In Odes­sa erschloss sich dem jun­gen Isaak Babel eine neue Welt:
In der hei­te­ren Hafen­stadt des Südens hät­te Babel der Freu­de begeg­nen und den Herbst ver­ges­sen kön­nen. Ein Frem­der, der aus der Bre­ta­gne stam­men­de Pro­fes­sor, der ihn an der Han­dels­schu­le in Lite­ra­tur und fran­zö­si­scher Spra­che unter­rich­te­te, offen­bar­te ihm die Schön­heit der Wer­ke Flau­berts und Mau­pas­sants. Der Jüng­ling war von ihnen so hin­ge­ris­sen, als wären sie die Evan­ge­li­en einer ein­zig­ar­ti­gen Kunst und eines neu­en Lebens zugleich (…)
Die Alten der Mol­da­wan­ka brach­ten dem jun­gen Juden bei, was die Reli­gi­on zu wis­sen gebie­tet; doch dane­ben erfuhr er die Legen­den, die sich um die jüdi­schen Gangs­ter woben, die man noch mehr bewun­der­te, als man sie fürch­te­te.
In jenen Jah­ren las Babel alles, was ihm in die Hän­de geriet; alles schien auf ihn zuzu­kom­men er ver­gaß nichts. Er kann­te außer dem Hebräi­schen drei Spra­chen: Jid­disch, Rus­sisch und Fran­zö­sisch. Nur sei­ne ers­ten Erzäh­lun­gen ver­faß­te er in der Spra­che Mau­pas­sants, sein gan­zes übri­ges Werk ist rus­sisch geschrie­ben — alles in allem nicht mehr als 350 Sei­ten. Erzäh­lun­gen, Novel­len und Thea­ter­stü­cke, die zusam­men die Auto­bio­gra­phie eines Man­nes bil­den, der über­all der Gewalt begeg­net ist; sie war nicht sel­ten mör­de­risch, immer war sie ernied­ri­gend. Manch­mal hät­te er sich mit der Gewalt aus­söh­nen wol­len, doch gelang’s ihm nie, denn immer muß­te er sich eins füh­len mit den Opfern. Selbst dann, wenn er sich im Lager der Macht­ha­ber befand.

Tat­säch­lich schloss sich Babel schon früh den Bol­sche­wi­ki an und wur­de nach erfolg­lo­sen Ver­su­chen, sich in Peters­burg als Schrift­stel­ler zu eta­blie­ren, schliess­lich von Maxim Gor­ki ent­deckt und geför­dert.
Gleich­zei­tig aber emp­fahl ihm der Dich­ter des Nacht­asyl, bis auf wei­te­res jede lite­ra­ri­sche Tätig­keit ein­zu­stel­len und in die Schu­le des »wirk­li­chen Lebens« zu gehen, dort­hin, wo man den »wirk­li­chen Men­schen« begeg­net. Babels neun­jäh­ri­ge Lehr­zeit war über­voll aus­ge­füllt mit die­sem wirk­li­chen Leben: mit zwei Revo­lu­tio­nen, einem furcht­ba­ren, lan­gen Bür­ger­krieg, schließ­lich dem sowje­ti­schen Krieg gegen Polen. Noch ehe er sich in die Kaval­le­rie Bud­jon­nys ein­reih­te, schlug sich Babel an der Süd­front, sodann im Nor­den gegen Jude­nit­sch; er wan­der­te kreuz und quer durch das Wol­ga­ge­biet auf der Suche nach Lebens­mit­teln für die Arbei­ter des hun­gern­den Petro­grad. Er war ein Mit­glied des Revo­lu­tio­nä­ren Komi­tees in Odes­sa. Spä­ter arbei­te­te er im Kom­mis­sa­ri­at für Volks­er­zie­hung; er übte gar vie­le Beru­fe aus, unter ande­ren den des Dru­ckers. Wäh­rend all die­ser schwe­ren Jah­re berei­te­te er sich dar­auf vor, Schrift­stel­ler zu wer­den.

