Am 7. März 1979 wur­de im Fern­seh­stu­dio von Radio Bre­men ein aus­führ­li­ches Gespräch zwi­schen dem deut­schen Schrift­stel­ler Sieg­fried Lenz und Manès Sper­ber auf­ge­nom­men. Ohne Zeit­zwang unter­hiel­ten sich die bei­den über The­men, die sie inter­es­sier­ten. Irgend­wann kam Lenz auf jene schmerz­haf­te Zeit in Sper­bers Leben zu spre­chen, als sei­ne Hoff­nung, das rus­si­sche kom­mu­nis­ti­sche Expe­ri­ment öff­ne die Tür hin zu einer neu­en, frei­en und ega­li­tä­ren Gesell­schaft, defi­ni­tiv zer­brach.

Vor­wür­fe wur­den spä­ter laut, Sper­ber hät­te den men­schen­ver­ach­ten­den Cha­rak­ter des sowje­ti­schen Regimes viel frü­her erken­nen müs­sen — er brach mit der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei erst 1936 ange­sichts der Mos­kau­er Schau­pro­zes­se. Im Gespräch ging Sper­ber auf behut­sa­mes Fra­gen durch Lenz noch­mals auf sein kom­mu­nis­ti­sches Engag­ment ein. Hier ein län­ge­rer Aus­zug aus die­sem Gespräch.

