Im Eng­li­schen gibt es den Begriff “Vir­tue signal­ing”. Es bedeu­tet das öffent­li­che Zur­schau­stel­len mora­lisch kor­rek­ter Ansich­ten, um das eige­ne Anse­hen zu stei­gern. Der Atlan­tic-Jour­na­list Tom Nichols bezeich­net das Geba­ren des Kriegs­mi­nis­ters Pete Hegs­eth, treu­er Lakai von Donald Trump, als das Gegen­teil: “Vice (Las­ter)-Signal­ing. Und er begrün­det in sei­nem Arti­kel auch, war­um:
Donald Trump und sei­ne Regie­rung haben die Pra­xis des „Vice Signal­ing“ ein­ge­führt, also das Äußern belei­di­gen­der oder abscheu­li­cher Din­ge sowohl als Mit­tel zur Auf­merk­sam­keits­su­che als auch als Mög­lich­keit, ihre ver­meint­lich grenz­über­schrei­ten­den poli­ti­schen Ansich­ten zur Schau zu stel­len. Sie wol­len Stär­ke demons­trie­ren, indem sie bereit sind, ande­re Men­schen zu scho­ckie­ren – ähn­lich wie Schul­hof-Tyran­nen ihre Mit­schü­ler belei­di­gen, um die Aner­ken­nung ande­rer Tyran­nen zu gewin­nen. Es ist das­sel­be Impo­nier­ge­ha­be, nur mit häss­li­che­ren Federn.

Kaum jemand außer dem Prä­si­den­ten selbst hat mehr für die Sache des „Vice Signal­ing“ getan als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Pete Hegs­eth, ein Mann, der sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­kei­ten bei Fox News ver­fei­nert hat, wo die Mode­ra­to­ren rou­ti­ne­mä­ßig empö­ren­de Din­ge sagen, um ihren Zuschau­ern zu zei­gen, wie sehr sie dar­auf aus sind, es den Libe­ra­len zu zei­gen.  (…)

Nir­gend­wo jedoch ist Hegs­eths Bekennt­nis zum Las­ter offen­sicht­li­cher als in sei­nen Bemü­hun­gen, sei­ne fana­ti­sche Begeis­te­rung für den Krieg mit christ­li­chem Gebet zu ver­bin­den. Wenn Hegs­eth ver­sucht, die Rüs­tung eines Krie­ger­pries­ters anzu­le­gen, ist das Ergeb­nis ein wider­wär­ti­ges Durch­ein­an­der, das Gläu­bi­ge und Ungläu­bi­ge glei­cher­ma­ßen belei­di­gen dürf­te.

Für die Sicher­heit der Trup­pen zu beten, ist in Ame­ri­ka nicht umstrit­ten und soll­te es auch nicht sein. In mei­nem Glau­ben (ich bin grie­chisch-ortho­do­xer Christ) beten wir jede Woche für „den Frie­den in der Welt“ und „für unser Land, den Prä­si­den­ten, alle im öffent­li­chen Dienst und für unse­re Streit­kräf­te über­all“. Auch Bit­ten an den All­mäch­ti­gen sind in Kriegs­zei­ten nichts Unge­wöhn­li­ches: Im Jahr 1944 ord­ne­te Gene­ral Geor­ge Pat­ton ein Gebet an Gott an, um dem schlech­ten Wet­ter ein Ende zu berei­ten, das sei­ne Angrif­fe auf die Nazis auf­hielt. (…)

Doch selbst Pat­tons Wet­ter­ge­bet wirkt neben Hegs­eths gott­lo­ser Wut zag­haft. Letz­te Woche – aus­ge­rech­net wäh­rend der Fas­ten­zeit – bete­te er auf ähn­li­che Wei­se, wie es die von ihm ver­ab­scheu­ten Dschi­ha­dis­ten viel­leicht getan hät­ten: „Möge jede Kugel ihr Ziel gegen die Fein­de der Gerech­tig­keit und unse­rer gro­ßen Nati­on tref­fen“, sag­te Hegs­eth und bat Gott, den ame­ri­ka­ni­schen Streit­kräf­ten „Weis­heit bei jeder Ent­schei­dung, Aus­dau­er für die bevor­ste­hen­de Prü­fung, unzer­brech­li­che Ein­heit und über­wäl­ti­gen­de Gewalt im Han­deln gegen die­je­ni­gen, die kei­ne Gna­de ver­die­nen“, zu schen­ken.

Das Chris­ten­tum – des­sen Grün­der Frie­den und Barm­her­zig­keit pre­dig­te und dann zu Tode gefol­tert wur­de – ringt seit Jahr­hun­der­ten mit den mora­li­schen Fra­gen, ob Krieg für gläu­bi­ge Men­schen zuläs­sig ist und wie sie sich ver­hal­ten soll­ten, wenn ein bewaff­ne­ter Kon­flikt unver­meid­bar ist. Die aus die­sen Debat­ten her­vor­ge­gan­ge­nen Wer­ke wer­den zusam­men­fas­send als „Tra­di­ti­on des gerech­ten Krie­ges“ bezeich­net, ein Gedan­ken­gut, das sowohl in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten als auch in ande­ren Natio­nen die Grund­la­ge des Kriegs­rechts bil­det. Die Tra­di­ti­on des gerech­ten Krie­ges hat stets die Unan­tast­bar­keit des mensch­li­chen Lebens und die spi­ri­tu­el­le Gefahr aner­kannt, die mit des­sen Aus­lö­schung ver­bun­den ist; dies ist einer der Grün­de, war­um Befeh­le wie „kei­ne Gna­de“ und „kei­ne Gna­den­frist“ tra­di­tio­nell einen Ver­stoß gegen das Kriegs­recht dar­stel­len – und war­um sie auch gegen ame­ri­ka­ni­sches Recht ver­sto­ßen.