Sei­ne Erfah­run­gen ver­ar­bei­te­te er in sei­nem Werk Bud­jon­nys Rei­ter­ar­mee. Nach einer ers­ten posi­ti­ven Rezep­ti­on geriet es aber bald in die Kri­tik:
Die Cha­rak­te­re der Geschich­ten und die Beschrei­bung der Gräu­el­ta­ten der Sol­da­ten an der Bevöl­ke­rung, Raub, Ermor­dung, Ver­ge­wal­ti­gung usw., ent­spra­chen nicht der Linie des sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus. Maxim Gor­ki nahm Babel in Schutz und warf Bud­jon­ny vor, er habe das Buch „von der Höhe des Pfer­de­rü­ckens“ aus beur­teilt und nicht „von der Höhe der Kunst“. (Wiki­pe­dia).
Damit war der Ton gege­ben: Zwar konn­te Babel noch wei­te­re Roma­ne, Erzäh­lun­gen und Thea­ter­stü­cke ver­öf­fent­li­chen, aber Sta­lins Zen­sur ver­stärk­te sich:
(Das Thea­ter­stück) “Maria”, 1935 in einer Thea­ter­zeit­schrift ver­öf­fent­licht, durf­te nicht auf­ge­führt wer­den. Es ist gewiß, daß der Dich­ter auch ande­re Dra­men ver­faßt hat; sie blie­ben ver­bor­gen wie alles, was er in der innern Ver­ban­nung schrieb. Dane­ben pro­du­zier­te er Film­sze­na­ri­os, die gewöhn­lich nicht ver­wen­det, aber hono­riert wur­den. So fris­te­te er sein Leben. (…)

»Doch von jetzt an muß man schrei­ben wie Sta­lin ! « Auch das sag­te er auf jenem Kon­greß der sowje­ti­schen Schrift­stel­ler. Folg­lich schrieb er über­haupt nicht mehr, oder nur ins­ge­heim, für fest­ver­schlos­se­ne Schub­fä­cher.

Die tota­li­tä­re Tyran­nis aber ahn­det als ein Ver­bre­chen der Majes­täts­be­lei­di­gung das Schwei­gen jener, von denen sie erwar­tet, beweih­räu­chert zu wer­den. Man stieß auf den Namen Trotz­kis und den viel­fa­chen Wider­hall sei­nes Ruhms in den Büchern Babels, bevor die­se vom Zen­sor gesäu­bert wur­den; der Name Sta­lins hin­ge­gen war in ihnen nir­gends erwähnt. Auch dies wur­de nicht ver­zie­hen. Der Dich­ter wuß­te es, den­noch unter­ließ er es, sei­ne Ver­gan­gen­heit rück­wir­kend zu revi­die­ren, wie so vie­le ande­re es taten, um ihr Leben zu ret­ten. Babel ver­fiel in ein Schwei­gen, das täg­lich gefahr­vol­ler wur­de. Er war ver­lo­ren an dem Tag, an dem Gor­ki in byzan­ti­ni­scher Pracht begra­ben wur­de (…)

Im Mai 1939 wur­de er ver­haf­tet und so lan­ge gefol­tert, bis er zugab, Mit­glied einer trotz­kis­ti­schen Grup­pe gewe­sen zu sein, — ein Todes­ur­teil.
Am Tag der Gerichts­ver­hand­lung wider­rief er das erzwun­ge­ne Geständ­nis. Den­noch wur­de er am 26. Janu­ar 1940 von einem Tri­bu­nal unter Vor­sitz von Was­si­li Ulrich für schul­dig befun­den und am dar­auf­fol­gen­den Tag im Gefäng­nis Butyr­ka erschos­sen (…) Sei­ne Manu­skrip­te wur­den bei sei­ner Ver­haf­tung vom NKWD beschlag­nahmt und spä­ter ver­brannt.
Am 23. Dezem­ber 1954
- Sta­lin war anfangs März 1953 gestor­ben — wur­de Babel öffent­lich von den gegen ihn erho­be­nen Anschul­di­gun­gen frei­ge­spro­chen. Dies ermög­lich­te sei­ner Wit­we die erneu­te Ver­öf­fent­li­chung sei­ner erhal­ten geblie­be­nen Wer­ke ab 1957. (Wiki­pe­dia)

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 28. März

An ande­ren Seri­en inter­es­siert?
Wil­helm Tell / Ignaz Trox­ler / Hei­ner Koech­lin / Simo­ne Weil / Gus­tav Mey­rink / Nar­ren­ge­schich­ten / Bede Grif­fiths / Graf Cagli­os­tro /Sali­na Rau­rica / Die Welt­wo­che und Donald Trump / Die Welt­wo­che und der Kli­ma­wan­del / Die Welt­wo­che und der lie­be Gott /Leben­di­ge Birs / Aus mei­ner Foto­kü­che / Die Schweiz in Euro­pa /Die Reichs­idee /Voge­sen Aus mei­ner Bücher­kis­te / Ralph Wal­do Emer­son / Fritz Brup­ba­cher  / A Basic Call to Con­scious­ness Leon­hard Ragaz / Chris­ten­tum und Gno­sis / Hel­ve­tia — quo vadis? / Aldous Hux­ley / Dle WW und die Katho­li­sche Kir­che / Trump Däm­me­rung / Manès Sper­ber /Reinkar­na­ti­on / USA — Eine alter­na­ti­ve Geschich­te

USA - Eine alternative Geschichte 5
Wochenrückblick

2 Kommentare

Kommentiere

Deine Meinung