Wie nimmt man Land in Besitz, das einem nicht gehört? Die Puri­ta­ner arbei­te­ten mit zwei Metho­den: Man dekla­riert, das Land gehö­re gar nicht den indi­ge­nen Völ­kern, — und man holt es sich mit Gewalt.
Der Gou­ver­neur der Mas­sa­chu­setts Bay Colo­ny, John Win­throp, schuf einen Vor­wand, um den India­nern ihr Land weg­zu­neh­men, indem er das Gebiet recht­lich zu einem „Vaku­um“ erklär­te. Die India­ner, so sag­te er, hät­ten das Land nicht „unter­wor­fen“ und hät­ten daher nur ein „natür­li­ches“ Recht dar­auf, aber kein „Bür­ger­recht“. Ein „natür­li­ches Recht“ hat­te kei­ne Rechts­kraft.
Die Puri­ta­ner berie­fen sich auch auf die Bibel, Psalm 2,8: „ Bit­te mich, und ich wer­de dir die Hei­den zum Erbe geben und die Enden der Erde zu dei­nem Besitz.” Und um ihre Gewalt­an­wen­dung zur Erobe­rung des Lan­des zu recht­fer­ti­gen, zitier­ten sie Römer 13:2: „Wer sich also der Macht wider­setzt, wider­setzt sich der Anord­nung Got­tes, und wer sich wider­setzt, wird das Urteil emp­fan­gen.”

Falls sich Indi­ge­ne wehr­ten und sich dem Land­raub wider­setz­ten, orga­ni­sier­ten die puri­ta­ni­schen Sied­ler Straf­ex­pe­di­tio­nen. Hier ein Bei­spiel:
Die Ermor­dung eines wei­ßen Händ­lers, India­ner-Ent­füh­rers und Unru­he­stif­ters wur­de zum Vor­wand, um 1636 Krieg gegen die Pequots zu füh­ren. Eine Straf­ex­pe­di­ti­on brach von Bos­ton aus auf, um die Nar­ra­gan­sett-India­ner auf Block Island anzu­grei­fen, die mit den Pequots in einen Topf gewor­fen wur­den. Wie Gou­ver­neur Win­throp schrieb:
Sie hat­ten den Auf­trag, die Män­ner von Block Island zu töten, aber die Frau­en und Kin­der zu ver­scho­nen, sie mit­zu­neh­men und die Insel in Besitz zu neh­men; und von dort aus zu den Pequods zu gehen, um die Mör­der von Cap­tain Stone und ande­ren Eng­län­dern sowie tau­send Faden Wam­pom als Ent­schä­di­gung für Schä­den usw. und eini­ge ihrer Kin­der als Gei­seln zu for­dern, was sie, soll­ten sie sich wei­gern, mit Gewalt erlan­gen soll­ten.

Die Eng­län­der lan­de­ten und töte­ten eini­ge India­ner, aber die übri­gen ver­steck­ten sich in den dich­ten Wäl­dern der Insel, und die Eng­län­der zogen von einem ver­las­se­nen Dorf zum nächs­ten und zer­stör­ten die Ern­te. Dann segel­ten sie zurück zum Fest­land und über­fie­len Pequot-Dör­fer ent­lang der Küs­te, wobei sie erneut die Ern­te zer­stör­ten. Einer der Offi­zie­re die­ser Expe­di­ti­on gibt in sei­nem Bericht einen Ein­blick in die Pequots, denen sie begeg­ne­ten: „Die India­ner, die uns aus­spio­nier­ten, kamen in Scha­ren am Ufer ent­lang­ge­rannt und rie­fen: ‚Was gibt’s, Eng­län­der, was gibt’s, war­um kommt ihr?‘ Da sie nicht dach­ten, dass wir Krieg woll­ten, gin­gen sie fröh­lich wei­ter …“

So begann der Krieg mit den Pequot. Auf bei­den Sei­ten kam es zu Mas­sa­kern. Die Eng­län­der ent­wi­ckel­ten eine Kriegs­tak­tik, die zuvor schon von Cor­tés und spä­ter, im 20. Jahr­hun­dert, noch sys­te­ma­ti­scher ange­wen­det wur­de: geziel­te Angrif­fe auf Nicht­kom­bat­tan­ten, um den Feind zu ter­ro­ri­sie­ren. So inter­pre­tiert der Eth­no­his­to­ri­ker Fran­cis Jen­nings den Angriff von Kapi­tän John Mason auf ein Pequot-Dorf am Mys­tic River in der Nähe des Long Island Sound: „Mason schlug vor, Angrif­fe auf Pequot-Krie­ger zu ver­mei­den, da dies sei­ne uner­fah­re­nen, unzu­ver­läs­si­gen Trup­pen über­for­dert hät­te. Eine Schlacht als sol­che war nicht sein Ziel. Eine Schlacht ist nur eine der Mög­lich­kei­ten, den Kamp­fes­wil­len des Fein­des zu bre­chen. Ein Mas­sa­ker kann das­sel­be Ziel mit weni­ger Risi­ko errei­chen, und Mason hat­te beschlos­sen, dass ein Mas­sa­ker sein Ziel sein wür­de.“

