Ein wichtiger Aspekt indigener Spiritualität war die Visionssuche junger Männer, aber auch junger Frauen. Das Ziel: dank des Kontakts mit geistigen Kräften, die sich in verschiedensten Formen zeigen konnten, Hilfe und Weisungen für das vor ihnen liegende Leben zu erhalten. Diese Suche war in der Regel nach einer Reinigung und Vorbereitung durch einen “Ältesten” mit einem mehrtägigen Fasten in der Einsamkeit verbunden. Die dabei gemachten übernatürlichen Erfahrungen wurden zum Leitstern für das kommende Leben. Manchmal erhielten die Suchenden auch bestimmte Heilkräfte geschenkt.
Geschichten von solchen Visionssuchen gibt es in der einschlägigen Literatur zuhauf, meistens von jungen Männern. Hier sollen zwei seltene Berichte von Visions-Erfahrungen junger Frauen vorgestellt werden. Die Vorbereitung wurde jeweils von den Müttern übernommen.
Catherine Wabose war eine einflussreiche Ojibwe-Prophetin, Mystikerin und Visionärin des 19. Jahrhunderts, die für ihre spirituelle Führungsrolle bekannt war. Hier ihre Erzählung:
Als ich ein Mädchen von etwa zwölf oder dreizehn Jahren war, sagte mir meine Mutter, ich solle auf etwas achten, das mir widerfahren würde. Und tatsächlich entdeckte ich eines Morgens früh, mitten im Winter, ein ungewöhnliches Zeichen, rannte so weit wie möglich von der Hütte weg und blieb dort, bis meine Mutter kam und mich fand. Sie wusste, was los war, brachte mich näher an die Familienhütte heran und bat mich, ihr dabei zu helfen, eine kleine Hütte aus Fichtenzweigen zu bauen. Sie sagte mir, ich solle dort bleiben, mich von allen fernhalten und mich zur Ablenkung mit dem Holzhacken beschäftigen; sie würde mir reichlich vorbereitete Lindenrinde bringen, die ich zu Schnüren verdrehen könne.
Sie sagte mir, sie würde mich in zwei Tagen besuchen kommen, und dass ich in der Zwischenzeit nicht einmal Schnee probieren dürfe. Ich tat, wie angewiesen. Nach zwei Tagen kam sie, um nach mir zu sehen. Ich dachte, sie würde mir sicher etwas zu essen mitbringen, aber zu meiner Enttäuschung brachte sie nichts mit. Ich litt mehr unter Durst als unter Hunger, obwohl mein Magen knurrte. Meine Mutter setzte sich still hin und sagte (nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich nichts probiert hatte, wie sie es angeordnet hatte): „Mein Kind, du bist die Jüngste deiner Schwestern, und von all meinen Söhnen und Kindern sind mir nun nur noch ihr vier übrig“, wobei sie auf ihre beiden älteren Schwestern, sich selbst und einen kleinen Sohn anspielte, der noch ein kleiner Junge war. „Wer“, fuhr sie fort, „wird sich um uns arme Frauen kümmern? Nun, meine Tochter, hör mir zu und versuche, gehorsam zu sein. Schwärze dein Gesicht und faste wirklich, damit der Herr des Lebens Erbarmen mit dir und mir und mit uns allen habe. Weiche nicht im Geringsten von meinen Ratschlägen ab, und in zwei Tagen werde ich zu dir kommen. Er wird dir helfen, wenn du entschlossen bist, das Richtige zu tun, und sag mir, ob du vom wahren Großen Geist begünstigt wirst oder nicht; und wenn deine Visionen nicht gut sind, lehne sie ab.“ Mit diesen Worten ging sie fort.
Ich nahm meine kleine Axt und hackte reichlich Holz und drehte die Schnur, die zum Nähen von „appuh-way-oon-un“, also Matten, für den Gebrauch der Familie dienen sollte. Allmählich verlor ich den Appetit, doch mein Durst hielt an; dennoch hatte ich Angst, den Schnee zu berühren, um ihn durch Lutschen zu stillen, denn meine Mutter hatte mir gesagt, dass, wenn ich dies täte – selbst heimlich –, der Große Geist mich sehen würde, ebenso wie die kleineren Geister, und dass mein Fasten dann keinen Sinn hätte. Also fastete ich weiter, bis am vierten Tag meine Mutter mit einer kleinen Blechschale kam; sie füllte sie mit Schnee, kam zu meiner Hütte und war sehr erfreut, als sie feststellte, dass ich ihre Anweisungen befolgt hatte.
Sie schmolz den Schnee und sagte mir, ich solle ihn trinken. Ich tat es und fühlte mich erfrischt, verspürte jedoch den Wunsch nach mehr, was sie mir jedoch verbot, und so begnügte ich mich mit dem, was sie mir gegeben hatte. Sie sagte mir erneut, ich solle eine gute Vision erlangen und ihr folgen; eine Vision, die nicht nur uns Gutes tun, sondern auch der Menschheit nützen könnte, wenn ich dazu in der Lage wäre. Dann verließ sie mich, und zwei Tage lang kam weder sie noch irgendein anderer Mensch in meine Nähe, und ich war meinen eigenen Gedanken überlassen. In der Nacht des sechsten Tages glaubte ich, eine Stimme rufe mich und sage: „Armes Kind! Ich habe Mitleid mit deinem Zustand; komm, du bist hierher eingeladen.“ Und ich glaubte, die Stimme käme aus einer gewissen Entfernung von meiner Hütte. Ich folgte dem Ruf und ging zu der Stelle, von der die Stimme kam; dort fand ich einen schmalen, leuchtenden Pfad, wie eine silberne Schnur, dem ich folgte. Er führte geradeaus und schien nach oben zu führen. Nachdem ich ein kurzes Stück gegangen war, blieb ich stehen und sah zu meiner Rechten den Neumond, aus dessen Spitze eine Flamme wie eine Kerze emporstieg, die ein sanftes Licht um sich herum warf.
