Vine Del­oria wur­de christ­lich erzo­gen. Sei­ne Fami­le gehör­te seit lan­gem der Epi­skopal­kir­che an und brach­te vie­le Geist­li­che her­vor. Er sel­ber stu­dier­te Theo­lo­gie (und Jura). Um so bemer­kens­wer­ter ist sei­ne Hin­wen­dung zurück zur india­ni­schen Welt­sicht und Spi­ri­tua­lii­tät, gepaart mit einer har­schen Kri­tik der christ­li­chen Mis­sio­nie­rung. Hier ein paar Aus­zü­ge aus dem Kapi­tel “Mis­sio­na­re” in sei­nem Buch “Cus­ter Died for your Sins”:

Eines der größ­ten Pro­ble­me des india­ni­schen Vol­kes sind die Mis­sio­na­re. Man sagt über die Mis­sio­na­re, dass sie bei ihrer Ankunft nur das Buch hat­ten und wir das Land. Jetzt haben wir das Buch und sie haben das Land. (…)

Wäh­rend das Haupt­an­lie­gen christ­li­cher Mis­sio­nen dar­in bestand, den ein­zel­nen India­ner zu ret­ten, führ­te dies letzt­lich dazu, die india­ni­schen Gesell­schaf­ten zu zer­schla­gen und den Zusam­men­halt der india­ni­schen Gemein­schaf­ten zu zer­stö­ren. Stäm­me, die sich den Avan­cen der Mis­sio­na­re wider­setz­ten, schie­nen zu über­le­ben. Von Stäm­men, die kon­ver­tier­ten, hör­te man nie wie­der etwas. Wo das Chris­ten­tum schei­ter­te – und inso­fern es schei­ter­te –, waren die India­ner in der Lage, der kul­tu­rel­len Flut­wel­le zu wider­ste­hen, die sie zu ver­schlin­gen droh­te.

Der Kon­flikt zwi­schen den Reli­gio­nen der India­ner und der Wei­ßen war klas­sisch. Jede Reli­gi­on drück­te die Welt­an­schau­ung und das Ver­ständ­nis ihrer jewei­li­gen Grup­pe aus. Die reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen der bei­den Grup­pen stan­den nie in direk­ter Kon­fron­ta­ti­on zuein­an­der. Der Kon­flikt betraf Riten und Bräu­che. Das Chris­ten­tum zer­stör­te vie­le india­ni­sche reli­giö­se Prak­ti­ken, indem es eine viel ein­fa­che­re und prak­ti­sche­re Reli­gi­on anbot. Es war etwas, das man sofort ver­ste­hen konn­te, und nicht etwas, das den Weg für das ebne­te, womit man letzt­end­lich kon­fron­tiert wur­de.

Die Glau­bens­be­kennt­nis­se des Chris­ten­tums füll­ten das Vaku­um, das es durch sei­ne Neu­de­fi­ni­ti­on von Reli­gi­on als kon­trol­lier­ba­re Ware geschaf­fen hat­te. Obwohl über meh­re­re Gene­ra­tio­nen hin­weg ver­bo­ten, haben india­ni­sche Glau­bens­vor­stel­lun­gen stets die Fähig­keit bewahrt, aus ihrem Exil zurück­zu­keh­ren, da sie sich immer auf die tiefs­ten Anlie­gen der India­ner bezo­gen.

Die india­ni­sche Reli­gi­on erfor­der­te eine per­sön­li­che Ver­pflich­tung zum Han­deln. Hei­li­ge Män­ner stütz­ten sich auf Offen­ba­run­gen, die sie wäh­rend des Fas­tens, bei Opfern und in Visio­nen erleb­ten. Obwohl sie gesell­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen hat­ten, waren die meis­ten india­ni­schen reli­giö­sen Erfah­run­gen indi­vi­dua­lis­ti­scher Natur. Visio­nen bestimm­ten die Beru­fung in die­ser Welt, anstatt Infor­ma­tio­nen über die Erlö­sung in der jen­sei­ti­gen Welt zu lie­fern.

Glau­bens­for­meln waren den india­ni­schen Gesell­schaf­ten ein Gräu­el. Debat­ten über die Impli­ka­tio­nen der Exis­tenz Got­tes und die Schaf­fung von Fein­hei­ten im Zusam­men­hang mit der Gott­heit waren unbe­kannt. Die wesent­li­chen Leh­ren, die christ­li­che Theo­lo­gen ent­wi­ckelt hat­ten, um die Gott­heit zu erklä­ren, zu defi­nie­ren und zu kon­trol­lie­ren, wur­den im india­ni­schen reli­giö­sen Leben nie in Betracht gezo­gen. Reli­gi­on war ein unde­fi­nier­ter Ein­fluss­be­reich in der Stam­mes­ge­sell­schaft. (…)

Geset­ze als sol­che exis­tier­ten in Stam­mes­ge­sell­schaf­ten nicht. Das Gesetz wur­de als von außen auf­er­leg­te Gewalt abge­lehnt, wäh­rend das Volks­be­wusst­sein die Erfül­lung aus dem Inne­ren des Ein­zel­nen erfor­der­te. Soweit es äuße­re Kon­trol­len gab, akzep­tier­ten die India­ner nur die Tra­di­tio­nen und Bräu­che, die in der fer­nen Ver­gan­gen­heit des Stam­mes ver­wur­zelt waren. Die Zeit selbst ver­lor an Bedeu­tung, da Bräu­che lan­ge genug Bestand hat­ten, um jeg­li­ches Wis­sen über ihren Ursprung zu über­dau­ern. All­mäh­lich umga­ben Geheim­nis und Ehr­furcht Riten und Zere­mo­nien und ver­lie­hen ihnen das not­wen­di­ge „mys­te­ri­um tre­men­dum“, durch das sie das sozia­le Ver­hal­ten beein­flus­sen konn­ten. (…)

