“Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?” aus dem Korintherbrief des Apostel Paulus ist zu einem geflügelten Wort geworden, um den Sieg über den Tod durch die Auferstehung von Jesus Christus zu beschreiben. Das tönt zwar gut, aber die meisten Christen schauen den letzten Momenten ihres Lebens wohl immer noch nicht so gelassen gegenüber, wie es Sokrates tat. Vine Deloria, der ja christlich erzogen wurde, ist das sehr wohl aufgefallen, und er machte sich im Kapitel “Tod und Religion” in seinem Buch “God is red” seine Gedanken darüber. Hier ein Auszug daraus:
Die Kluft zwischen der Haltung zu Diesseits und Jenseits hat zu einer recht eigenartigen Einstellung der Christen zum Tod geführt. Man sollte annehmen, daß angesichts des glücklichen Lebens im Jenseits und der Leiden im irdischen Jammertal die Christen sich nach dem Tod als Eingang in die bessere Welt sehnen und daß Christen Menschen sein müßten, die den Tod nicht fürchten. Das ist aber nicht der Fall. Von allen Menschen in der Welt sind es die Christen und die von ihnen beherrschten Völker, die den Tod am meisten fürchten.
Ein Teil dieser Angst kommt aus der christlichen Botschaft selbst. Der Tod wurde für etwas Unnatürliches gehalten und als ein Übel angesehen, das durch Adams Ungehorsam in die Welt kam. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer, daß durch Jesu Gehorsam vor allem der Tod überwunden wird. Die römisch-katholische Kirche hat in ihre Lehre so etwas wie ein Schlupfloch eingebaut, durch das der Mensch vor dem Schrecken des Todes fliehen kann, denn wer sich durch die Taufe von den Sünden reinwäscht, hat das Tor zum ewigen Leben erreicht. Diese Lehre war so populär, daß eine Zeitlang die Taufe bis zum Totenbett aufgeschoben wurde, um sich aller Sünden auf einmal entledigen zu können und sofort in den Himmel zu kommen.
Eine wichtige Rolle in der christlichen Todesvorstellung spielt auch das Jüngste Gericht, wo die Taten des Menschen gewogen werden. Die guten Taten werden mit dem Himmel belohnt; wer böse war oder nicht getauft, kommt in die Hölle. Wenn nun jemand unsicher war, ob er ein gutes Leben geführt hatte oder mit dem höllischen Feuer rechnen mußte, war er wahrscheinlich aufs Sterben nicht gerade erpicht. Wieviel von der christlichen Vorstellung des Lebens nach dem Tode aus dem Nahen Osten kommt, ist nicht sicher. Bei vielen Völkern dort gab es das Jüngste Gericht in irgendeiner Form, und es spielte im religiösen Denken eine wichtige Rolle.
Bei diesen Religionen lag also das Schwergewicht auf einem Leben nach dem Tode, und damit war das irdische Leben abgewertet. Die Welt war nur noch eine Art „Testgelände” für das Jenseits. Den nahöstlichen Völkern kam offensichtlich nicht zum Bewußtsein, daß das letzten Endes eine Entheiligung der Geschichte war. Im Laufe der Entwicklung des westlichen Denkens wurde der Tod dann zu einer dämonischen Macht, die den Menschen immer mehr der Erde entfremdete. Das änderte sich auch nicht durch die protestantische Reformation.
Das Christentum lehrt, daß die Seele weiterlebt, während der Körper, der etwas Böses und Gemeines ist, verfällt — eine Lehre, die allerdings im Widerspruch steht zur fleischlichen Auferstehung des Herrn, durch die der Leib so offensichtlich verherrlicht wurde. Jedenfalls führte die Ansicht der Christen, daß die Seele unabhängig vom Körper ist, zu den fürchterlichsten Folterungen von Menschen, die man für Ketzer hielt. Der Körper mußte zermalmt werden, um die Seele zu retten. Um das Bekenntnis von Sünde und Schuld aus ihren Opfern herauszupressen, wandte die Inquisition jede nur denkbare Art der Folter an. Der von den Europäern an den Indianern begangene Völkermord entspringt direkt dieser Geisteshaltung der Christen, die angeblich nur Wilde bekehren wollten, dabei aber Millionen von ihnen ermordeten, um ein paar Seelen zu ergattern, die sterbend den fremden Glauben annahmen.
Die christliche Religion verspricht ihren Anhängern zwar ein Leben nach dem Tode, aber die Erfüllung des Versprechens dürfte ihr schwerfallen angesichts der dunklen Vergangenheit so vieler ihrer Gläubigen. Von den verschiedenen Sünden, die die Christen an der Menschheit und vor allem an den nichtchristlichen Völkern begangen haben, ist gewaltsame Bekehrung eine der unheilvollsten, gedankenlosesten und häufigsten.
Deloria nimmt hier Bezug auf die dunkle Seite des Christentums, wie es sich in den letzten 2000 Jahren entwickelt hat. Damit
steht er natürlich nicht allein: Der Historiker Karl Heinz Deschner hat sie in seiner zehnbändigen “Kriminalgeschichte des Christentums” metikulös ausgeleuchtet.
Was die “fleischliche Auferstehung” Jesu betrifft, ist die Diskussion, was darunter zu verstehen ist, einiges fortgeschritten, — z.B. im Buch “Rainbow Body and Resurrection” des katholischen Priesters Francis V. Tiso.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 7. August
An anderen Serien interessiert?
Wilhelm Tell / Ignaz Troxler / Heiner Koechlin / Simone Weil / Gustav Meyrink / Narrengeschichten / Bede Griffiths / Graf Cagliostro /Salina Raurica / Die Weltwoche und Donald Trump / Die Weltwoche und der Klimawandel / Die Weltwoche und der liebe Gott /Lebendige Birs / Aus meiner Fotoküche / Die Schweiz in Europa /Die Reichsidee /Vogesen / Aus meiner Bücherkiste / Ralph Waldo Emerson / Fritz Brupbacher / A Basic Call to Consciousness / Leonhard Ragaz / Christentum und Gnosis / Helvetia — quo vadis? / Aldous Huxley / Dle WW und die Katholische Kirche / Trump Dämmerung / Manès Sperber /Reinkarnation / USA — alternative Geschichten / Edgar Cayce

