Hier folgt der zwei­te Teil des Epi­logs von Thom Hart­mann in sei­nem Buch “Who kil­led the Ame­ri­can Dream?”, in dem er zwei mög­li­che Zukunfts­sze­na­ri­en für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten vor­stellt: hin zu einer aus­ge­wach­se­nen Dik­ta­tur, oder Rück­kehr zu einer wahr­haft demo­kra­ti­schen Gesell­schaft.

Zukunfts­sze­na­rio 1: Der Tri­umph der Olig­ar­chie
In die­sem mög­li­chen Zukunfts­sze­na­rio schei­tert das Ame­ri­ka von „We the Peo­p­le“. Die mil­li­ar­den­schwe­ren Olig­ar­chen voll­enden ihre Ver­ein­nah­mung des­sen, was von unse­rer Demo­kra­tie noch übrig ist, ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Rech­te der Kon­zer­ne blei­ben das obers­te Gesetz des Lan­des, und die Kon­zen­tra­ti­on des Reich­tums beschleu­nigt sich, bis eine Hand­voll Tril­lio­nä­re die meis­ten unse­rer Poli­ti­ker sowie alles ande­re, was es wert ist, beses­sen zu wer­den, in ihrer Hand haben.

Die Mit­tel­schicht schrumpft auf etwa 10 bis 20 Pro­zent von uns, wäh­rend die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft dem vik­to­ria­ni­schen Eng­land ähnelt, über das Charles Dickens in fast jedem sei­ner vie­len Bücher schrieb. Die meis­ten Ame­ri­ka­ner wer­den zu dau­er­haf­ten Mie­tern, die nie­mals ein Eigen­heim besit­zen, nie­mals Ver­mö­gen auf­bau­en und nie­mals auch nur annä­hernd finan­zi­el­le Sicher­heit erlan­gen. Wir gehen meh­re­ren Jobs für Olig­ar­chen und Kon­zer­ne nach, die kei­ner demo­kra­ti­schen Rechen­schafts­pflicht unter­lie­gen – unter Bedin­gun­gen, die sich ste­tig ver­schlech­tern, für Löh­ne und Sozi­al­leis­tun­gen, die irgend­wie nie mit den Lebens­hal­tungs­kos­ten Schritt hal­ten.

Die Gesund­heits­ver­sor­gung bleibt uner­schwing­lich, Bil­dung wird durch Schul­den finan­ziert, und der Woh­nungs­markt wird voll­stän­dig zu einem Spe­ku­la­ti­ons­spiel­platz für Pri­va­te-Equi­ty-Fonds und aus­län­di­sche Inves­to­ren. Der Kli­ma­wan­del beschleu­nigt sich, da Unter­neh­men der fos­si­len Brenn­stoff­in­dus­trie ihre ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te nut­zen, um jeden Ver­such einer Regu­lie­rung oder den Auf­bau alter­na­ti­ver Ener­gie­sys­te­me zu blo­ckie­ren.

Die Demo­kra­tie wird zu nichts wei­ter als einem Thea­ter­stück, wie in den meis­ten ande­ren Olig­ar­chien und Tyran­nei­en auf der gan­zen Welt. Es fin­den zwar Wah­len statt, doch die Olig­ar­chen finan­zie­ren alle chan­cen­rei­chen Kan­di­da­ten und nut­zen ihre Medi­en sowie die „Rede­frei­heit“, um jeden Poli­ti­ker zu ver­nich­ten, der es wagt, das Sys­tem in Fra­ge zu stel­len. Die Illu­si­on der Wahl­frei­heit ver­schlei­ert die tota­le Kon­trol­le der Kon­zer­ne und Mil­li­ar­dä­re über unse­re Gesell­schaft und unse­re Regie­run­gen, wäh­rend die Ver­fas­sung von einem kor­rup­ten Obers­ten Gerichts­hof zu einem rudi­men­tä­ren Doku­ment ver­dreht wird, das nur noch ihre Gön­ner und Ver­bün­de­ten schützt.

Wenn sich die­ser aktu­el­le Trend fort­setzt und die­je­ni­gen von uns, die sich an das Ame­ri­ka vor Rea­gans Revo­lu­ti­on der kon­sti­tu­tio­nel­len Rech­te der Kon­zer­ne erin­nern, aus­ster­ben, wird der ame­ri­ka­ni­sche Traum zu einer blo­ßen his­to­ri­schen Kurio­si­tät, einer idea­li­sier­ten Ver­gan­gen­heit, über die jun­ge Men­schen skep­tisch in Geschichts­bü­chern lesen – ein kur­zer, strah­len­der, aber unwahr­schein­li­cher Moment zwi­schen den alten Aris­to­kra­tien Euro­pas und den neu­en Olig­ar­chien des 21. Jahr­hun­derts.

Man könn­te es als eine neue Form des Feu­da­lis­mus bezeich­nen, ver­ziert mit Smart­phones und gefü­gi­gen Medi­en, und genau dort­hin steu­ern wir, wenn wir nichts unter­neh­men.

