Euro­pa ist gera­de dar­an, aus dem Dorn­rös­chen­schlaf vom beschüt­zen­den gros­sen Bru­der jen­seits des Atlan­tik zu erwa­chen, sich die Augen zu rei­ben und etwas rat­los “Wie wei­ter?” zu fra­gen. Noch immer ist es aber nicht bereit, die Per­spek­ti­ve ernst zu neh­men, dass sich die USA in den kom­men­den Jah­ren defi­ni­tiv in eine faschis­ti­sche und olig­ar­chi­sche Dik­ta­tur ver­wan­deln könn­ten. Behält Fran­cis Fuku­ya­ma recht, wenn er das Zer­brö­ckeln der Macht Trumps dia­gnos­ti­ziert und sei­ne Hoff­nung auf einen demo­kra­ti­schen Wahl­sieg bei den Mid­terms setzt?:
Es gibt zwei zen­tra­le Kon­troll­me­cha­nis­men für Trumps Macht. Der ers­te und wich­tigs­te sind Wah­len. Im kom­men­den Novem­ber ste­hen in den USA die Mid­terms an, und alles deu­tet dar­auf hin, dass die Demo­kra­ten das Reprä­sen­tan­ten­haus mit deut­li­chem Vor­sprung zurück­er­obern wer­den.
Oder Robert Kagan, wenn er fest­stellt, dass sich das Land gera­de fast wider­stands­los in einen Dik­ta­tur ver­wan­delt?
Glau­ben Sie allen Erns­tes, Trump wird es zulas­sen, dass das Reprä­sen­tan­ten­haus (bei den Mid­terms) demo­kra­tisch wird? Auf kei­nen Fall! Sei­ne Prä­si­dent­schaft, wie er sie sich vor­stellt, wäre dahin. Von Skru­peln, sei­nem Gewis­sen, wird er ohne­hin nicht geplagt. (…)

Es sieht also ganz so aus, dass die Mid­terms im Herbst der Lack­mus­test sind, die zei­gen, in wel­che Rich­tung die USA sich defi­ni­tiv bewe­gen wer­den.

Thom Hart­mann, Autor meh­re­rer Bücher über die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung und Geschich­te, sieht alle Warn­lam­pen jetzt schon auf rot. Hier ein Aus­zug aus einem sei­ner letz­ten Blog-Arti­kel (Her­vor­he­bun­gen durch den Autor):

Die Bill of Rights wur­de geschrie­ben, um eine Tren­nung zwi­schen der Gewalt­be­fug­nis des Staa­tes und den Men­schen, die er regiert, zu schaf­fen. Um die Regie­rung zu beschrän­ken.

Wenn die­se Tren­nung auf­ge­ho­ben wer­den kann, sodass die Regie­rung jede belie­bi­ge benach­tei­lig­te Grup­pe angrei­fen kann, dann sind die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te kei­ne uni­ver­sel­len Garan­tien mehr, son­dern wer­den zu beding­ten Pri­vi­le­gi­en. Und sobald die­ser Wan­del ein­tritt, zei­gen uns die Geschich­te – und das berühm­te Gedicht von Pas­tor Mar­tin Niem­öl­ler** –, dass die Grup­pen von Men­schen, die unge­schützt sind, nie lan­ge klein blei­ben.
(** Als die Nazis die Kom­mu­nis­ten hol­ten, habe ich geschwie­gen, ich war ja kein Kom­mu­nist.
Als sie die Sozi­al­de­mo­kra­ten ein­sperr­ten, habe ich geschwie­gen, ich war ja kein Sozi­al­de­mo­krat.
Als sie die Gewerk­schaf­ter hol­ten, habe ich geschwie­gen, ich war ja kein Gewerk­schaf­ter.
Als sie mich hol­ten, gab es kei­nen mehr, der pro­tes­tie­ren konn­te.)

