Hier folgt die detail­lier­te Schil­de­rung, was Edgar Cayces “Infor­ma­ti­ons­quel­le” wäh­rend sei­ner Trance leis­ten konn­te. Es war der Beginn sei­ner Hei­ler-Tätig­keit, die noch Tau­sen­den von Hil­fe­su­chen­den das Leben ret­ten soll­te.

Edgar begann mit sei­ner nor­ma­len Stim­me zu spre­chen. Hier, wie auch in vie­len fol­gen­den Fäl­len, waren sei­ne ers­ten Wor­te ver­zerrt, fast wie ein Sum­men, als wür­de ein Musik­in­stru­ment gestimmt. Dann klang sei­ne Stim­me kla­rer, und sei­ne Wor­te wur­den deut­lich und leicht ver­ständ­lich. „Ja, wir haben hier den Kör­per und den Geist von Tho­mas House Jr.“, sag­te er. Cayce fuhr fort, die Tem­pe­ra­tur und den Blut­druck des Säug­lings anzu­ge­ben. Wie House und Jack­son fest­stell­ten, waren die Anga­ben kor­rekt. Sie hat­ten Tom­mys Vital­wer­te weni­ge Minu­ten vor Edgars Ankunft auf dem Hill gemes­sen. Nur hat­te Edgar das Kind nicht unter­sucht. Woher soll­te er das wis­sen?

Cayce – in Trance – beschrieb als Nächs­tes den Zustand von Tom­mys Orga­nen, und zwar so detail­liert und sach­lich, dass House und Jack­son den Ein­druck gewan­nen, er sei ein Arzt, der eine Aut­op­sie durch­füh­re. In die­sem Fall jedoch schien der Arzt zu schla­fen, und sein Pati­ent lag im Neben­zim­mer in den Armen sei­ner Mut­ter. Auch die­se Infor­ma­tio­nen schie­nen kor­rekt zu sein oder mit dem über­ein­zu­stim­men, was House und Jack­son ver­mu­te­ten. Nur gab es kei­ne Mög­lich­keit, sol­che Din­ge mit Sicher­heit zu wis­sen. Las Edgar etwa irgend­wie ihre Gedan­ken und nahm wahr, was die bei­den Ärz­te dach­ten?

House und Jack­son ver­war­fen die­se Mög­lich­keit jedoch bald, als Cayce eine epi­lep­ti­sche Erkran­kung beschrieb, die sei­ner Aus­sa­ge nach die schwe­ren infan­ti­len Krämp­fe, die Übel­keit und das Erbre­chen des Kin­des ver­ur­sach­te. Dar­über hin­aus erklär­te Cayce, dass die­se Erkran­kung die Fol­ge der Früh­ge­burt des Kin­des sei, die wie­der­um auf den schlech­ten kör­per­li­chen Zustand der Mut­ter in den ers­ten Mona­ten ihrer Schwan­ger­schaft zurück­zu­füh­ren war. Abschlie­ßend emp­fahl Cayce, dem Kind eine bestimm­te Dosis Bel­la­don­na oral zu ver­ab­rei­chen und anschlie­ßend sei­nen Kör­per in einen damp­fend hei­ßen Umschlag aus Pfir­sich­baum­rin­de ein­zu­wi­ckeln.

Die Sit­zung ende­te eben­so geheim­nis­voll, wie sie begon­nen hat­te. „Wir sind vor­erst fer­tig.“ House las aus dem­sel­ben Notiz­buch vor und wies Cayce an, wie­der zu Bewusst­sein zu kom­men. Cayce befolg­te den Befehl pflicht­be­wusst und erwach­te.

Die Infor­ma­tio­nen von Cayce stürz­ten die bei­den Ärz­te in ein tie­fes Dilem­ma. Sei­ne Dia­gno­se war für sie glaub­wür­dig, aber die Ver­ab­rei­chung der ver­lang­ten Dosis des hoch­gif­ti­gen Bel­la­don­na (Extrakt aus der Toll­kir­sche) an einen zwi­schen Leben und Tod schwe­ben­den Säug­ling wür­de — so waren sie über­zeugt — des­sen siche­ren Tod bedeu­ten.  Rei­nes Bel­la­don­na wur­de nur in Sal­ben zur äus­ser­li­chen Anwen­dung ein­ge­setzt.

Auch Cayce war zutiefst ver­un­si­chert, als er von sei­nem The­ra­pie­vor­schlag erfuhr:
Aus Besorg­nis wur­de Angst, als Edgar end­lich die vol­le Trag­wei­te der über­mit­tel­ten Infor­ma­tio­nen begriff. Sei­ne Sit­zun­gen mit A1 Lay­ne und ande­ren waren Expe­ri­men­te gewe­sen. Nie­mand konn­te dabei zu Scha­den kom­men. Nun muss­te er sich der schreck­li­chen Mög­lich­keit stel­len, dass die von ihm emp­foh­le­ne Behand­lung – laut House und Jack­son – zu Tom­mys Tod füh­ren könn­te und wahr­schein­lich auch wür­de. Ein Fami­li­en­mit­glied und oben­drein noch ein klei­nes Kind!

