In der letzten Folge zitierte Vine Deloria eine Geschichte von Dr. Charles Eastman aus dessen
Buch “The Soul of the Indian”. Eastman, ein Santee-Sioux namens Ohyesa, gehörte zu den wenigen Indianern, die den Zusammenstoss zwischen “Weiss” und “Rot” auf produktive Weise verarbeiten konnten: Er erlebte noch eine unbeschwerte Kindheit mit einer traditionellen indianischen Erziehung, die er später in
seinen Erinnerungen “Indian Boyhood” schilderte. Sein Vater, der schliesslich zum Christentum konvertierte, schickte den Jungen auf gute weisse Schulen, was ihm später die universitäre Ausbildung als Arzt ermöglichte.
Ohyesa/Eastman kämpfte anschliessend ein Leben lang unermüdlich für die indigenen Rechte und mit mehreren Büchern für die Achtung und das Verständnis für die indianischen Kulturen. “The Soul of the Indian” ist auch heute noch eine lesenswerte Einführung in die indigene Spiritualität mit Themen, die auch bei uns wieder höchst aktuell geworden sind.
Ein Beispiel:
Einer der weltweit bekanntesten zeitgenössischen spirituellen Lehrer ist ohne Zweifel Eckhart
Tolle mit seinen Bestsellern zu einem Leben im “Jetzt” jenseits der “Gedankenmühle” unseres Ego. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, dass erst das Eintauchen in die tiefe innere Stille uns den Kontakt zu unserem eigentlichen wahren Selbst und damit zu einem kreativen und erfüllten Leben ermöglicht. So schreibt er in der Einleitung zu seinem Buch “Stille spricht. Wahres Sein berühren”:
Wenn du die Berührung mit der inneren Stille verlierst, verlierst du den Kontakt mit dir selbst. Wenn du den Kontakt mit dir selbst verlierst, verlierst du dich in der Welt.
Das innerste Selbstgefühl, das Gefühl dessen, der du bist, ist untrennbar mit Stille verbunden. Das ist das “Ich bin”, das tiefer ist als alle Namen und Formen.
Die Stille ist dein wahres Wesen.
oder: Lass zu, dass die Natur dich die Stille lehrt. Wenn du einen Baum anschaust und seine Stille wahrnimmst, wirst du selber still. Du verbindest dich auf einer sehr tiefen Ebene mit ihm. Du fühlst dich eins mit dem, was du in der Stille und durch die Stille wahrnimmst. Dieses Gefühl des Einsseins mit allen Dingen ist wahre Liebe.
Vergleichen wir das mit einem Auszug aus dem Buch “The Soul of the Indian” von Eastman/Ohyesa:
Jede Seele musste der Morgensonne, der neuen, süßen Erde und der Großen Stille allein begegnen! …
Der erste Amerikaner verband seinen Stolz mit einer einzigartigen Demut. Geistige Überheblichkeit war seiner Natur und seiner Lehre fremd. Er hat nie behauptet, dass die Fähigkeit zur artikulierten Sprache ein Beweis für die Überlegenheit gegenüber der stummen Schöpfung sei; im Gegenteil, für ihn ist sie eine gefährliche Gabe. Er glaubt zutiefst an die Stille – das Zeichen eines vollkommenen Gleichgewichts. Stille ist die absolute Ausgeglichenheit von Körper, Verstand und Geist. Der Mensch, der sein Selbst stets ruhig und unerschütterlich vor den Stürmen des Daseins bewahrt – sozusagen kein Blatt am Baum, das sich regt; keine Welle auf der Oberfläche eines glänzenden Teiches –, verkörpert nach Ansicht des ungebildeten Weisen die ideale Haltung und Lebensweise.
Fragt man ihn: „Was ist Stille?“, wird er antworten: „Sie ist das große Geheimnis!“ „Die heilige Stille ist Seine Stimme!“ Fragt man: „Was sind die Früchte der Stille?“, wird er sagen: „Es sind Selbstbeherrschung, wahrer Mut oder Ausdauer, Geduld, Würde und Ehrfurcht. Stille ist der Grundstein des Charakters.“
Bleibt noch hinzuzufügen, dass die Stille auch eine zentrale Rolle in der christlichen Mystik spielt.
So fasst KI z.B. zusammen
● Stille ist in der christlichen Mystik kein leeres Nichts, sondern der tiefste Erfahrungsraum der unmittelbaren Gottesbegegnung jenseits von Worten und Konzepten.
● Durch das Schweigen und den Verzicht auf eigene Gedanken wird das Ego dekonstruiert, um innerlich Platz für Christus zu schaffen.
● Mystiker wie Johannes Tauler oder Meister Eckhart betonten, dass Gott im Grunde unsagbar ist; die wahre Erkenntnis Gottes geschieht im “Grund” der Seele im tiefsten Schweigen,
— in der Stille.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 11. September
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