Ich ging weiter und erblickte zu meiner Rechten das Antlitz von Kau-ge-gay-be-qua, der ewig stehenden Frau, die mir ihren Namen nannte und zu mir sprach: „Ich gebe dir meinen Namen, und du darfst ihn an einen anderen weitergeben. Ich gebe dir auch das, was ich habe: das ewige Leben. Ich schenke dir ein langes Leben auf Erden und die Fähigkeit, das Leben anderer zu retten. Geh, du wirst in die Höhe gerufen.“ Ich ging weiter und sah einen Mann stehen, mit einem großen, runden Körper und Strahlen, die wie Hörner aus seinem Kopf gingen. Er sagte: „Fürchte dich nicht; mein Name ist Monido-Wininees, oder der kleine Mann-Geist. Ich gebe diesen Namen deinem ersten Sohn. Er ist mein Leben. Geh an den Ort, zu dem du berufen bist.“
Ich folgte dem Pfad, bis ich sah, dass er zu einer Öffnung im Himmel führte; da hörte ich eine Stimme, blieb stehen und sah die Gestalt eines Mannes neben dem Pfad stehen, dessen Kopf von einem strahlenden Heiligenschein umgeben war und dessen Brust mit Quadraten bedeckt war. Er sprach zu mir: „Sieh mich an; mein Name ist 0‑Shau-wau-e-geeghick, oder der strahlend blaue Himmel. Ich bin der Schleier, der die Öffnung im Himmel bedeckt. Bleib stehen und höre mir zu. Hab keine Angst. Ich werde dich mit Gaben des Lebens ausstatten und dich rüsten, damit du standhalten und durchhalten kannst.“ Sofort sah ich mich von leuchtenden Punkten umgeben, die sich wie Nadeln an mir anlegten, mir aber keine Schmerzen bereiteten, und sie fielen mir zu Füßen. Dies wiederholte sich mehrmals, und jedes Mal fielen sie zu Boden. Er sagte: „Warte, fürchte dich nicht, bis ich alles gesagt und getan habe, was ich vorhabe.“
Dann spürte ich verschiedene Werkzeuge, zuerst wie Ahle, dann wie Nägel, die in mein Fleisch stachen, doch auch sie bereiteten mir keinen Schmerz, sondern fielen, wie die Nadeln, so oft sie erschienen, zu meinen Füßen. Daraufhin sagte er: „Das ist gut“, womit er meine Prüfung durch diese Spitzen meinte; „du wirst ein langes Leben haben. „Geh noch ein Stück weiter“, sagte er. Ich tat es und blieb am Anfang der Öffnung stehen. „Du bist angekommen“, sagte er, „an der Grenze, die du nicht überschreiten kannst. Ich gebe dir meinen Namen; du kannst ihn an einen anderen weitergeben. Nun kehre zurück! Schau dich um. Dort ist ein Transportmittel für dich. Hab keine Angst, dich darauf zu setzen, und wenn du zu deiner Hütte kommst, musst du das zu dir nehmen, was den menschlichen Körper erhält.“ Ich wandte mich um und sah eine Art Fisch, der in der Luft schwamm, und als ich mich wie befohlen darauf setzte, wurde ich mit großer Geschwindigkeit zurückgetragen; mein Haar wehte hinter mir in der Luft. Und sobald ich zurück war, hörte meine Vision auf.
Ich versuchte, wie üblich Holz zu hacken, doch bei dieser Anstrengung fiel ich vor Erschöpfung rücklings in den Schnee und lag eine Weile da; schließlich raffte ich mich auf, ging zu meiner Hütte und legte mich hin. Ich sah erneut die Vision und jede Person, die zuvor zu mir gesprochen hatte, und hörte die mir gegebenen Versprechen verschiedener Art sowie die Lieder. Ich ging denselben Weg, den ich zuvor eingeschlagen hatte, und wurde auf dieselbe Weise empfangen. Ich hatte auch noch eine weitere Vision oder einen himmlischen Besuch, von dem ich gleich berichten werde. Am siebten Tag kam meine Mutter wieder und brachte mir etwas gestampftes Maismehl, das in Schneewasser gekocht worden war, denn, so sagte sie, ich dürfe kein Wasser aus Seen oder Flüssen trinken. Nachdem ich davon gegessen hatte, erzählte ich ihr von meiner Vision. Sie sagte, das sei gut, und riet mir, mein Fasten noch drei Tage länger fortzusetzen. Das tat ich; am Ende brachte sie mich nach Hause, richtete zu Ehren meines Erfolgs ein Festmahl aus und lud sehr viele Gäste ein.
Vine Deloria kommentierte:
Es scheint fast unglaublich, dass ein junges Mädchen den körperlichen Strapazen standhalten konnte, die eine zehntägige Vision mit sich brachte. Zwar trainierten die Indianer ihre Kinder schon sehr früh darauf, große körperliche Entbehrungen zu ertragen – für den Fall, dass sie sich eines Tages allein und ohne Aussicht auf Rettung oder Hilfe wiederfinden würden –, doch scheint diese Tortur an der Grenze dessen, was ein Mensch ertragen kann. Von größter Bedeutung in dieser Geschichte ist die Wiederholung der Erfahrung, als sie sich in ihrer Hütte ausruhte und die zehntägige Phase beendete.
P.S. Visionssuchen werden neuerdings weltweit auch für Weisse angeboten, — in der Schweiz für einen vierstelligen Betrag …
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 13. November
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