Car­rie hat­te mehr Ver­trau­en in die Rat­schlä­ge aus der Trance als Edgar selbst. Sie glaub­te, dass der schla­fen­de Cayce ein Werk­zeug der gött­li­chen Lie­be und des Mit­ge­fühls sei. In die­ser Nacht streck­te Gott sei­ne Hand nach ihr und ihrem Kind aus. Wenn Cayce – in Trance – ihr sagen wür­de, sie sol­le ihren Sohn ver­gif­ten, um ihm das Leben zu ret­ten, wür­de sie ent­spre­chend han­deln. Dr. House konn­te das nicht von sich behaup­ten. Der gesun­de Men­schen­ver­stand sowie jahr­zehn­te­lan­ge medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung lehr­ten ihn, dass Cayce unmög­lich das tun konn­te, was er offen­bar getan hat­te. Bis jetzt hat­te er Edgars Tun als blo­ße Unter­hal­tung betrach­tet – bes­ten­falls als Salon­kunst­stü­cke. Car­rie ver­lang­te von ihm, die Bel­la­don­na vor­zu­be­rei­ten.

Trotz sei­ner sehr gro­ßen Vor­be­hal­te und der Dro­hung von Dr. Jack­son, er wür­de sei­ne Appro­ba­ti­on ver­lie­ren und mög­li­cher­wei­se wegen fahr­läs­si­ger Tötung ange­klagt wer­den, hol­te er das Medi­ka­ment aus sei­ner Arzt­ta­sche. Er lieb­te Car­rie zu sehr, um anders zu han­deln. Und ganz gleich, wie dies sei­ne viel­ver­spre­chen­de Kar­rie­re been­den moch­te, konn­te er sich zumin­dest damit trös­ten, dass sein Sohn mit Sicher­heit ster­ben wür­de, wenn nichts unter­nom­men wür­de. Er wür­de den klei­nen Tom­my von sei­nem Leid erlö­sen.

Lynn Evans führ­te Edgar nach drau­ßen, um die Zuta­ten für den Umschlag zu besor­gen, der im Behand­lungs­plan emp­foh­len wor­den war. Edgar klet­ter­te auf einen Pfir­sich­baum im Obst­gar­ten hin­ter der Scheu­ne, klapp­te sein Taschen­mes­ser auf und schnitt die Rin­de vom fri­sches­ten Trieb ab. Er reich­te die Rin­de nach unten zu Lynn, und gemein­sam brach­ten sie sie in die Küche auf der Rück­sei­te des Hau­ses, wo Car­ri­es Schwes­ter Kate bereits einen Was­ser­kes­sel auf den Herd gestellt hat­te, um Was­ser zum Kochen zu brin­gen. Kate berei­te­te den hei­ßen Umschlag zu und trug ihn dann ins Wohn­zim­mer, wo die ande­ren an der Sei­te des Kin­des war­te­ten. Dr. House lös­te das wei­ße Pul­ver in einem Löf­fel Was­ser auf. Car­rie öff­ne­te dar­auf­hin Tom­mys Mund, goss die Flüs­sig­keit hin­ein und mas­sier­te sei­nen Nacken, bis er schluck­te. Dann wickel­te sie das nack­te Kind in die damp­fend hei­ßen Hand­tü­cher, die in die Pfir­sich­baum-Lösung getaucht waren.

Edgar blieb drau­ßen und stand im Regen auf der Veran­da. Er gesell­te sich nicht zu den ande­ren im Wohn­zim­mer, denn, wie er spä­ter sag­te, „ich konn­te den Gedan­ken nicht ertra­gen, Tom­my House in den Armen sei­ner Mut­ter ster­ben zu sehen“. (…)

Er hör­te kei­ne Schreie aus dem Salon drin­gen. Wie die ande­ren berich­te­ten, war Tom­my sofort ein­ge­schla­fen. Dr. House hielt in sei­nem spä­te­ren Bericht fest, dass dies die ers­te tie­fe und unun­ter­bro­che­ne Ruhe­pha­se des Kin­des seit sei­ner Geburt war. Tom­my erwach­te Stun­den spä­ter, schweiß­ge­ba­det, mit rosi­gen Wan­gen, ruhig atmend, und trank an Car­ri­es Brust. Er hat­te nie wie­der einen Krampf­an­fall.

Das „Wun­der“, wie Car­rie und Dr. House Tom­mys Gene­sung für immer bezeich­nen wür­den, präg­te in jener Nacht das Leben aller auf The Hill und in der Fol­ge das vie­ler Tau­sen­der wei­te­rer Men­schen.

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 22. August

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