Vine Del­oria macht an einer wei­te­ren selbst­er­leb­ten Erfah­rung noch ein­mal deut­lich, was ihn an der christ­li­chen Mis­sio­nie­rung am meis­ten stör­te: Die Ver­mitt­lung von vom eigent­li­chen Leben abge­kop­pel­ten Dog­men:
Frü­her nahm die Reli­gi­on einen wich­ti­gen Platz im Leben der india­ni­schen Stäm­me ein. Sie inte­grier­te die Funk­tio­nen der Stam­mes­ge­sell­schaft, sodass das Leben als Ein­heit erlebt wur­de. Das Chris­ten­tum hat sich als zer­set­zen­de Kraft erwie­sen, indem es sei­nen Ein­fluss auf das Rezi­tie­ren von For­meln beschränk­te und zuließ, dass die wich­ti­gen Strö­mun­gen des Lebens getrenn­te Wege gin­gen, bis das Leben in eine Rei­he von unzu­sam­men­hän­gen­den Kate­go­rien zer­fiel.

Die Reli­gi­on von heu­te – oder zumin­dest das Chris­ten­tum – bie­tet kein Ver­ständ­nis, durch das die Gesell­schaft Sinn ergibt. Sie bie­tet auch kein Mit­tel, durch das das Leben des Ein­zel­nen Wert erhält. Das Chris­ten­tum bekämpft unech­te Kri­sen, die es durch sei­ne Fas­zi­na­ti­on für sei­ne eige­nen Abs­trak­tio­nen selbst erzeugt.

Ich erin­ne­re mich, dass ich kurz nach dem Tod eines Kin­des in ein india­ni­sches Haus ging. Dort war ein römisch-katho­li­scher Pries­ter, der die Mut­ter ermahn­te, nicht zu wei­nen, da das Kind nun bei Jesus sei. „Ganz auto­ma­tisch“, beharr­te er, „denn es war getauft wor­den.“ Trau­er, erklär­te er, sei für den Men­schen unna­tür­lich, seit Jesus am Kreuz gestor­ben sei. Er fuhr fort, zu erzäh­len, wie Gott eine gro­ße Mis­si­on für das Kind beschlos­sen und es zu sich heim­ge­ru­fen habe, und dass die Mut­ter die Hand Got­tes im Tod des Kin­des erken­nen kön­ne und sich nicht über des­sen Ursa­che wun­dern müs­se. Tat­säch­lich hat­te sich die Mut­ter kei­ne Gedan­ken über den Grund für den Tod des Kin­des gemacht. Ihr Kind war aus einem Fens­ter im zwei­ten Stock gestürzt und hat­te inne­re Ver­let­zun­gen erlit­ten. Es hat­te meh­re­re Tage mit einer Rei­he von Organ­ris­sen vor sich hin gelit­ten und war schließ­lich gnä­di­ger­wei­se gestor­ben.

Es erschien mir nicht, dass der Pries­ter die Mut­ter trös­te­te. Es schien viel­mehr so, als ver­su­che er ver­zwei­felt, das zu bekräf­ti­gen, was ihm im Pries­ter­se­mi­nar bei­gebracht wor­den war – Leh­ren, die nun in ihren Grund­fes­ten erschüt­tert schie­nen. Die gan­ze Sze­ne war in ihrer abs­trak­ten Grau­sam­keit beängs­ti­gend. Der Pries­ter tat mir mehr leid als die Mut­ter. Sein offen­sicht­li­cher Unglau­be an das, was er ihr sag­te, und sei­ne Unfä­hig­keit, dem Tod in sei­nem bit­ters­ten Moment ins Auge zu sehen, mach­ten ihn zur tra­gi­schen Figur.

Des­halb glau­be ich, dass die india­ni­sche Reli­gi­on die Ret­tung des india­ni­schen Vol­kes sein wird. In den india­ni­schen Reli­gio­nen, unab­hän­gig vom Stamm, ist der Tod ein natür­li­ches Ereig­nis und kei­ne beson­de­re Stra­fe eines will­kür­li­chen Got­tes. Die india­ni­schen Völ­ker ver­su­chen nicht, sich ihre Trau­er weg­zu­re­den. Sie ver­su­chen auch nicht, ein natür­li­ches, aber trau­ri­ges Ereig­nis zum Anlass zu neh­men, um nach dem Sinn der Rea­li­tät zu suchen, die jen­seits von uns selbst exis­tiert.

Eine Fol­ge die­ses Miss­be­ha­gens und der Ent­täu­schung von sei­ten der indi­ge­nen Natio­nen war neben der Wie­der­be­le­gung eige­ner Zere­mo­nien wie dem Son­nen­tanz oder der Schwitz­hüt­te die Ent­ste­hung einer hybri­den Kir­che mit christ­li­chen und indi­ge­nen Ele­men­ten:
Die Nati­ve Ame­ri­can Church.

Dazu mehr in der nächs­ten Fol­ge am Frei­tag, den 3. Juli

An ande­ren Seri­en inter­es­siert?
Wil­helm Tell / Ignaz Trox­ler / Hei­ner Koech­lin / Simo­ne Weil / Gus­tav Mey­rink / Nar­ren­ge­schich­ten / Bede Grif­fiths / Graf Cagli­os­tro /Sali­na Rau­rica / Die Welt­wo­che und Donald Trump / Die Welt­wo­che und der Kli­ma­wan­del / Die Welt­wo­che und der lie­be Gott /Leben­di­ge Birs / Aus mei­ner Foto­kü­che / Die Schweiz in Euro­pa /Die Reichs­idee /Voge­sen Aus mei­ner Bücher­kis­te / Ralph Wal­do Emer­son / Fritz Brup­ba­cher  / A Basic Call to Con­scious­ness Leon­hard Ragaz / Chris­ten­tum und Gno­sis / Hel­ve­tia — quo vadis? / Aldous Hux­ley / Dle WW und die Katho­li­sche Kir­che / Trump Däm­me­rung / Manès Sper­ber /Reinkar­na­ti­on / USA — alter­na­ti­ve Geschich­ten

Trump Dämmerung 116

Deine Meinung