LENZ: … der Revo­lu­tio­när Manes Sper­ber? Hat er, als er han­del­te, irgend­wann Augen­bli­cke erlebt, in denen er vom Zwei­fel unter­wan­dert wur­de?
SPERBER: Ja, natür­lich.
LENZ: In der ers­ten Zeit bereits?
SPERBER: Ich kann’s Ihnen kurz erzäh­len. Hof­fent­lich gelingt es mir, kurz zu sein. Es ist so, daß ich auf­grund mei­ner Jugend­er­zie­hung gegen Par­tei­en war. Und mit Recht. Was gegen Par­tei­en zu sagen ist, das gilt auch heu­te wie vor­ges­tern und ges­tern.
LENZ: Aber es spricht auch eini­ges für sie.
SPERBER: Ja, selbst­ver­ständ­lich. Die Par­tei ist das Instru­ment, Revo­lu­ti­on zu machen. Das muß man akzep­tie­ren. Damals war es noch nicht so weit, daß die Par­tei sich aus einem Instru­ment in eine Macht ver­wan­del­te, daß sie selbst dik­tier­te und sich nicht mehr als Mit­tel ansah, son­dern als Ziel. Damals war kei­ne Rede davon, daß Revo­lu­ti­on dazu da ist, um einen Sta­lin zur tota­li­tä­ren Macht zu brin­gen oder die Par­tei, eine Par­tei­cli­que und der­glei­chen mehr. Für uns war das eine Uber­gangs­pha­se. Der Staat soll­te ja sofort abster­ben, hat­te Lenin ein paar Mona­te vor der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on geschrie­ben. Aber ich hat­te Zwei­fel an jeder Art von Par­tei, am par­tei­ischen Den­ken. Wir gaben einen Kre­dit, wir haben im Futu­rum kon­ju­giert, mit der Zukunfts­zeit gerech­net. Wir sag­ten: Es ist noch nicht, aber es wird mor­gen sein. Wie der berühm­te Schwin­del mit »mor­gen wird gra­tis rasiert«. Sie wis­sen ja, in allen fran­zö­si­schen Dör­fern steht beim Bar­bier drau­ßen ein Schild »Mor­gen wird gra­tis rasiert«. Dann kommt der Bau­er und sagt, mor­gen komm’ ich und laß mich rasie­ren. Mor­gen kommt er und der Fri­seur sagt …
LENZ: Mor­gen …
SPERBER: Ja, heu­te ist nicht mor­gen und mor­gen kommt nie. Kein Tag ist mor­gen, son­dern immer ist mor­gen das, was sein wird und auf­hö­ren wird zu sein, sobald es Gegen­wart gewor­den sein wird. Ich bin also skep­tisch gewor­den, vor allem im Zusam­men­hang mit dem Ter­ror. Ich habe von Anfang an, ich möch­te fast sagen, gelit­ten unter der Ter­ror­fra­ge. Nicht nur unter dem indi­vi­du­el­len Ter­ror, den ich ableh­ne und ver­ab­scheue, son­dern auch unter dem staat­li­chen Ter­ror.
Es gibt eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Kaut­sky und Trotz­ki. Trotz­ki schrieb viel bes­ser als Kaut­sky. Jetzt weiß ich, daß Kaut­sky recht gehabt hat. Aber es war nicht ein­fach, das zu akzep­tie­ren. Ich habe gehört, daß Leu­te auf den Bahn­hö­fen aus den Zügen geholt wur­den und ihre Hän­de zei­gen muß­ten. Wenn das nicht schwie­li­ge Hän­de waren, wur­den sie erschos­sen. Das geschah nicht jeden Tag, aber es geschah. Und wenn man gleich­zei­tig dar­an glaubt, daß die Revo­lu­ti­on da ist, um den Men­schen zu ret­ten, dann ist das uner­träg­lich. Der Zwei­fel stei­ger­te sich in dem Aus­ma­ße, wie die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei zur bol­sche­wi­ki­schen und die bol­sche­wi­ki­sche Par­tei zu einem Instru­ment eines Macht­ap­pa­ra­tes wur­de. Ich woll­te mit der Par­tei bre­chen, im Jah­re 1932, als sich ihre Poli­tik in Deutsch­land als völ­lig falsch erwies. Aber da war bereits die Gefahr des Nazis­mus nahe, der muß­te bekämpft wer­den, und das ging nur an der Sei­te der Par­tei.
L ENZ: Und sie war mitt­ler­wei­le Hei­mat für Sie gewor­den.
SPERBER: Ja, aber mit Ein­schrän­kun­gen. Die Par­tei hat die gan­ze Zeit von 1925 bis 1933 immer wie­der gesagt: Mor­gen nach­mit­tag ist die Revo­lu­ti­on, spä­tes­tens über­mor­gen um neun Uhr früh machen wir Revo­lu­ti­on. Und als es Zeit war, zu kämp­fen, wur­de die Paro­le aus­ge­ge­ben, es wird nicht gekämpft. Man ist kampf­los vor Hit­ler zurück­ge­wi­chen. Das war ein Grund, weg­zu­ge­hen. Aber wohin gehen, wenn man glaub­te, mor­gen wird man doch irgend­wo kämp­fen müs­sen?
Sie sehen also, wir stan­den unter der Erpres­sung der Umstän­de. Ich habe dann mit der Par­tei gebro­chen, als die Par­tei, das heißt die Sowjet­uni­on, ver­lang­te, daß ich zum nächt­li­chen Him­mel hin­auf­schau­en soll und zuge­ben, daß es Tag ist und daß Nebel und Fins­ter­nis von der Son­ne beschie­nen wer­den. Das war wäh­rend der gro­ßen Schau­pro­zes­se. Alles wur­de da zur Lüge. Da brach ich mit der Par­tei, weil ich etwas habe, was man logi­sche Into­le­ranz nen­nen könn­te. Wis­sen Sie, alles ver­liert sei­nen Wert, wenn es nicht das Kri­te­ri­um der Wahr­heit oder die Suche nach der Wahr­heit gibt. Ein Schrift­stel­ler, also ein geis­ti­ger Arbei­ter, der sich nicht die­ser abso­lu­ten For­de­rung ver­pflich­tet fühlt, zu sagen oder zu schrei­ben, was er für wahr hält, son­dern aus Par­tei­dis­zi­plin, Staats­rai­son, sagt, was nicht wahr ist, es fälsch­lich oder schwin­del­haft als Wahr­heit aus­gibt, ja, war­um tut der denn nicht etwas ande­res, wird Par­tei­funk­tio­när oder geht in einen ande­ren Beruf?

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 23. Mai

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