Ver­glei­chen Sie die­se leben­di­ge, unde­fi­nier­te Reli­gi­on, in der der Mensch ein selbst­ver­ständ­li­cher Teil sei­ner Welt ist, mit der Bot­schaft der christ­li­chen Mis­sio­na­re. Die Refor­ma­ti­on hat­te die Welt in zwei Berei­che geteilt: Kir­che und Staat. Die Moral des einen stand nicht unbe­dingt in Zusam­men­hang mit der Moral des ande­ren. Oft wur­den Hand­lun­gen des Staa­tes, die nach jedem Maß­stab unmo­ra­lisch waren, von der Kir­che gebil­ligt, um poli­ti­sche Macht und Ein­fluss zu gewin­nen. In ande­ren Fäl­len ermu­tig­te die Kir­che, in ihrem Bestre­ben, ihre wirt­schaft­li­che Basis zu schüt­zen, den Staat, Pro­jek­te in Angriff zu neh­men, die die­ser aus mora­li­schen Grün­den selbst nicht zu kon­zi­pie­ren wag­te. (…)

Zu ver­schie­de­nen Zei­ten wur­den Skla­ve­rei, Armut und Ver­rat vom Chris­ten­tum als poli­tisch mora­li­sche Insti­tu­tio­nen des Staa­tes gerecht­fer­tigt. Der wirt­schaft­li­che Dar­wi­nis­mus, das Über­le­ben des stärks­ten Geschäfts­man­nes, wur­de als ein von Gott gebil­lig­ter Pro­zess ange­se­hen und als das Mit­tel, durch das Er Sei­ne Aus­er­wähl­ten für die Erlö­sung bestimm­te.

Die Aus­beu­tung der Mit­men­schen mit allen Mit­teln wur­de zu einer reli­giö­sen Übung. Das Gesetz wur­de zu einer Fal­le für die Unvor­sich­ti­gen und zu einer gefähr­li­chen Waf­fe in den Hän­den derer, die wuss­ten, wie man es ein­setzt. (…)

Mis­sio­na­re betrach­te­ten die Taten der Medi­zin­män­ner und erklär­ten sie zu Wer­ken des Teu­fels. Sie über­sa­hen die Tat­sa­che, dass die Medi­zin­män­ner zu wun­der­ba­ren Taten fähig waren. Vor allem über­sa­hen sie die Tat­sa­che, dass das, was die india­ni­schen Medi­zin­män­ner taten, funk­tio­nier­te.

Der Schwer­punkt lag auf Unter­richt und Pre­digt. Das Ziel war es, die India­ner dazu zu brin­gen, den Gro­ßen Kate­chis­mus, den Klei­nen Kate­chis­mus, das Apos­to­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis, das Nicä­ni­sche Glau­bens­be­kennt­nis, die Zehn Gebo­te und ande­re magi­sche Riten und For­meln, die dem Chris­ten­tum am Her­zen lagen, aus­wen­dig zu ler­nen. Die Erlö­sung wur­de zu einer Fra­ge des Aus­wen­dig­ler­nens von Glau­bens­be­kennt­nis­sen. In einem sehr rea­len Sin­ne ersetz­te das Chris­ten­tum also leben­di­ge Reli­gio­nen durch Magie.

Vine Del­oria ver­weist hier auf einen ent­schei­den­den Unter­schied: Wäh­rend india­ni­sche Spi­ri­tua­li­tät immer mit einer per­sö­ni­chen und direk­ten Erfah­rung des Numi­no­sen ver­bun­den war (und ist). pre­dig­ten die Mis­sio­na­re all­zu­oft einen dog­ma­ti­schen Glau­ben. Das erklärt auch, wie Del­oria fest­stell­te, war­um die ver­schie­de­nen christ­li­chen Kir­chen sich bei der Mis­sio­nie­rung der indi­ge­nen Völ­ker einen har­ten Kon­kur­renz­kampf um die “india­ni­schen See­len” lie­fer­ten und sich gegen­seitg schlecht mach­ten.

Dazu mehr in der nächs­ten Fol­ge am kom­men­den Frei­tag, den 5. Juni

An ande­ren Seri­en inter­es­siert?
Wil­helm Tell / Ignaz Trox­ler / Hei­ner Koech­lin / Simo­ne Weil / Gus­tav Mey­rink / Nar­ren­ge­schich­ten / Bede Grif­fiths / Graf Cagli­os­tro /Sali­na Rau­rica / Die Welt­wo­che und Donald Trump / Die Welt­wo­che und der Kli­ma­wan­del / Die Welt­wo­che und der lie­be Gott /Leben­di­ge Birs / Aus mei­ner Foto­kü­che / Die Schweiz in Euro­pa /Die Reichs­idee /Voge­sen Aus mei­ner Bücher­kis­te / Ralph Wal­do Emer­son / Fritz Brup­ba­cher  / A Basic Call to Con­scious­ness Leon­hard Ragaz / Chris­ten­tum und Gno­sis / Hel­ve­tia — quo vadis? / Aldous Hux­ley / Dle WW und die Katho­li­sche Kir­che / Trump Däm­me­rung / Manès Sper­ber /Reinkar­na­ti­on / USA — alter­na­ti­ve Geschich­ten

Trump Dämmerung 112
Der Phallus der Immobilienhengste

Deine Meinung