Christ­li­che Den­ker haben stets dar­auf bestan­den, dass Fürs­ten und Gene­rä­le dem Krieg mit einem Gefühl schwe­rer Ver­ant­wor­tung begeg­nen. Hegs­eth hin­ge­gen sieht den Krieg ledig­lich als eine wei­te­re Gele­gen­heit, Ver­derbt­heit zur Schau zu stel­len, als wäre sie eine krie­ge­ri­sche Tugend. (Wäh­rend Trumps ers­ter Amts­zeit soll Hegs­eth den Prä­si­den­ten dazu ermu­tigt haben, Begna­di­gun­gen für zwei wegen Kriegs­ver­bre­chen ver­ur­teil­te Män­ner aus­zu­spre­chen.) Wie Greg Sar­gent heu­te in The New Repu­b­lic fest­stell­te, wider­spre­chen Hegs­eths Kriegs­ge­be­te – die in sei­ner offen­sicht­li­chen Zuge­hö­rig­keit zu einer rechts­extre­men evan­ge­li­ka­len Sek­te ver­wur­zelt sind – nicht nur der tra­di­tio­nel­len christ­li­chen Abscheu vor dem Krieg, son­dern sug­ge­rie­ren auch, dass „Gott aktiv so viel Töten wie mög­lich gut­heißt“. Ein Bap­tis­ten­pre­di­ger erklär­te Sar­gent, der Minis­ter kom­me zu die­ser Schluss­fol­ge­rung, indem er ver­schie­de­ne blu­ti­ge Pas­sa­gen aus der Hei­li­gen Schrift her­aus­pi­cke und sie in einer „sur­rea­lem Misch­masch bibli­scher Gewalt“ ver­wen­de. (..)

Unter­des­sen ver­sucht Hegs­eth jedes Mal, wenn er ans Podi­um tritt, nicht das ame­ri­ka­ni­sche Volk zu beru­hi­gen oder zu infor­mie­ren, son­dern heik­le The­men anzu­spre­chen, die Trump und die MAGA-Anhän­ger erfreu­en. Er rappt irgend­wel­che sinn­lo­sen Paro­len her­un­ter, anstatt ech­te Infor­ma­tio­nen zu lie­fern: „Maxi­ma­le Töd­lich­keit, kei­ne lau­war­me Lega­li­tät. Gewalt­sa­me Wir­kung, kei­ne poli­ti­sche Kor­rekt­heit.“ Er sagt, Ame­ri­ka wer­de „kei­ne Gna­de, kein Erbar­men für unse­re Fein­de“ zei­gen – prah­le­ri­sches Film-Böse­wicht-Geschwätz, das typisch ist für Hegs­eths pein­li­che Ver­su­che, Selbst­be­wusst­sein zu pro­ji­zie­ren. (Viel­leicht ist ihm bewusst gewor­den, dass eini­ge im Pen­ta­gon ihn Berich­ten zufol­ge mitt­ler­wei­le als „Dumb McNa­ma­ra“ bezeich­nen und ihn – ungüns­tig – mit dem ver­stor­be­nen Robert McNa­ma­ra ver­glei­chen, sei­nem Vor­gän­ger, der dazu bei­trug, Ame­ri­ka im Sumpf von Viet­nam zu ver­sin­ken.)

In der gesam­ten Trump-Regie­rung gras­siert das „Vice Signal­ing“, weil die vom Prä­si­den­ten ernann­ten Per­so­nen wis­sen, dass der Chef Unter­ge­be­ne mag, die sei­ne aggres­si­ve Unan­stän­dig­keit nach­ah­men. Doch wenn der Mann an der Spit­ze des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums sol­chen gif­ti­gen Müll aus­spuckt, sickert die­ser in das Grund­was­ser der Mili­tär­kul­tur ein. Er ver­mit­telt jun­gen Sol­da­ten – und ins­be­son­de­re Män­nern –, dass Ras­sis­mus, Sexis­mus und die Zur­schau­stel­lung von vor­ge­täusch­ter Männ­lich­keit Zei­chen eines wah­ren Krie­gers sind.

Ob Pete Hegs­eth auf­rich­tig ein gläu­bi­ger Mensch ist, kann ich nicht sagen. Sei­ne Art von Chris­ten­tum ist mir fremd, aber angeb­lich ver­eh­ren wir den­sel­ben Gott, und wir lesen defi­ni­tiv die­sel­be Bibel. Viel­leicht kann ich ihm also vor­schla­gen, Mat­thä­us 6,5 noch ein­mal zu lesen, wo Jesus sei­ne Anhän­ger vor der zur Schau gestell­ten Fröm­mig­keit warnt: „Und wenn ihr betet, seid nicht wie die Heuch­ler, denn sie lie­ben es, in den Syn­ago­gen und an den Stra­ßen­ecken zu beten, um von ande­ren gese­hen zu wer­den. Wahr­lich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits voll­stän­dig erhal­ten.“

Fort­set­zung am kom­men­den Don­ners­tag, den 9. April

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Mattiello am Mittwoch 26/14
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