Als ich 10 Jah­re alt war, betrach­te­te ich das Land und die Flüs­se, den Him­mel über mir und die Tie­re um mich her­um und muss­te ein­fach erken­nen, dass sie von einer gro­ßen Kraft erschaf­fen wor­den waren. Ich woll­te die­se Kraft unbe­dingt ver­ste­hen und befrag­te die Bäu­me und Büsche. Es schien, als wür­den mich die Blu­men anstar­ren, und ich woll­te sie fra­gen: „Wer hat euch erschaf­fen?“ Ich betrach­te­te die moos­be­deck­ten Stei­ne; man­che von ihnen schie­nen die Züge eines Men­schen zu haben, aber sie konn­ten mir kei­ne Ant­wort geben.
Dann hat­te ich einen Traum, und in mei­nem Traum erschien mir einer die­ser klei­nen Stei­ne und sag­te mir, dass der Schöp­fer von allem Wakan tanka sei und dass ich, um ihn zu ehren, sei­ne Wer­ke in der Natur ehren müs­se. Der Stein sag­te, dass ich mich durch mei­ne Suche als wür­dig erwie­sen hät­te, über­na­tür­li­che Hil­fe zu erhal­ten. Er sag­te, wenn ich einen Kran­ken hei­len wol­le, kön­ne ich um sei­ne Unter­stüt­zung bit­ten, und dass alle Kräf­te der Natur mir hel­fen wür­den, eine Hei­lung zu bewir­ken.

Die­se Erzäh­lung von Bra­ve Buf­fa­lo, einem Ältes­ten der Teton Sioux, illus­triert sehr schön “die Wege der Erfah­rung” bei den indi­ge­nen Stäm­men, wie sie Vine Del­oria zusam­men­fasst:
Um die spirituelle/intellektuelle Rei­se der india­ni­schen Ältes­ten zu ver­ste­hen, müs­sen wir dort anset­zen, wo sie ihre Suche nach Erkennt­nis began­nen. Es gab zwei Wege, die sie dazu führ­ten, ihrer Welt einen Sinn zu geben: die empi­ri­sche Beob­ach­tung der phy­si­schen Welt und das fort­wäh­ren­de, wenn auch spo­ra­di­sche Ein­grei­fen höhe­rer Mäch­te in ihr Leben, das sich in unge­wöhn­li­chen Ereig­nis­sen und Träu­men mani­fes­tier­te. Durch die Beob­ach­tung der Welt um sie her­um konn­ten sie geord­ne­te Abläu­fe erken­nen, die den Ver­lauf des orga­ni­schen Lebens. Von den offen­sicht­li­chen Bewe­gun­gen von Son­ne und Mond bis hin zu den Aus­wir­kun­gen peri­odi­scher Win­de, Regen­fäl­le und Schnee­fäl­le deu­te­te die Regel­mä­ßig­keit der Natur auf eine höhe­re Macht hin, die genü­gend Sta­bi­li­tät garan­tier­te, um ver­läss­lich zu sein, und in deren Rah­men das Leben einen Sinn hat­te. Durch die Beob­ach­tung des Ver­hal­tens und des Wachs­tums ande­rer orga­ni­scher Lebens­for­men konn­ten sie erken­nen, dass eine wohl­wol­len­de, per­sön­li­che Ener­gie durch alles floss und die phy­si­sche Welt unter­mau­er­te. Sie ver­stan­den, dass es ihre Auf­ga­be war, sich auf mög­lichst kon­struk­ti­ve Wei­se in die phy­si­sche Welt ein­zu­fü­gen und Bezie­hun­gen zu der höhe­ren Macht – oder den höhe­ren Mäch­ten – auf­zu­bau­en, die das Uni­ver­sum erschaf­fen und erhal­ten hat­ten. Sie streb­ten danach, eine Lebens­wei­se zu erler­nen, mit der sich die­se Auf­ga­ben am effi­zi­en­tes­ten erfül­len lie­ßen. Die­se Hal­tung war kei­nem bestimm­ten Stamm eigen; sie ent­sprach im All­ge­mei­nen der Art und Wei­se, wie India­ner aller Stäm­me die geheim­nis­vol­le Rea­li­tät beschrie­ben, die ihr Leben präg­te.

Beob­ach­tun­gen allein reich­ten jedoch nicht aus. Die Men­schen hat­ten Träu­me, in denen Aspek­te des leben­di­gen Uni­ver­sums auf­tauch­ten, um sie dazu anzu­hal­ten, bestimm­te, klar defi­nier­te Ver­hal­tens­wei­sen ein­zu­schla­gen. Oft spra­chen in Träu­men ein Vogel, ein Tier oder ein Stein zu ihnen, boten ihnen ihre Freund­schaft und ihren Rat an oder offen­bar­ten ihnen die Zukunft – Infor­ma­tio­nen, die sie selbst bei inten­sivs­ter Beob­ach­tung der phy­si­schen Welt unmög­lich hät­ten ablei­ten kön­nen. Die Men­schen hat­ten kei­nen trif­ti­gen Grund, an die­sen Träu­men zu zwei­feln, da sich deren Inhalt spä­ter in ihrem All­tag stets empi­risch bestä­tig­te – was sie geträumt hat­ten, trat ein. Wenn eine Pflan­ze ihnen sag­te, wie sie sie ern­ten und als Nah­rung oder Medi­zin zube­rei­ten soll­ten, folg­ten sie den Anwei­sun­gen der Pflan­ze und stell­ten stets fest, dass die Bot­schaft der Wahr­heit ent­sprach. Aus gene­ra­tio­nen­lan­ger Erfah­rung lern­ten die Men­schen also, Ver­trau­en in den Inhalt von Träu­men zu haben, und befolg­ten deren Anwei­sun­gen getreu­lich.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 16. Okto­ber

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