In seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1983 ging Manès Sperber wie nicht anders zu erwarten auf grundlegende Fragen zum Thema “Krieg und Frieden” ein und machte gleich zu Beginn klar, dass er jeglichen Krieg ablehnte:
“Ja, ich habe bereits in meiner Kindheit den Krieg hassen gelernt und ihn zu hassen nie aufgehört”, — nur um im gleichen Satz zu ewähnen, dass er sich “im Hinblick auf … die gegenwärtige Lage und auf die aggressivsten Kundgebungen der heutigen Pazifisten … nicht als einen der ihren ansehen” könne. Auf diese widersprüchlich erscheinende Aussage ist später noch einzugehen.
Aber er bekräftigt noch einmal: “Um es völlig klarzumachen: Ich bin entschiedenst gegen jeden Krieg, gleichviel, auf welchen Glauben oder welche Ideologie sich die Angreifer berufen mögen.”
Warum Krieg? Sperber erwähnt seine Suche nach Antworten “bei den jüdischen Propheten, bei den Dramatikern der Antike, bei Homer, Thukydides, bei den griechischen und römischen Historikern, bei christlichen Autoren und Kriegssoziologen von heute.” Keine hat ihn wirklich überzeugt, und das dürfte auch für seinen eigenen Vorschlag gelten:
Hier eine Einsicht, die sich mir seit Jahren aufdrängt: Sie betrifft das Verhältnis des Menschen zu seinem tyrannischen Alltag, den er als Versklavung und als Entkernung seines Wesens empfindet. Ihm sucht er, bewußt oder unbewußt, zu entweichen. Ja, seit Jahrtausenden suchen Menschen aller Stände der täglichen Wiederkehr des Gleichen zu entfliehen — gleichviel wohin. Gewiß, man kann in intimen Erlebnissen, in Liebe und Freundschaft, aber auch in intimen Zwistigkeiten Abwechslung, Flucht und Ausflucht suchen, aber nur das große Abenteuer, ein allgemeines Moratorium des Alltags, kann eine völlige Umwälzung der Lebensweise und der alles regelnden täglichen Ordnung herbeiführen. Riesenbrände, Überschwemmungen, Erdbeben und andere Naturkatastrophen und schließlich das von Menschen selbst herbeigeführte, religiös, ideologisch, national, sozial oder sonstwie begründete und gerechtfertigte Unheil: der Krieg.
Krieg als eine Art “Erlösung” aus einem sinnentleerten und öden Alltag?
Während der ersten Tage eines Krieges herrscht in den kriegführenden Ländern eine Stimmung vor, die schlechthin unbeschreiblich ist, weil sie merkwürdige Euphorien und Urängste, Gefühle persönlicher Befreiung und allgemeiner Verknechtung vermischt.
Nein, meine verehrten Anwesenden, ich glaube natürlich nicht, daß diese merkwürdige psychologische Folge eines Kriegsausbruches und die vielen Nebenerscheinungen, die ein länger dauernder Krieg mit sich bringt, Begeisterung für einen Krieg erzeugen. Jedoch bleibt unleugbar, daß die vernünftige Ablehnung des Krieges nicht immer vorherrscht, ja, daß kriegsfröhliche Stimmungen aufkommen, die keineswegs nur politisch, religiös oder sozial ausreichend begründet sind.
Von dem besonders intensiven, verführerischen Erlebnis der Kriegs-Kameradschaft haben bedeutende Schriftsteller, die im Ersten Weltkrieg an der Front gewesen sind, eindringlichst erzählt: so Ernst Jünger, Erich Maria Remarque, Ludwig Renn und so viele andere. Empfindsame Leser mußten den Eindruck gewinnen, daß sie selbst nie recht verstehen würden, worum es da wirklich ging. (…)
Welche Schlüsse sollen wir aus alledem ziehen? Meine Damen und Herren, ich habe eingangs gestanden, daß ich keinerlei Kriegstheorie entwickelt habe und keineswegs begründen kann, warum Völker sich seit Jahrtausenden immer wieder »auf die Schlachtbank führen lassen«, um mit Schiller zu sprechen. Aber ich kann nicht aufhören, über diese Dinge nachzusinnen und in dem Unerklärlichen, Nicht-verstandenen, Widersprüchlichen des menschlichen Verhaltens nach einer Erhellung der conditio humana zu suchen.
Sperber zeigt diese Widersprüchlickeit und das paradoxale Verhalten der Massen am Beispiel des Vorabends zum ersten Weltkrieg auf:
Man weiß …, daß die pazifistische Gesinnung sowohl in den marxistischen wie in den anarchistischen Arbeiterbewegungen aller Länder vorgeherrscht hat. Man hat nicht vergessen, daß die Zweite Internationale, die anerkannte Führung der gesamten sozialistischen Arbeiterbewegung, der politische Wegweiser der Gewerkschaften und eines großen Teils der Konsumvereine gewesen ist. Nun, bis zum letzten Augenblick haben die Arbeiterparteien gegen die Kriegspolitik aller Staaten protestiert. Riesige Massen demonstrierten in den
europäischen Hauptstädten gegen den Krieg. Auf den gleichen Straßen marschierten wenige Tage nach Kriegsanbruch Männer und Frauen, um ihre patriotische Begeisterung laut werden zu lassen und um die an die Grenzen abgehenden Soldaten zu bejubeln.
Wenn wir die aktuellen kriegerischen Konflikte ins Auge fassen, müssen wir nüchtern feststellen, dass wir auch heute von der Vision “Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin” noch sehr weit entfernt sind …
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 2. Mai.
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