Vine Del­oria setzt sich in sei­nem Buch “Cus­ter died for for your Sins* mit der ziem­lich schi­zo­phre­nen Hal­tung aus­ein­an­der, die das Ver­hält­nis der weis­sen ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft zu den indi­ge­nen Gemein­schaf­ten bis heu­te prägt: Idea­li­sie­rung und Ver­ach­tung zugleich.
In den USA ist Karl May mit sei­nem Win­ne­tou, dem edlen Wil­den und Beglei­ter Old Shat­ter­hands, prak­tisch unbe­kannt, obwohl die welt­wei­te Auf­la­ge sei­ner Bücher auf 200 Mil­lio­nen geschätzt wird (die Hälf­te davon in Deutsch­land). Trotz­dem stell­te Del­oria immer wie­der fest, dass
kaum ein Tag ver­ging, an dem nicht irgend­ein Wei­ßer mein Büro besuch­te und stolz ver­kün­de­te, er oder sie sei india­ni­scher Abstam­mung. Che­ro­kee“ war der belieb­tes­te Stamm ihrer Wahl, und vie­le Leu­te ver­or­te­ten die Che­ro­kee irgend­wo zwi­schen Maine und dem Bun­des­staat Washing­ton. Mohawk, Sioux und Chip­pe­wa folg­ten in der Beliebt­heits­ska­la. (…)

Mit einer Aus­nah­me gaben alle, die ich traf und die india­ni­sches Blut für sich bean­spruch­ten, an, es müt­ter­li­cher­seits zu haben. Ich habe ein­mal eine Rück­rech­nung vor­ge­nom­men und fest­ge­stellt, dass offen­bar die meis­ten Stäm­me in den ers­ten drei­hun­dert Jah­ren der wei­ßen Besied­lung aus­schließ­lich aus Frau­en bestan­den. Nie­mand, so schien es, woll­te einen männ­li­chen India­ner als Vor­fah­ren bean­spru­chen.

Hier sei­ne sar­kas­ti­sche Erklä­rung daf­ur:
Es bedarf kei­ner gro­ßen Ein­sicht in ras­sis­ti­sche Ein­stel­lun­gen, um die wah­re Bedeu­tung des „India­ner-Groß­mutter-Kom­ple­xes“ zu ver­ste­hen, der bestimm­te Wei­ße plagt. Ein männ­li­cher Vor­fahr hat zu sehr die Aura des wil­den Krie­gers, des unbe­kann­ten Pri­mi­ti­ven, des instink­ti­ven Tie­res, um ihn zu einem respek­ta­blen Mit­glied des Stamm­baums zu machen. Aber eine jun­ge India­ner­prin­zes­sin? Ah, da gab es könig­li­che Wür­de zu ergat­tern. Irgend­wie wur­de der Wei­ße mit einem edlen Haus vol­ler Vor­nehm­heit und Kul­tur in Ver­bin­dung gebracht, wenn sei­ne Groß­mutter eine india­ni­sche Prin­zes­sin war, die mit einem uner­schro­cke­nen Pio­nier durch­ge­brannt war. Und Königs­h­aus­zu­ge­hö­rig­keit war schon immer ein unbe­wuss­tes, aber alles beherr­schen­des Ziel der euro­päi­schen Ein­wan­de­rer.

Die frü­hen Kolo­nis­ten, die an das Leben unter wohl­wol­len­den Des­po­ten gewöhnt waren, pro­ji­zier­ten ihr Ver­ständ­nis der euro­päi­schen poli­ti­schen Struk­tur auf den India­ner­stamm, um des­sen poli­ti­sche und sozia­le Struk­tur zu erklä­ren. Euro­päi­sche Königs­häu­ser stan­den für ehe­ma­li­ge Sträf­lin­ge und Leib­ei­ge­ne ver­schlos­sen, also mach­ten die Kolo­nis­ten alle india­ni­schen Jung­frau­en zu Prin­zes­sin­nen und stie­gen dann die sozia­le Lei­ter ihrer eige­nen Schöp­fung empor. Wenn sich die­ser Trend fort­setzt, wird inner­halb der nächs­ten Gene­ra­ti­on ein gro­ßer Teil der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung schließ­lich mit Powhat­tan verwandt sein.

Wäh­rend eine ech­te india­ni­sche Groß­mutter wahr­schein­lich das Schöns­te ist, was einem Kind pas­sie­ren kann, war­um ist eine ent­fern­te india­ni­sche Prin­zes­sin­nen-Groß­mutter für vie­le Wei­ße so not­wen­dig? Liegt es dar­an, dass sie Angst haben, als Aus­län­der ein­ge­stuft zu wer­den? Brau­chen sie eine Bluts­ver­wandt­schaft mit der Gren­ze und ihren Gefah­ren, um zu erfah­ren, was es bedeu­tet, Ame­ri­ka­ner zu sein? Oder ist es ein Ver­such, sich der Schuld zu ent­zie­hen, die sie für die Behand­lung der India­ner tra­gen?

