Seit einiger Zeit betätigt sich unser Weltwoche-Chefredaktor immer wieder mal als Hobby-Theologe. Grosses Vorbild: Karl Barth. Was genau er sich unter der “christlichen Zivilisation” und einer “christlichen Lebensweise” vorstellt, bleibt allerdings schleierhaft. Und so schleierhaft bleiben auch seine Kommentare, in denen er wegen unserer von ihm angeprangerten “Christentumsvergessenheit” den Untergang des Abendlands an die Wand malt, — was immer man unter dieser “Vergessenheit” verstehen soll …
Hier ein Beispiel einer seiner Predigten auf Weltwoche Daily:
Jerusalem ist die Wiege der christlichen Zivilisation. Auch der jüdischen, bis zu einem gewissen Grad auch der muslimischen, die sich dann dort auch ausgebreitet hat. Aber es ist die Wiege unserer Zivilisation, meine Damen und Herren. Und wenn man sich hier in Europa permanent wundert, was hat man jetzt mit diesem Israel, wieso unterstützt man jetzt diesen Netanyahu, diesen Kriegsverbrecher? Dann spricht aus solchen Einschätzungen natürlich auch die komplette Geschichte zum Christentumsvergessenheit unserer orientierungslosen Ego-Ära.
Interessant: Es ist also absolut unchristlich, die brutale rechtsradikale und offen rassistische Politik der Netanyahu-Regierung zu kritisieren. Man staunt. Doch weiter:
Wir leben im Zeitalter des entfesselten Egoismus und der Blödheit des Menschen. Das ist so. Wenn der Mensch sich selber zum Massstab, zum Götzen erhebt, dann ist er eben vor allem weltweit mit seiner eigenen Blödheit konfrontiert.
Und da haben ja die Christen eine etwas andere Philosophie. Ein christlicher Weltzugang ist, dass der Mensch nicht das Mass aller Dinge ist. Und dass er nicht glaubt, alles besser aus seinem Genie heraus entwickeln zu können. Sondern es vielleicht darum geht, eine von höheren Mächten gefügte Ordnung so gut wie möglich in ihren Beständen zu bewahren, beziehungsweise weiterzuentwickeln, ohne sie zu vergewaltigen. Aber wenn man sich eben selber zum Nabel von allem und jedem macht, dann landen wir bei diesem kompletten Desaster, das wir heute sehen.
Schlimm, ganz schlimm … Dass man sich auch als Nicht-Christ nicht unbedingt selber zum Götzen erheben muss, scheint ihm eine absurde Vorstellung. Doch Rettung naht: An einem Ort auf diesem Planeten gibt es noch aufrechte Christen:
… ich empfinde das jetzt nicht als einen Skandal, dass die Amerikaner diese christlichen Wurzeln noch nicht vergessen haben, im Unterschied zu diesen sich so hochnässig darüber erhaben findenden Europäern. Danke Donald Trump, dass sie hier auch noch das Christentum hochhalten. Und das sage ich auch im Namen all derer, die jetzt nicht zu den frommen Christen gehören, sondern zu denen, die sich zu diesem christlichen Erbe bekennen, auch aus Ehrfurcht
heraus, dass eben so etwas, was so lange Bestand gehabt hat, nicht so schlecht sein kann. Und die eben nicht mitmachen bei diesem riesigen Egotanz ums goldene Kalb, das ja nicht mal mehr golden ist, das ist ja nicht mal mehr als Katzengold, dieses Kalb, um das sie da herumtanzen.
Donald Trump als Retter des Christentums, — darauf muss man erst mal kommen 🙂 . Und jetzt wird auch verständlich, warum er sich als dieser Retter wo immer möglich mit Gold umgibt und sich selber auf seinem Golfplatz als goldene Statue bewundern darf 😉 .
Ob sich da unser Weltwoche-Hobbytheologe nicht doch ein bisschen verrannt hat!?
Fortsetzung am kommenden Donnerstag, den 2. Juli
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