Fort­set­zung der Zusam­men­fas­sung von Dr. Whit­ton zu den Erfah­run­gen der Zwi­schen­le­ben sei­ner Pro­ban­den im Bar­do-Zustand zwi­schen zwei Inkar­na­tio­nen.
Im Anschluss an den Kar­ma-Gedan­ken, dass wir näm­lich mit­tels des eher­nen Geset­zes: “Was der Mensch sät, wird er auch ern­ten” unser Bewusst­sein lang­sam erwei­tern und rei­fen, kommt Whit­ton end­lich auf die Fra­ge der Ver­ein­bar­keit oder Unver­ein­bar­keit des Reinkar­na­ti­ons­ge­dan­ken mit der Bot­schaft des Chris­ten­tums zu spre­chen. Ihr wer­den wir in den nächs­ten Fol­gen ver­tief­ter nach­ge­hen.

Auch wenn das ortho­do­xe Chris­ten­tum, das Juden­tum und der Islam die Reinkar­na­ti­on leug­nen, gibt es in jeder die­ser gro­ßen reli­giö­sen Denk­schu­len Grup­pie­run­gen, die laut­stark dafür argu­men­tie­ren. Ent­ge­gen der land­läu­fi­gen Mei­nung wur­de die Wie­der­ge­burt von vie­len frü­hen Chris­ten weit­ge­hend akzep­tiert, ins­be­son­de­re von Orig­e­nes, der von der Ency­clo­paed­ia Bri­tan­ni­ca als „der bedeu­tends­te Kir­chen­va­ter mit der mög­li­chen Aus­nah­me von Augus­ti­nus“ geprie­sen wur­de. Der hei­li­ge Augus­ti­nus quäl­te sich offen­sicht­lich mit der Vor­stel­lung von meh­re­ren Exis­ten­zen. „Sag mir, Herr“, schrieb er, „sag mir, folg­te mei­ne Kind­heit auf ein ande­res Alter, das vor ihr starb?“ Viel­leicht wuss­te er nicht, wie vie­le moder­ne Chris­ten heu­te nicht wis­sen, dass Jesus Chris­tus sowohl in der Bibel als auch, noch deut­li­cher, in den gnos­ti­schen Schrif­ten für die Reinkar­na­ti­on Zeug­nis ablegt. Das gnos­ti­sche Evan­ge­li­um Pis­tis Sophia zitiert Jesus mit den Wor­ten: „See­len wer­den von einem in den ande­ren Kör­per der Welt gegos­sen.”

Erst im vier­ten Jahr­hun­dert, als sich das Chris­ten­tum von einer Grup­pe heim­lich ver­eh­ren­der Gläu­bi­ger zu einer Insti­tu­ti­on ent­wi­ckel­te, die für poli­ti­sche Mani­pu­la­tio­nen reif war, ent­stand in der christ­li­chen Theo­lo­gie Wider­stand gegen die Reinkar­na­ti­on. Die neue Alli­anz zwi­schen Kir­che und Staat, die auf die kul­ti­vier­te Abhän­gig­keit der Mas­sen abziel­te, fühl­te sich von den­je­ni­gen bedroht, die an die Wie­der­ge­burt glaub­ten, da die­se Chris­ten in der Regel selbst­stän­di­ge, frei den­ken­de Indi­vi­du­en waren, deren Unter­wür­fig­keit nicht garan­tiert wer­den konn­te. Da sie sich weder durch Ver­spre­chun­gen von himm­li­scher Glück­se­lig­keit bestechen noch durch Dro­hun­gen mit Höl­len­feu­er ein­schüch­tern lie­ßen, wur­den sie als Ket­zer gebrand­markt (das Wort „Ket­zer“ bedeu­tet im Grun­de nichts Schlim­me­res als jemand, der „wäh­len kann“).

Den­noch gab es bis zum Jahr 553 n. Chr. kein offi­zi­el­les Edikt, das die Leh­re von der Reinkar­na­ti­on im gesam­ten Römi­schen Reich ver­ur­teil­te, bis Kai­ser Jus­ti­ni­an eine for­mel­le kirch­li­che Ver­ur­tei­lung der „mons­trö­sen Wie­der­be­le­bung” der Wie­der­ge­burt erließ. Auf die­se Ver­ur­tei­lung folg­te die Ver­fol­gung aller, die sich wei­ger­ten, ihre Über­zeu­gun­gen auf­zu­ge­ben. Der Wider­stand war jedoch so hart­nä­ckig – ins­be­son­de­re durch rebel­li­sche Chris­ten, die Katha­rer –, dass es erst im 13. Jahr­hun­dert gelang, das Reinkar­na­ti­ons­den­ken im Wes­ten durch die Ter­ror- und Mord­kam­pa­gne der Kir­che end­gül­tig zu ver­nich­ten.

Aber das Flämm­chen konn­te nicht aus­ge­löscht wer­den. Gehei­me mys­ti­sche Grup­pen wie die Alche­mis­ten und Rosen­kreu­zer sorg­ten dafür, dass der Glau­be bis in die Neu­zeit wei­ter­ge­tra­gen wur­de. Die Locke­rung der kirch­li­chen Zwangs­ja­cke begann ernst­haft in der Renais­sance mit einer spon­ta­nen Ver­herr­li­chung der Indi­vi­dua­li­tät. In der dar­auf fol­gen­den Zeit der Auf­klä­rung über­nah­men vie­le der gro­ßen Geis­ter Euro­pas die Idee, dass vie­le Leben einem ansons­ten unge­rech­ten und sinn­lo­sen Dasein Gerech­tig­keit, Sinn und Zweck ver­lei­hen. „Schließ­lich“, so Vol­taire, „ist es nicht über­ra­schen­der, zwei­mal gebo­ren zu wer­den als ein­mal.“

Solch hoch­flie­gen­de Über­le­gun­gen konn­ten die Mas­sen jedoch nicht über­zeu­gen. Die meis­ten Men­schen waren von fun­da­men­ta­lis­ti­schen Vor­stel­lun­gen durch­drun­gen, die eine kla­re Alter­na­ti­ve nach dem Tod pre­dig­ten: ent­we­der das Para­dies oder die ewi­ge Ver­damm­nis. Die Zeit ver­ging, aber es änder­te sich wenig. Die stren­ge vik­to­ria­ni­sche Men­ta­li­tät und die nüch­ter­ne Auf­re­gung der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on waren kaum för­der­lich für ein Wie­der­auf­le­ben des Inter­es­ses an der Reinkar­na­ti­on.

Fort­set­zung am Frei­tag, den 1. Janu­ar 2026

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