Also zün­de­ten die Eng­län­der die Wig­wams des Dor­fes an. Nach ihrer eige­nen Dar­stel­lung: „Der Cap­tain sag­te auch: Wir müs­sen sie ver­bren­nen; und trat sofort in den Wig­wam … hol­te einen bren­nen­den Holz­scheit, leg­te ihn auf die Mat­ten, mit denen sie bedeckt waren, und zün­de­te die Wig­wams an.“ Wil­liam Brad­ford beschreibt in sei­ner damals ver­fass­ten „Geschich­te der Ply­mouth-Plan­ta­ge“ John Masons Über­fall auf das Pequot-Dorf:
Die­je­ni­gen, die dem Feu­er ent­kom­men waren, wur­den mit dem Schwert getö­tet; eini­ge wur­den in Stü­cke gehau­en, ande­re mit ihren Degen durch­bohrt, so dass sie schnell getö­tet wur­den und nur sehr weni­ge ent­kom­men konn­ten. Man schätzt, dass auf die­se Wei­se etwa 400 Men­schen ums Leben kamen. Es war ein schreck­li­cher Anblick, sie so im Feu­er bra­ten zu sehen, und die Strö­me von Blut, die das Feu­er lösch­ten, und schreck­lich war der Gestank und Geruch dort, aber der Sieg schien ein süßes Opfer zu sein, und sie brach­ten Gott, der so wun­der­bar für sie gewirkt hat­te, indem er ihre Fein­de in ihre Hän­de gab und ihnen einen so schnel­len Sieg über einen so stol­zen und belei­di­gen­den Feind bescher­te, ihre Gebe­te dar.
Wie Dr. Cot­ton Mather, puri­ta­ni­scher Theo­lo­ge, es aus­drück­te: „Man ging davon aus, dass an die­sem Tag nicht weni­ger als 600 Pequot-See­len in die Höl­le kamen
.”

Der Krieg ging wei­ter. India­ner­stäm­me wur­den gegen­ein­an­der aus­ge­spielt und schie­nen nie in der Lage zu sein, sich im Kampf gegen die Eng­län­der zu ver­bün­den. Jennings fasst zusam­men:
Der Ter­ror war unter den India­nern sehr real, aber mit der Zeit began­nen sie, über sei­ne Grund­la­gen nach­zu­den­ken. Sie zogen drei Leh­ren aus dem Pequot-Krieg:
(1) dass die fei­er­lichs­ten Ver­spre­chen der Eng­län­der gebro­chen wür­den, sobald Ver­pflich­tun­gen im Wider­spruch zu Vor­tei­len stan­den;
(2) dass die eng­li­sche Art der Kriegs­füh­rung kei­ne Skru­pel oder Gna­de kann­te; und
(3) dass india­ni­sche Waf­fen gegen euro­päi­sche Waf­fen fast nutz­los waren. Die­se Leh­ren nah­men sich die India­ner zu Her­zen.

Howard Zinn kommt zum Schluss:
Hin­ter der eng­li­schen Inva­si­on Nord­ame­ri­kas, hin­ter ihrem Mas­sa­ker an den India­nern, ihrer Täu­schung und ihrer Bru­ta­li­tät stand jener beson­de­re, mäch­ti­ge Antrieb, der in Zivi­li­sa­tio­nen ent­steht, die auf Pri­vat­ei­gen­tum basie­ren. Es war ein mora­lisch zwei­deu­ti­ger Antrieb; das Bedürf­nis nach Raum, nach Land, war ein ech­tes mensch­li­ches Bedürf­nis. Aber unter den Bedin­gun­gen der Knapp­heit, in einer bar­ba­ri­schen Epo­che der Geschich­te, die vom Wett­be­werb beherrscht war, ver­wan­del­te sich die­ses mensch­li­che Bedürf­nis in den Mord an gan­zen Völ­kern.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 6. März

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