Gegen Schluss seiner Laudatio auf Manès Sperber anlässlich des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels geht Sigfried Lenz auf dessen Romantrilogie “Wie eine Träne ilm Ozean” ein:
Auch in seinem bedeutendsten epischen Werk … wird deutlich genug, wem die Sympathie des Schriftstellers gehört, wem er sich verbunden fühlt in lebenslänglicher Solidarität: Es sind die Gefährten, die aus Überzeugung die Aktion wählten und erfahren mußten, daß ihre Auflehnung vergeblich war. Es sind die skeptischen Wahrheitssucher, die, wenn auch von der Geschichte besiegt, ein Recht auf ihrer Seite behalten: das Recht, angesichts von Lüge und Gewalt zu handeln.
»Wie eine Träne im Ozean«: ein großes Zeugnis europäischer Romanliteratur, ein politisches und philosophisches Werk, eine Gewissenserforschung, ein Zeitporträt ohnegleichen, an dem, so kam es mir mitunter vor, Dostojewskis Leidenschaft ebenso mitgewirkt hat wie die denkerische Luzidität der französischen Moralisten. Die Vorbereitung einer politischen Aktion und das Herz einer Stadt: die bisweilen aphoristisch anmutende philosophische Debatte und das sanfte Liebeserlebnis; die »todbringendeWahrheit« — wie Malraux es nannte und das Bild einer Landschaft: Die gleiche Meisterschaft verbindet den Ereignisreichtum und die Gestaltenfülle dieses Buches. »Wie so viele Schriftsteller vor ihm«, bemerkte Manès Sperber in einem Vorwort, »hat der Autor seinen Lesern nur eines angeboten — mit ihm seine Einsamkeit zu teilen.«
Leider hat die Neuauflage dieses höchst eindrücklichen und über 1000 Seiten umfassenden Werks einen ziemlich stolzen Preis. Aber es gibt hier und hier preiswerte Occasions-Angebote. Für alle an der dramatischen politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts Interessierten unbedingte Leseempfehlung!
Manès Sperber konnte den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wegen seiner schweren Erkrankung nicht
mehr persönlich entgegennehmen. Sperbers Rede wurde von dessen Freund Alfred Grosser vorgetragen. Zu Beginn ging der Preisträger gleich auf seine gebrochene Beziehung zu Deutschland ein:
Ich bin der zweite Laureat des Frankfurter Friedenspreises, der durch Abstammung wie Wahlverwandtschaft ein Ostjude und trotzdem ein der deutschen Kultur in schmerzlicher Untrennbarkeit verbundener Schriftsteller geblieben ist. Der erste meiner Art ist ein vor acht Jahren in Jerusalem verstorbener chassidischer Religionsforscher, der deutsche Schriftsteller und israelische Universitätsprofessor
Martin Buber gewesen. Am 2.7. September 1953 sagte Buber zu Beginn seiner Ansprache über »Das echte Gespräch und die Möglichkeit des Friedens« (ich zitiere das Wesentliche):
»Eine erhebliche Anzahl deutscher Menschen haben auf den Befehl der deutschen Reichsregierung Millionen Juden in einer systematisch vorbereiteten Prozedur umgebracht … Sie (die Mörder) haben sich dem menschlichen Bereich so dimensional entrückt, daß nicht einmal ein Haß in mir hat aufkommen können. Und was bin ich, daß ich mich vermessen könnte, hier zu vergeben!« (Soweit Buber).
Eine Rundfrage meines verehrten Freundes Hermann Kesten beantwortend, schrieb ich im Jahre 1963 unter anderem dieses: »Im Frühjahr 1943 erfuhr ich aus dem Munde eines Augenzeugen, was in Polen geschah; ein junger Mann berichtete mir, was er in einigen jüdischen Städten Polens selbst gesehen und in Treblinka erlebt hatte … Mir wurde es gewiß, daß Deutschland mir niemals mehr sein konnte, was es für mich bis dahin, bis zu meinem 37. Lebensjahr, gewesen war .. .«
Selbst damals, in jener entsetzlichen Stunde, empfand ich keinen Haß und keine Rachsucht gegen das Volk, dessen gewählte Führer unschuldige Männer, Frauen und Kinder meines Stammes erniedrigen und sodann ausrotten ließen.
Kein Ressentiment, kein Haß — was also trennt mich von Deutschland?
»Eine Trauer, so grenzenlos, daß das Leben einer Generation nicht ausreicht, sie auszuschöpfen. Ja, in meinem tiefsten Innern glaube ich, daß es während zwei oder drei Generationen für Juden meiner Art unwürdig bleiben wird, sich mit den Deutschen zu idenfizieren.«
Würde ich Ihnen jetzt dies alles nicht ins Gedächtnis rufen, so geriete ich in eine subjektiv und objektiv falsche Situation. Im Gedenken an die Erniedrigten und Ermordeten, als deren untröstlicher Hinterbliebener ich mich bis an mein Lebensende empfinden werde, muß ich mich und Sie an diese nahe Vergangenheit, an diese unfaßbare, unauslöschliche Gewißheit erinnern.
Hat uns Sperber mit seiner Rede, in der er auf die politische Rolle Europas einging, auch heute noch — über 40 Jahre später — etwas zu sagen? Oder sind seine Ausführungen infolge der aktuellen politischen Entwicklungen weltweit überholt?
Dieser Frage wollen wir in der nächsten Folge am kommenden Samstag, den 25. April nachgehen.
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