Über Jahr­zehn­te gal­ten die USA nach dem Zwei­ten Welt­krieg als die Garan­ten für ein frei­es und demo­kra­ti­sches Euro­pa ange­sichts des von der Sowjet­uni­on mit eiser­ner Faust domi­nier­ten Ost­blocks. Zwar waren Miss­tö­ne unüber­seh­bar — Viet­nam-Krieg, Chi­le, usw. — aber man konn­te vom grund­sätz­li­chem Wohl­wol­len und Schutz des “gros­sen Bru­ders” jen­seits des Atlan­tik aus­ge­hen.

Das hat sich — wie Anne App­le­baum aus­führt — grund­sätz­lich geän­dert. Hier also die Fort­set­zung ihrer Ana­ly­se zur neu­en ame­ri­ka­ni­schen Aus­sen­po­li­tik unter Donald Trump:
Obwohl das US-Mili­tär und die Geheim­diens­te wei­ter­hin eng mit ver­bün­de­ten Regie­run­gen zusam­men­ar­bei­ten, bemü­hen sich die Ideo­lo­gen inner­halb und außer­halb der Regie­rung aktiv dar­um, die­se durch Per­so­nen und Par­tei­en zu erset­zen, die ihre Ver­ach­tung für die libe­ra­le Demo­kra­tie und für das tei­len, was einst – zumin­dest als Ide­al – als ame­ri­ka­ni­sche Wer­te galt. Um dies zu errei­chen, müs­sen sie ihren glo­ba­len Ein­fluss aus­wei­ten, Wah­len in ehe­ma­li­gen Part­ner­län­dern mani­pu­lie­ren und die Geld- und Macht­strö­me ver­än­dern, ins­be­son­de­re inner­halb ande­rer Demo­kra­tien. Ein Groß­teil der Welt hat Ame­ri­kas Ver­tei­di­gung der Demo­kra­tie schon immer als heuch­le­risch ange­se­hen und die von den USA ange­führ­te wirt­schaft­li­che Inte­gra­ti­on als eigen­nüt­zig. Doch nun ent­de­cken sogar die­je­ni­gen, die auf­rich­tig an das ame­ri­ka­ni­sche Nach­kriegs­pro­jekt geglaubt haben, dass es nicht mehr exis­tiert.

Wie alle Revo­lu­tio­nen hat auch die­se vie­le Gesich­ter. Die Bol­sche­wi­ki hat­ten eine Ideo­lo­gie, einen Plan zur Zer­stö­rung der alten Gesell­schafts­ord­nung und zur Errich­tung einer Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Doch eine bun­te Schar ande­rer Men­schen – Ver­fech­ter der frei­en Lie­be, Avant­gar­de-Maler, Betrü­ger, die ehe­ma­li­ge Aris­to­kra­ten aus­nah­men – nutz­te das Cha­os aus, um ihre eige­nen Zie­le vor­an­zu­trei­ben. Auch jetzt trei­ben ver­schie­de­ne Arten von Revo­lu­tio­nä­ren die „Make Ame­ri­ca Gre­at Again“-Bewegung in unter­schied­li­che Rich­tun­gen.

Eini­ge sind Ideo­lo­gen wie Ban­non und Beat­tie, Men­schen, die glau­ben, dass die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on durch eth­ni­sche Viel­falt, Säku­la­ris­mus und das Bekennt­nis zu den Men­schen­rech­ten zer­stört wird. „Kom­pe­ten­te wei­ße Män­ner müs­sen das Sagen haben, wenn man will, dass die Din­ge funk­tio­nie­ren“, schrieb Beat­tie ein­mal auf X. „Lei­der basiert unse­re gesam­te natio­na­le Ideo­lo­gie dar­auf, die Gefüh­le von Frau­en und Min­der­hei­ten zu ver­hät­scheln und kom­pe­ten­te wei­ße Män­ner zu demo­ra­li­sie­ren.“ Ban­non ver­glich sich bereits vor mehr als einem Jahr­zehnt erst­mals mit Lenin und sprach davon, den „Ver­wal­tungs­staat“ zu zer­schla­gen.

Die­se Ideen, die einst rand­stän­dig waren, ste­hen nun im Mit­tel­punkt der ame­ri­ka­ni­schen Außen­po­li­tik. Auf der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz im ver­gan­ge­nen Jahr kri­ti­sier­te Vize­prä­si­dent Van­ce „den Rück­zug Euro­pas von eini­gen sei­ner grund­le­gends­ten Wer­te“. Auf der dies­jäh­ri­gen Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz äußer­te sich Rubio in höf­li­che­rer Form ähn­lich. Ange­sichts „einer bei­spiel­lo­sen Wel­le der Mas­sen­mi­gra­ti­on, die den Zusam­men­halt unse­rer Gesell­schaf­ten bedroht“, for­der­te Rubio, der Sohn von Ein­wan­de­rern, Ame­ri­ka und Euro­pa auf, im Namen unse­rer „gemein­sa­men Geschich­te, des christ­li­chen Glau­bens, der Kul­tur, des Erbes, der Spra­che und der Abstam­mung“ zusam­men­zu­ar­bei­ten. Von einem gemein­sa­men Bekennt­nis zu Demo­kra­tie, Trans­pa­renz oder Rechts­staat­lich­keit sprach er mit kei­nem Wort.