Wenn gewähl­te Amts­trä­ger es als „unmög­lich“ bezeich­nen, von Bun­des­be­am­ten zu ver­lan­gen, dass sie einen rich­ter­li­chen Durch­su­chungs­be­fehl ein­ho­len, bevor sie Türen auf­bre­chen, dass sie Men­schen eine Kau­ti­on oder einen Pro­zess gewäh­ren, bevor sie zu einer lan­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wer­den, und dass sie Pro­tes­te zulas­sen, dann debat­tie­ren sie nicht über Grenz­po­li­tik, son­dern tes­ten, ob die Bill of Rights noch bin­dend ist oder nur noch eine deko­ra­ti­ve Funk­ti­on hat.
Der­zeit tritt die ICE Türen ein und zer­schlägt Auto­fens­ter, um sowohl Bür­ger als auch Nicht-Bür­ger anzu­grei­fen und zu ver­haf­ten. Sie tun dies, weil sie sagen, dass sie es dür­fen. Und um Men­schen zu ver­haf­ten, fest­zu­neh­men und ein­zu­sper­ren, behaup­ten sie, dass sie ihre eige­nen gefälsch­ten, erfun­de­nen „Ver­wal­tungs­be­feh­le“ aus­stel­len kön­nen und kei­nen Rich­ter oder Gericht benö­ti­gen, um Bewei­se zu sehen oder ein Wort zu sagen.

Der vier­te Ver­fas­sungs­zu­satz lau­tet:
Das Recht der Men­schen auf Sicher­heit ihrer Per­son, ihrer Häu­ser, ihrer Papie­re und ihres Eigen­tums vor unbe­grün­de­ten Durch­su­chun­gen und Beschlag­nah­mun­gen darf nicht ver­letzt wer­den, und es dür­fen kei­ne Haft­be­feh­le aus­ge­stellt wer­den, es sei denn, es liegt ein hin­rei­chen­der Grund vor, der durch Eid oder eides­statt­li­che Erklä­rung bestä­tigt wird und in dem ins­be­son­de­re der zu durch­su­chen­de Ort und die zu beschlag­nah­men­den Per­so­nen oder Gegen­stän­de beschrie­ben wer­den. ”

Das ist alles. Jedes ein­zel­ne Wort. Und es gilt für jede „Per­son”, die sich zufäl­lig in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­hält. Den­noch igno­rier­te James Per­ci­val, Gene­ral Coun­sel des DHS (Depart­ment of Home­land Secu­ri­ty), 250 Jah­re ame­ri­ka­ni­sches Recht und Geschich­te und sag­te:
„Ille­ga­le Ein­wan­de­rer haben nicht Anspruch auf den­sel­ben Schutz durch den vier­ten Ver­fas­sungs­zu­satz wie US-Bür­ger.”

Sein Argu­ment lau­tet, dass es nicht „unan­ge­mes­sen“ sei, die Haus­tü­ren von Men­schen ein­zu­tre­ten, bei denen sich mög­li­cher­wei­se ille­ga­le Ein­wan­de­rer auf­hal­ten, oder die Schei­ben ihrer Autos ein­zu­schla­gen.

Dies ist ein klas­si­sches Bei­spiel dafür, wie das Recht von einem kri­mi­nel­len Regime, unter dem wir der­zeit lei­den, zu unver­ständ­li­chem Kau­der­welsch ver­dreht wer­den kann. Und dabei sind noch nicht ein­mal das Recht auf ein Schwur­ge­richts­ver­fah­ren, das Recht auf jour­na­lis­ti­sche Tätig­keit oder das Recht auf Pro­test ent­hal­ten, die alle durch die Bill of Rights garan­tiert sind.

Eine faschis­to­ide Regie­rung muss nur genü­gend Spei­chel­le­cker in Macht­po­si­tio­nen haben, die das Gesetz igno­rie­ren, damit es die gewal­ti­ge Macht der Regie­rung nicht mehr ein­schränkt.

Für moder­ne Ame­ri­ka­ner mag das abs­trakt klin­gen, aber es ist ent­schei­dend. Die Regie­rung ist die ein­zi­ge Insti­tu­ti­on, die eine weit ver­brei­te­te kul­tu­rel­le Akzep­tanz dafür hat, Gewalt anzu­wen­den, uns zu inhaf­tie­ren oder sogar zu töten und unser Leben auf der Suche nach angeb­li­chen kri­mi­nel­len Akti­vi­tä­ten zu zer­stö­ren.

Der Sinn einer Demo­kra­tie besteht dar­in, die­se Macht ein­zu­schrän­ken und zu ver­hin­dern, dass sie sich jemals so sehr in den Hän­den einer klei­nen Grup­pe kon­zen­triert, dass sie zum Vor­teil einer Grup­pe gegen­über einer ande­ren miss­braucht wer­den kann.

Fort­set­zung am kom­men­den Don­ners­tag, den 26. Febru­ar

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