Und dann als Kehr­sei­te die Ver­ach­tung:
Eines Tages stieß ich in einem Geschichts­buch, das kurz nach der Jahr­hun­dert­wen­de ver­öf­fent­licht wur­de, auf eine klas­si­sche Äuße­rung die­ser Hal­tung. Oft habe ich mich gefragt, wie vie­le Sena­to­ren, Kon­gress­ab­ge­ord­ne­te und Geist­li­che jener Zeit die Ansich­ten die­ses Buches als grund­le­gen­de Tat­sa­che des Lebens in Ame­ri­ka akzep­tier­ten. In unmiss­ver­ständ­li­chen Wor­ten lob­te das Buch Gott dafür, dass der India­ner Nord­ame­ri­ka noch nicht so ver­der­ben konn­te, wie er es in Süd­ame­ri­ka getan hat­te:
Es war viel­leicht ein Glück für die Zukunft Ame­ri­kas, dass die India­ner des Nor­dens die Zivi­li­sa­ti­on ablehn­ten. Hät­ten sie sie ange­nom­men, hät­ten sich Wei­ße und India­ner viel­leicht bis zu einem gewis­sen Grad ver­misch­ten, wie es in Mexi­ko geschah. Das hät­te uns eine Bevöl­ke­rung beschert, die zum Teil aus fau­len Misch­lin­gen bestan­den hätte.

Ich habe es nie gewagt, die­se Pas­sa­ge mei­nen wei­ßen Freun­den zu zei­gen, die india­ni­sches Blut für sich bean­spruch­ten, aber ich habe mich oft gefragt, war­um sie so ener­gisch waren, wenn sie doch etwas von die­sem schlech­ten Samen in sich tru­gen. (…)

Mis­sio­na­re erklär­ten, nach­dem sie eini­ge der reli­giö­sen Mythen der Stäm­me ken­nen­ge­lernt hat­ten, denen sie begeg­ne­ten, fei­er­lich, dass die Bewoh­ner des neu­en Kon­ti­nents die zehn ver­lo­re­nen Stäm­me Isra­els sei­en. Den India­nern wur­de somit eine reli­gi­ös-his­to­ri­sche Iden­ti­tät zuge­schrie­ben, die weit über das hin­aus­ging, was sie woll­ten oder ver­dien­ten. Doch es war eine unmög­li­che Iden­ti­tät. Da sie den Maß­stä­ben des Alten Tes­ta­ments nicht genüg­ten, waren sie zum Sün­den­fall ver­dammt und wur­den bald auf den Sta­tus einer male­ri­schen Wild­tier­art her­ab­ge­stuft.

Wie die Hir­sche und Anti­lo­pen schie­nen die India­ner eher zu spie­len, anstatt sich der erns­ten Auf­ga­be zu wid­men, Schät­ze auf der Erde anzu­häu­fen, wo Die­be ein­bre­chen und steh­len. Das Skal­pie­ren, das vor dem Fran­zö­sisch-India­ni­schen Krieg von den Eng­län­dern ein­ge­führt wur­de, bestä­tig­te den Ver­dacht, dass India­ner wil­de Tie­re sei­en, die gejagt und gehäu­tet wer­den müss­ten. Kopf­gel­der wur­den aus­ge­setzt, und ein india­ni­scher Skalp wur­de wert­vol­ler als Biber‑, Otter‑, Mar­der- und ande­re Tier­fel­le.

Afro­ame­ri­ka­ner wur­den durch Ver­fas­sungs­zu­sät­ze kurz nach dem Bür­ger­krieg als eine Spe­zi­es von Men­schen aner­kannt. Vor der Eman­zi­pa­ti­on wur­den sie bei der Ermitt­lung der Bevöl­ke­rungs­zahl für die Ver­tre­tung im Reprä­sen­tan­ten­haus als drei Fünf­tel einer Per­son gezählt. Frü­he Bür­ger­rechts­ge­set­ze besa­gen vage, dass ande­re Men­schen die glei­chen Rech­te wie „Wei­ße“ haben sol­len, was dar­auf hin­deu­tet, dass es „ande­re Men­schen“ gab. Doch die wäh­rend und nach dem Bür­ger­krieg ver­ab­schie­de­ten Bür­ger­rechts­ge­set­ze schlos­sen die India­ner sys­te­ma­tisch aus.  Lan­ge Zeit wur­de einem India­ner nicht zuge­traut, vor Gericht Kla­ge zu erhe­ben, Eigen­tum zu besit­zen oder vor Gericht gegen Wei­ße aus­zu­sa­gen. Eben­so wenig konn­te ein India­ner wäh­len oder sein Reser­vat ver­las­sen. Die India­ner waren Ame­ri­kas gefan­ge­nes Volk ohne jeg­li­che defi­nier­te Rech­te.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 15. Mai

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