und für die meis­ten von uns war der Ruhe­stand gesi­chert. Seit 1933 ging es jeder Gene­ra­ti­on bes­ser als der vor­an­ge­gan­ge­nen.

Dann wur­de Rea­gan gewählt und setz­te – ähn­lich wie Trump es mit dem „Pro­jekt 2025“ tat – das 1.093 Sei­ten umfas­sen­de „Man­da­te for Lea­der­ship“ der Heri­ta­ge Foun­da­ti­on aus dem Jahr 1980 um, in dem den Olig­ar­chen der US-Han­dels­kam­mer nahe­ge­legt wur­de, die Kon­trol­le über die Medi­en, die Gerich­te, Ame­ri­kas Uni­ver­si­tä­ten und die öffent­li­che Mei­nung zu über­neh­men. (…)

Rea­gan, die Repu­bli­ka­ni­sche Par­tei und die größ­ten Unter­neh­men Ame­ri­kas nutz­ten die Rech­te von Unter­neh­men gemäß dem Ers­ten Ver­fas­sungs­zu­satz, um Wah­len zu kau­fen und die Stim­men der ein­fa­chen Bür­ger zu über­tö­nen. Sie nutz­ten die Eigen­tums­rech­te von Unter­neh­men, um jede Regu­lie­rung zu bekämp­fen, die Arbeit­neh­mer, Ver­brau­cher und Gemein­den schütz­te. Sie nutz­ten die Rech­te von Unter­neh­men auf ein ord­nungs­ge­mä­ßes Ver­fah­ren, um die Rechen­schafts­pflicht für Unter­neh­mens­ver­bre­chen zu blo­ckie­ren.

Sie zer­schlu­gen die Gewerk­schaf­ten, die den Arbeit­neh­mern Ver­hand­lungs­macht ver­lie­hen, ange­fan­gen mit Rea­gans Angriff auf die Flug­lot­sen der PATCO. Sie ver­fass­ten die Han­dels­ab­kom­men, die Mil­lio­nen guter Arbeits­plät­ze in der Fer­ti­gungs­in­dus­trie ins Aus­land ver­la­gern wür­den. Sie ver­wan­del­ten das Gesund­heits­we­sen und die Kran­ken­ver­si­che­rung von Diens­ten für die Mit­tel­schicht in rei­ne Pro­fit­quel­len. Sie ver­wan­del­ten Wohn­raum von einem mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis in eine Spe­ku­la­ti­ons­wa­re und belas­te­ten jun­ge Men­schen mit Schul­den für eine Aus­bil­dung, die frü­her kos­ten­los war.

Und sie trans­fe­rier­ten über fünf­zig Bil­lio­nen Dol­lar aus den Häu­sern, Geld­bör­sen und Ren­ten­kon­ten der arbei­ten­den Ame­ri­ka­ner in ihre eige­nen Geld­spei­cher.

FDRs „Second Bill of Rights“ wur­de nie ver­ab­schie­det, aber der Traum, den sie ver­kör­per­te, war real für die Gene­ra­tio­nen, die sei­nen Aus­bau der Demo­kra­tie und einer Wirt­schaft, die zuneh­mend für alle funk­tio­nier­te, mit­er­leb­ten und erleb­ten.

Fort­set­zung des Epi­logs am Don­ners­tag, den 3. Sep­tem­ber

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