Genauso wie der ungebrochene Wille, für eine neue und gerechte Weltordnung zu kämpfen, ist Manès Sperber das konsequente In-Frage-Stellen und Hinterfragen lebendig geblieben:
Als ich ein Bub war und in das Bethaus kam, — es war nicht ein Tempel, sondern zwei, drei Zimmer in einem -, da saßen immer irgendwo in der dunklen Ecke Studenten und studierten allein den Talmud. Sie lernten laut, so im Singsang, und ich war als Kind ungeheuer beeindruckt, als ich sie so sah.
Wenn nun diese Talmud-Schüler schließlich nach langer Entwicklung zu irgendeiner These gekommen waren, kehrte ein merkwürdiger Satz wieder, der lautete: »Und tommer verkehrt?« — »Und wie, wenn’s umgekehrt wäre?« — Dann begannen sie zurückzudrehen; das ist das talmudische Denken: ungeheuer scharf, einschneidend, aber immer zulassend, daß man einen völligen Irrweg gegangen ist. Das ist die Größe des Talmud gewesen: »Und tommer verkehrt?«
Insofern kann man für Juden, die nicht durch Unfall, sondern durch jüdische Bildung Juden sind, sagen: Wir haben durchgehalten, nicht, weil wir überzeugt waren, daß wir recht hatten. Nein, wenn die anderen sagten, der Jude Jeshua, Jesus, ist gekommen und hat alle Sünden der Welt auf sich genommen, jetzt sind wir alle erlöst, er war der Messias, dann sagten die Juden: »Und wie, wenn’s umgekehrt wäre?« Wie steht es mit der Menschheit? Wir denken an Jesajas: Sind die Schwerter zu Pflügen umgeschmiedet worden? Wir sehen ununterbrochen die Schwerter, aber nicht ihre Verwandlung. Diese Grundhaltung, wenn es um die Zukunft geht, das ist das Eschatologische.
Intelligent sein, heißt, lernen können, akzeptieren können, aber gleichzeitig das Recht und die Fähigkeit bewahren, das als gewiß Dargelegte in Frage zu stellen.
Manès Sperber stellt hier tatsächlich eine entscheidende Frage: Ist das Dogma von der Sündenerlösung durch Jeshua/Jesus angesichts der letzten 2000 Jahre heute überhaupt noch glaubwürdig? Oder ist es angezeigt, sein Leben und Wirken heute auf eine neue Weise zu interpretieren, die nicht von der realen geschichtlichen Entwicklung ad absurdum geführt wird? Ansätze dafür gibt es gerade angesichts der Erforschung der diversen christlichen Gruppen der ersten 200 Jahre mit ihren unterschiedlichen Auffassungen zur Gestalt Jesu mehr als genug.
Zu fragen wäre Sperber andererseits, ob solche Fragen mit einer dank Talmud geschärften Intelligenz zu beantwortet sind. Das ist mehr als zweifelhaft …
Fortsetzung und Abschluss am kommenden Freitag, den 20. Juni
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