Im Kapitel “Die Schöpfung” in seinem Buch “Gott ist rot” arbeitet Vine Deloria die Unterschiede im Verständnis der Schöpfung zwischen dem christlichen Dogma und den Stammesreligionen Nordamerikas heraus. Seine Analyse ist nicht nur hilfreich, die indigene Spiritualität besser zu verstehen, sie fordert die Christen auch heraus, sich mit ihren eigenen Glaubenssätzen vertiefter auseinanderzusetzen. Hier und in den nächsten Folgen deshalb einige Auszüge.
Unter den großen weltanschaulichen Unterschieden zwischen indianischen Stammesreligionen und Christentum besteht der größte wohl in der Ansicht der Schöpfung. Für das Christentum ist die Schöpfung vor allem ein spezifisches Ereignis, während die indianischen Stammesreligionen sie als Zustand, als Ökosystem an einem bestimmten Ort sehen. Auch hier taucht wieder die Frage auf, ob wir räumlich oder zeitlich sehen, ob etwas hier oder damais geschah.
Beide Religionen sind sich über das Wirken eines Schöpfers einig, aber von diesem einen Punkt abgesehen gibt es wenig, was beide gemeinsam haben. Die Stammesreligionen sehen bei allen weiteren religiösen Betrachtungen in erster Linie die Verwandtschaft aller Dinge. Die Christen hingegen sehen die Schöpfung als den Anfang eines zeitlichen Ablaufs, durch den sich ein göttlicher Plan erfüllt, und das Ende ist ein Akt der Zerstörung, durch den die Welt untergeht. Der Anfang und das Ende der Zeit sind für die Stammesreligionen ohne Belang.
Für die Christen ist die Schöpfungsgeschichte von einmaliger Bedeutung: Sie zeigt, wie der Mensch erschaffen wurde und die Sünde in die Welt kam. Adam und Eva, die ersten Menschen, sind nach dem Bilde Gottes entstanden. Diese Vorstellung ist bei den Christen allgemeingültig und sehr wichtig für die theologischen Hauptlehren. Darum haben sich die Christen — nicht unbedingt auch ihre hebräischen Vorgänger und jüdischen Zeitgenossen — Gott immer mit einem menschenähnlichen Aussehen vorgestellt. Gemälde zeigen ihn gewöhnlich als alten Mann, was vielleicht von der hebräischen Vorstellung des „Gottvater” herrührt.
Unterschiedlich ist bei Stammesreligionen und Christentum auch die populäre Gottesvorstellung. Die ersteren lehnen in ihrer überwiegenden Mehrzahl ein anthropomorphes Gottesbild ab. Wohl gebrauchten viele Stämme die Anrede „Gottvater”, wenn sie zu Gott beteten, aber sie haben niemals den Versuch gemacht, darauf ein theologisches System aufzubauen. Man glaubte zwar, daß der Große Geist Ähnlichkeit mit der Rolle eines Großvaters in der Gesellschaft des Stammes hat, aber es bestand im allgemeinen kein Wunsch nach einer „persönlichen Verwandtschaft” mit dem Großen Geist, während das Christentum die persönliche Verwandtschaft oder Beziehung zu Gott betont.
Die unterschiedliche Auffassung von Gott als einem anthropomorphen Wesen oder einer nicht näher definierten geistigen Gegenwart setzt sich in der ebenso unterschiedlichen Auffassung von der Schöpfung fort. In der christlichen Theologie folgt unmittelbar nach der Erschaffung der Welt der Ungehorsam Adams, der die verbotene Frucht ißt, die auf einem Baum im Garten Eden wächst. Mit dieser Tat fiel der Mensch von Gott ab und wurde dafür aus dem Garten vertrieben. Die Hauptthese der christlichen Religion ist demnach in ihrer Schöpfungsgeschichte enthalten, denn der Sinn des Sühneopfers Jesu von Nazareth ist ja die Erlösung des Menschen.
Mit diesen Ausführungen zeichnet Deloria das christlich/kirchliche Dogma, wie er es selber in seiner Familie erlebt hat. Was er nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass der Opfertod Jesu am Kreuz zum Beispiel im gnostischen Christentum eine völlig andere Interpretation erfährt: Jesus Christus nicht als von Gott verlangtes Opfer für die Sünde Adams, Evas und der ganzen Menschheit, sondern als der erste Mensch, der nach einer langen Entwicklung über viele Inkarnationen die vollkommene Einheit mit der Urquelle allen Seins — Gott — erreicht hat als Vorbild für unser aller langer spiritueller Entwicklungsweg. Seinem
Tod am Kreuz entspricht der Tod unseres niederen Selbst — unseres Egos — als Vorbedingung für das Aufblühen unseres wahren Selbst, das sich mit der Urquelle allen Seins wieder bewusst vereint. Was es mit diesem Ego-Tod auf sich hat, hat der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle in seinem Buch “Eine neue Erde” auf eindrückliche Weise herausgearbeitet.
Doch weiter mit Delorias Analyse:
Mit Adams Sündenfall fällt auch die übrige Natur in Gottes Ungnade, denn Adam ist stellvertretend für die gesamte Schöpfung. Dieser Punkt war für die christlichen Theologen immer ein sehr heikles Problem. Einerseits war dadurch der Eintritt des Bösen in die Welt auf adäquate Weise erklärt, andererseits aber fiel den Theologen die Erklärung schwer, wie das in einem als vollkommen anzusehenden Universum geschehen konnte. Der heilige Augustinus meinte, Gott selbst habe die Gestalt der Schlange angenommen und Eva überredet, die verbotene Frucht zu essen. Das wurde nicht allgemein akzeptiert, obgleich es eine hinreichende Erklärung sein könnte.
Dieser Hinweis ist insofern interessant, als im gnostischen Christentum “die Vertreibung aus dem Paradies”, der “Fall”, keine Strafe, sondern ein notwendiger Schritt aus dem Pleroma hinein in das Raum/Zeit-Universum ist, das eine Entwicklung überhaupt erst ermöglicht. Ob Deloria Augustinus richtig interpretiert, sei dahingestellt.
Von größerer Wichtigkeit sind aber jene beiden Punkte der christlichen Schöpfungslehre, die uns gerade heute direkt angehen. Der eine ist, daß nach dem Sündenfall die natürliche Welt verderbt ist und im Prinzip nicht erlöst werden kann. Viele christliche Theologen haben sich dieser Schlußfolgerung zu entziehen versucht, sie war aber eine Hauptlehre während der ganzen christlichen Ära.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 21. August
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