Nach dem kurzen historischen Rückblick Dr. Whittons auf das Schicksal des Reinkarnations-Gedankens im vom kirchlichen Christentum dominierten Europa fasst er zusammen, wie das Thema im 19. Jahrhundert dank dem neu erwachten Interesse an östlichem religiösen und philosophischen Gedankengut wieder an Aktualität gewann. Dies war an erster Stelle 
der von der russischen Philosophin und Okkultistin Helena P. Blavatsky ins Leben gerufene Theosophie zu verdanken. (Es gilt davon die christliche Theosophie zu unterscheiden, wie sie etwa Jakob Böhme lehrte).
In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts schwammen die Theosophen mutig gegen den Strom, indem sie vieles von dem, was als Weisheit des Ostens bekannt geworden ist, zur Lektüre und Erbauung der Westler importierten. Ihre Sache fand nur begrenzte Resonanz und wurde bald von Denkern wie Karl Marx, Sigmund Freud und Bertrand Russell verdrängt, welche die Existenz einer spirituellen Welt leugneten. Allein durch das Zitieren und Erläutern östlicher mystischer Schriften konnten die Theosophen nicht erwarten, dass die Idee der Wiedergeburt im rauen intellektuellen Klima des 20. Jahrhunderts überleben würde.
Vor dem Hintergrund der sich rasant entwickelnden Technologie im Westen entstand der Druck, die Realität des Rätsels namens Reinkarnation empirisch zu bestätigen oder zu widerlegen. In den 1890er Jahren unternahm ein Franzose namens Colonel 
Albert de Rochas die ersten zögerlichen Schritte in Richtung einer wissenschaftlichen Methodik. In Anlehnung an den Stil von Franz Anton Mesmer, dem österreichischen Arzt, der der Hypnose oder dem „Mesmerismus“ seinen Namen gab, versetzte de Rochas seine Probanden zurück in eine Reihe von „früheren Leben“ vor ihrer Geburt. Der Schleier über eine neue Dimension der menschlichen Erfahrung war gelüftet und warf sofort die Frage auf, die bis heute gestellt wird:
Spiegeln Berichte über vergangene Leben aus dem Trancezustand wirklich eine frühere Existenz wider? Da er die historische Richtigkeit der Berichte seiner Probanden nicht beweisen konnte – obwohl diese plausible Aussagen machten und Orte und Familien erwähnten, von denen oft bekannt war, dass sie existiert hatten –, blieb de Rochas nichts anderes übrig, als über „die Dunkelheit, mit der alle Beobachter zu Beginn jeder neuen Wissenschaft zu kämpfen haben“, zu grübeln.
Nach den ersten vorsichtigen Versuchen von de Rochas führten Psychiater und Psychologen jahrelang geistige Verwirrung als Grund für die gelegentlichen spontanen Erinnerungen ihrer Patienten an andere Leben an. Auch heute noch werden konkurrierende Erklärungen wie übersinnliche Wahrnehmung, Besessenheit durch Geister und Kryptomnesie – das Auftauchen vergessener Erinnerungen aus dem gegenwärtigen Leben – angeführt, um Behauptungen über Erfahrungen aus früheren Leben zu widerlegen. Das Problem ist, dass selbst wenn ein vergangenes Leben historisch belegt ist, niemand beweisen kann, dass die Person mit all ihren Emotionen und Informationen tatsächlich die Person war, die sie zu sein behauptet. Wie die Konzepte von Himmel und Hölle ist auch die Reinkarnation eine metaphysische Annahme, die weder durch die irdische „Realität“ eingeschränkt noch durch unsere irdischen Grenzen beurteilt werden kann. Beweise müssen der Wahrnehmung weichen.
Die frühesten Experimente mit hypnotischer Regression sorgten in Fachkreisen für Aufsehen, aber es war der
Amateurhypnotiseur Morey Bernstein, der 1954 mit Bridey Murphy – einer Figur, die von der Hausfrau Virginia Tighe aus Colorado hervorgebracht wurde, wenn sie unter dem Einfluss einer Kerzenflamme hypnotisiert wurde – die Fantasie der Öffentlichkeit beflügelte. Ihre lebhafte und detaillierte Schilderung ihres Lebens als Bridey im Irland des 19. Jahrhunderts sorgte in der gesamten westlichen Welt für Schlagzeilen und löste Millionen von Gesprächen über Wiedergeburt und eine Welle von „Come As You Were”-Partys aus.
Das Schicksal dieses Buches ist symptomatisch: Es wurde als absoluter Bestseller in viele Sprachen übersetzt — ins Dänische, Finnische, Französische, Hebräische, Italienische, Japanische, Koreanische, Niederländische, Portugiesische, Schwedische und Spanische — , nur um bald darauf in der Versenkung zu verschwinden, weil sog. Debunker (Skeptiker) nachwiesen, dass es sich um einen Fall von Kryptomnesie handle. Als spätere Nachforschungen zeigten, dass besagte Skeptiker ihrerseits hinterfragt werden mussten, tauchte das Buch wieder auf. Eine spannende Erzählung dieses “Buchkrimis” findet sich als PDF hier.
Weitaus mehr Schwierigkeiten, den Reinkarnationsgedanken zu diskreditieren, hatten die Skeptiker mit dem Auftreten eines Mannes, dessen Leben bis heute fasziniert: Edgar Cayce. Ihm wenden wir uns in der nächsten Folge am kommenden Freitag, den 23. Januar zu.
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