Zukunfts­sze­na­rio 2: Die Demo­kra­tie ist wie­der­her­ge­stellt
In die­ser Zukunft gewin­nen die Demo­kra­tie und die Mit­tel­schicht. Die Bewe­gung zur Abschaf­fung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te von Unter­neh­men erreicht ihren Wen­de­punkt, und der 28. (oder 29.) Ver­fas­sungs­zu­satz wird ver­ab­schie­det, der aus­drück­lich fest­legt, dass ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Rech­te nur Men­schen zuste­hen.

Da den Unter­neh­men ihre ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te ent­zo­gen wur­den, kann die Demo­kra­tie wie­der funk­tio­nie­ren, ohne stän­dig von kor­rup­ten repu­bli­ka­ni­schen Rich­tern am Obers­ten Gerichts­hof ein­ge­schränkt zu wer­den. Der Kon­gress ist wie­der frei, Geset­ze zur Regu­lie­rung des Unter­neh­mens­ver­hal­tens zu ver­ab­schie­den, ohne sich end­lo­sen Ver­fas­sungs­kla­gen stel­len zu müs­sen. Die Bun­des­staa­ten ent­zie­hen erneut den Unter­neh­men, die dem öffent­li­chen Inter­es­se scha­den, die Zulas­sung; kor­rup­te Füh­rungs­kräf­te kom­men wie­der ins Gefäng­nis, und die loka­len Gemein­den kön­nen sich wie­der um ihre Bevöl­ke­rung küm­mern – mit Ein­nah­men aus der Besteue­rung der krank­haft Rei­chen.

Die Gewerk­schaf­ten wer­den sich erho­len und Ame­ri­ka wie­der­auf­bau­en, da die Arbeit­neh­mer ihre Ver­hand­lungs­macht zurück­ge­win­nen und Gewerk­schafts­feind­lich­keit ver­bo­ten wird. Die Löh­ne stei­gen ent­spre­chend der Pro­duk­ti­vi­tät und den Lebens­hal­tungs­kos­ten. Und die über 50 Bil­lio­nen Dol­lar, die durch die Rea­gan-Revo­lu­ti­on gestoh­len wur­den, flie­ßen wie­der zurück an die arbei­ten­den Fami­li­en, deren Arbeit sie ursprüng­lich erst geschaf­fen hat.

Die Gesund­heits­ver­sor­gung wird zu einem Recht wie in jeder ande­ren fort­ge­schrit­te­nen Demo­kra­tie der Welt und ist nicht län­ger nur ein wei­te­rer Gewinn­brin­ger für Unter­neh­men. Die Hoch­schul­bil­dung wird wie­der erschwing­lich, und unse­re öffent­li­chen Schu­len wer­den wie­der auf­ge­baut, so wie es Eisen­hower damals tat. Woh­nen wird zu einem mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis, das es zu befrie­di­gen gilt, und die Aus­beu­tung als Spe­ku­la­ti­ons­gut wird ver­bo­ten oder durch Besteue­rung zunich­te gemacht. Der Kli­ma­wan­del wird bekämpft, da Unter­neh­men der fos­si­len Brenn­stoff­in­dus­trie ihr „Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung“ nicht mehr dazu nut­zen kön­nen, Poli­ti­ker zu kau­fen und Regu­lie­rungs­maß­nah­men zu blo­ckie­ren.

Mit ande­ren Wor­ten: Der ame­ri­ka­ni­sche Traum wird wie­der­ge­bo­ren. Nicht der alte Traum der 1950er Jah­re mit sei­nen ras­sis­ti­schen und geschlechts­spe­zi­fi­schen Aus­gren­zun­gen und Ein­schrän­kun­gen, son­dern ein neu­er Traum für ein neu­es Jahr­hun­dert. Ein Traum, in dem har­te Arbeit kon­se­quent belohnt wird, in dem sich jede Fami­lie ein Zuhau­se leis­ten kann, unab­hän­gig davon, wo oder in wel­che Fami­lie sie hin­ein­ge­bo­ren wur­de, in dem Krank­heit die Men­schen nicht in den Ruin treibt, in dem Bil­dung Türen öff­net, anstatt Schul­den­fal­len zu schaf­fen, und in dem es jeder Gene­ra­ti­on wie­der bes­ser geht als der vor­he­ri­gen.

Das ist das Ame­ri­ka, das wir ver­wirk­li­chen könn­ten, und alles beginnt damit, Davis’ gif­ti­gen Leit­satz zu ent­lar­ven und die öffent­li­che Empö­rung zu nut­zen, um die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te von Unter­neh­men zu been­den.

Wor­auf spielt Hart­mann mit dem Hin­weis auf “Davis’ gif­ti­gen Leit­satz” an?
Dazu mehr in der nächs­ten Fol­ge am Don­ners­tag, den 10. Sep­tem­ber.

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