Bevor wir definitiv in das Thema einsteigen, wollen wir der Frage nachgehen, warum die Überzeugung, dass wir alle uns in Zyklen von abwechslungsweiser physischer/nicht-physischer Existenz langsam weiterentwickeln, für viele Menschen unglaubhaft oder sogar absurd erscheint. Die Antwort darauf liegt im sog. metaphysischen Materialismus:
Metaphysischer Naturalismus (auch ontologischer Naturalismus, philosophischer Naturalismus und Antisupranaturalismus genannt) ist eine philosophische Weltanschauung, die davon ausgeht, dass es nichts außer natürlichen Elementen, Prinzipien und Beziehungen gibt, wie sie von den Naturwissenschaften untersucht werden. … Genauer gesagt lehnt der metaphysische Naturalismus die übernatürlichen Konzepte und Erklärungen ab, die Teil vieler Religionen sind.
Nach Arthur C. Danto ist Naturalismus in seiner jüngeren Verwendung eine Form des philosophischen Monismus, nach dem alles, was existiert oder geschieht, natürlich ist, da es durch Methoden erklärbar ist, die … paradigmatisch in den Naturwissenschaften veranschaulicht werden … . Daher wird Naturalismus polemisch als Ablehnung der Ansicht definiert, dass es Wesenheiten gibt oder geben könnte, die grundsätzlich außerhalb des Bereichs wissenschaftlicher Erklärungen liegen. (Wikipedia)
Die Folgen dieser Weltsicht?
Unter dem Einfluss des metaphysischen Naturalismus hören wir von den Sozialwissenschaftlern seit vielen Jahren immer wieder, unsere Intuitionen und Wahrnehmungen von Dingen, die jenseits der physikalischen Welt liegen, seien lediglich eine Form des Wunschdenkens, eine kulturbedingte Neurose, basierend auf überholten Traditionen. Dementsprechend haben wir gelernt, solche inneren Eingebungen als blosse Illusionen fahren zu lassen, um uns vor der rauhen Wirklichkeit einer Welt ohne Gott und ohne ewiges Leben zu schützen. Wir haben uns vom Glanz der Wissenschaft blenden lassen, haben Szientismus mit Wissenschaft verwechselt und uns bereitwillig selbst vom tiefsten Teil unseres Wesens abgeschnitten. Indem wir den Verstand über alles andere gestellt haben, haben wir aufgehört, einer noch feineren Stimme zu lauschen, die jenseits des urteilenden Verstandes wohnt. Während wir die Wissenschaft und den aus ihr abgeleiteten Technologien auf vielen Gebieten beeindruckende Verbesserungen und Lebenserleichterungen verdanken, hat die geistige Sterilität des Naturalismus doch einen erschreckend hohen Preis gefordert.
Ob wir es nun wollen oder nicht: Der metaphysische Naturalismus ist inzwischen tief in unser individuelles und kollektives Leben eingesickert. Er hat den Massstab für die Qualität unseres Lebens (den Lebensstandard) gesetzt, und er bestimmt sogar darüber, wie wir unser eigenes Bewusstsein erklären (Gehirnaktivität). …
Wir waren so mit der Ausübung der Wissenschaft beschäftigt, dass wir uns durch ihre aussergewöhnlichen Erfolge bei der Entschlüsselung der Geheimnisse der physikalischen Welt davon überzeugen lassen, dass wir im Grunde nichts anderes sind als physikalische Kreaturen. Aber das ist nicht wahr. Und es stimmt auch nicht, dass die Wissenschaft nur diesen Schluss zulassen würde. Die Schuld am metaphysischen Naturalismus liegt nicht bei der Wissenschaft, sondern bei uns selbst. Er ist der Ausfluss einer historisch bedingten Faszination, die inzwischen weitgehend überholt ist.
Während das moderne Denken Wissenschaft und Spiritualität als diametrale Gegensätze auffasste, findet im postmodernen eine Neubewertung der Situation statt. …
Die Quantenphysik hat unsere Annahmen über das Wesen der Materie an sich in Frage gestellt, während das Zusammenwirken verschiedener Entwicklungen in der Informationstheorie, der Bewusstseinsforschung, der Kybernetik, der Systemtheorie, der Chemie und Biologie das Auftauchen eines neuen Paradigmas begünstigt hat, das den spirituellen Wirklichkeiten weniger feindlich gegenübersteht. Wenn man die Arbeiten von Gregory Bateson, Ilya Prigogine, Rupert Sheldrake, Stanislav Grof und Arthur Young liest, kann man nicht umhin zu bemerken, dass die Wissenschaft dabei ist, sich mehr und mehr vom metaphysischen Naturalismus zu lösen.
Kreative Denker wie Bernardo Kastrup stellen das Weltbild des metaphysischen Naturalismus sogar radikal auf den Kopf, indem sie das Bewusstsein als Ursprung aller materiellen Schöpfung deklarieren. Und stellt sich damit in eine uralte Schöpfungstradition wie etwa die Kabbala, in der die materielle Welt in der Glyphe des sog. Lebensbaumes sozusagen als letzte “Schöpfungsstation” in der Sephira Malchut (Königreich) erscheint.
Christopher Bache sieht die Reinkarnationsforschung als Teilgebiet dieser neuen Forschungsrichtungen und postuliert: Die wahre Wissenschaft hat keine theoretischen Einwände gegen die mögliche Existenz einer solchen (nicht materiellen) Dimension, wenn sie auch aufgrund ihrer strikten Forderung nach Evidenz jedes dafür angeführte Argument einer genauen Prüfung unterziehen wird. (alle Exzerpte aus Bache, p. 38–41)
Wenn jemand genau das getan hat, ist es Ian Stevenson bei seiner Erforschung von Reinkarnationsfällen. Dazu mehr in der nächsten Folge am kommenden Freitag, den 30. Mai!
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