Die logi­sche Fol­ge die­ser The­se, die im ver­gan­ge­nen Jahr in der Natio­na­len Sicher­heits­stra­te­gie der Trump-Regie­rung zum Aus­druck kam, ist, dass Ame­ri­ka ein beson­de­res Inter­es­se an der Poli­tik der his­to­risch wei­ßen, christ­li­chen Natio­nen Euro­pas hat – und dar­an, rechts­extre­me poli­ti­sche Füh­rer und Bewe­gun­gen zu för­dern, die dar­auf hin­ar­bei­ten, Euro­pa weiß und christ­lich zu erhal­ten, auch wenn die meis­ten von ihnen der­zeit nicht an der Macht sind. Die­ses Doku­ment mach­te deut­lich, dass die USA zwar über­haupt nicht mehr ein­grei­fen wer­den, um irgend­wo auf der Welt die Demo­kra­tie zu för­dern, es nun aber ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik ist, „Euro­pa dabei zu hel­fen, sei­nen der­zei­ti­gen Kurs zu kor­ri­gie­ren“ – eine For­mu­lie­rung, die ein direk­tes Ein­grei­fen der USA in die euro­päi­sche Poli­tik recht­fer­tigt, um das zu ver­hin­dern, was das Doku­ment rät­sel­haf­ter­wei­se als „zivi­li­sa­to­ri­sche Aus­lö­schung“ bezeich­net, und um den Ver­bün­de­ten der Ideo­lo­gen zur Macht­ver­wirk­li­chung zu ver­hel­fen. In „The Need for Civi­liza­tio­nal Allies in Euro­pe“, einem auf dem Sub­stack-Kanal des Außen­mi­nis­te­ri­ums ver­öf­fent­lich­ten Essay, warf ein 27-ähri­ger, von Trump ernann­ter Beam­ter namens Samu­el Sam­son den Euro­pä­ern vor, „eine aggres­si­ve Kam­pa­gne gegen die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on“ zu füh­ren.

 Der Kampf gegen die­se exis­ten­zi­el­le Bedro­hung ist in vol­lem Gan­ge. Sarah Rogers, die Unter­staats­se­kre­tä­rin für öffent­li­che Diplo­ma­tie, erklär­te in die­sem Jahr vor dem Kon­gress, dass Ame­ri­ka nun „alle uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel – Aus­tausch­pro­gram­me, Initia­ti­ven zum Schutz des kul­tu­rel­len Erbes, Kleinst­zu­schüs­se und mehr – voll aus­schöpft, um die ‚Ame­ri­ca First‘-Agenda des Prä­si­den­ten vor­an­zu­trei­ben“. In der Pra­xis bedeu­tet dies, dass die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung diplo­ma­ti­schen Druck, Visums­ver­bo­te und Kul­tur­för­der­mit­tel ein­setzt, um poli­ti­sche Par­tei­en und Füh­rungs­kräf­te zu unter­stüt­zen, die in ihrem inter­na­tio­na­len Kampf als „zivi­li­sa­to­ri­sche Ver­bün­de­te“ gel­ten, und um ihre Geg­ner zu unter­gra­ben – selbst wenn es sich bei die­sen Geg­nern um die Füh­rer legi­ti­mer Regie­run­gen han­delt, die seit lan­gem Bezie­hun­gen zu den USA unter­hal­ten. Sam­son hat freund­schaft­li­che pri­va­te Tref­fen mit rechts­extre­men euro­päi­schen Poli­ti­kern und Par­tei­ver­tre­tern abge­hal­ten, dar­un­ter auch mit Ver­tre­tern der „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ (AfD); Rogers hat­te ein weit­aus weni­ger freund­li­ches Tref­fen mit Ver­tre­tern einer tat­säch­li­chen euro­päi­schen Regie­rung. Bei einem kürz­li­chen Besuch im Ver­ei­nig­ten König­reich pran­ger­te Rogers eine von Migran­ten ange­führ­te Kri­mi­na­li­täts­wel­le an und warf den Anwe­sen­den vor, die Pro­ble­me ihres Lan­des nicht in den Griff zu bekom­men. Tat­säch­lich ist die Kri­mi­na­li­täts­ra­te in Groß­bri­tan­ni­en rück­läu­fig, doch ech­te Fak­ten über Euro­pa – einen Kon­ti­nent, auf dem die Men­schen län­ger leben, eine bes­se­re Gesund­heits­ver­sor­gung genie­ßen und weit­aus sel­te­ner bei Mas­sen­er­schie­ßun­gen ums Leben kom­men als Ame­ri­ka­ner – dür­fen die­se Erzäh­lung nur sel­ten unter­gra­ben.

Fort­set­zung am kom­men­den Don­ners­tag, den 8. Okto­ber

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