Sperber beschliesst seinen Rückblick auf die Geschichte des nachbiblischen Judentums in Europa mit diesem Bekenntnis:
Ich bin ein europäischer Jude, der jeden Augenblick dessen bewußt bleibt, ein Überlebender zu sein, und der nie die Jahre vergißt, in denen ein Jude zu sein ein todeswürdiges Verbrechen gewesen ist.
Selbst in jenen Jahren habe ich, Freund vieler Freunde, die Juden und Nichtjuden zwischen ihnen nie unterschieden; jeder war mir in seiner Weise gleich lieb. Und das ist so geblieben. Auch als Nichtjude wäre ich nie ein Antisemit gewesen, dann ich bin unfähig, Feindschaft gegen ein Volk oder eine Rasse zu empfinden. Und ich brauche nicht die Zeitgenossenschaft unserer Feinde, um ein Jude zu bleiben — ohne törichten Stolz und ohne Anmaßung, aber nicht ohne Bewunderung für die Vorfahren, deren Erbe — eine Botschaft, eine Bürde, eine Aufgabe — nach wie vor bewahrt zu werden verdient.
Anschliessend folgt eine tiefe Reflexion, was denn nun sein “Jude Sein” ausmache, und er beginnt mit einer Rückschau auf seine Kindheit in Zablotow, dem kleinen chassidischen “Schtetl“in der heutigen Ukraine:
Ich schreibe diese Zeilen mitten in der Stadt, deren Namen ich als Kleinkind im gestammelten Gebet täglich wiederholte, noch ehe ich den Namen meiner Familie oder meines Geburtsortes kannte. Jeruschalajim — diese fünf Silben, die für mich noch während langer Jahre ihren seltsamen Klang behalten sollten, glichen jenen Gelöbnissen, die uns zuweilen viel stärker an das Leben binden als ihre Erfüllung. So wußte ich denn wie alle meinesgleichen, daß Jerusalem die Stadt war, in die wir eines Tages zurückkehren würden: »Im nächsten Jahr!«, so hieß es in einem oft wiederholten Wunsch, der zugleich die messianische Hoffnung ausdrückte.
Ich lernte die Propheten übersetzen, vor allem Jesajas, dessen Botschaft mich Ungläubigen noch heute angeht, und Jeremias, dessen Leiden am eigenen Volk mich entdecken ließ, daß Liebe eine unversiegbare Quelle von Unglück sein kann. Jeremias, in dessen Reden ich zum ersten Mal der großen rhetorischen Poesie begegnete, klagte: »Sie sagen: >Frieden, Frieden«, aber es ist kein Friede!« Während der 65 Jahre, die seit meiner ersten Begegnung mit den Propheten verflossen sind, hat mich diese Klage wie der bedrängende Kehrreim eines Liedes begleitet, das seit Jahrtausenden nutzlose Mahnung bleibt.
Gott sandte die Propheten, um dem von ihm auserwählten Volke abwechselnd strafendes Unheil anzudrohen und das Glück des sich unaufhaltsam vermehrenden Lebens zu versprechen. Zornig oder erbarmungsvoll, stets sagte er ihnen die Dauer, die unverlierbare Dauer zu und das Land Kanaan, die noch zu erobernde und immer wieder verlierbare Heimat.
Damit sind wir mitten im Zentrum des aktuellen Nahost-Konflikts: Israelis aus der ultra-orthodoxen und/oder rechtsextremen Nische (die inzwischen das Nischendasein längst verlassen hat), drängen darauf, dass das Versprechen Jahwe’s auch heute noch seine Gültigkeit behalte und die Juden deshalb das Recht hätten, sich auch Gaza und die Westbank einzuverleiben. Zu Recht?
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 6. Dezember
An anderen Serien interessiert?
Wilhelm Tell / Ignaz Troxler / Heiner Koechlin / Simone Weil / Gustav Meyrink / Narrengeschichten / Bede Griffiths / Graf Cagliostro /Salina Raurica / Die Weltwoche und Donald Trump / Die Weltwoche und der Klimawandel / Die Weltwoche und der liebe Gott /Lebendige Birs / Aus meiner Fotoküche / Die Schweiz in Europa /Die Reichsidee /Vogesen / Aus meiner Bücherkiste / Ralph Waldo Emerson / Fritz Brupbacher / A Basic Call to Consciousness / Leonhard Ragaz / Christentum und Gnosis / Helvetia — quo vadis? / Aldous Huxley / Dle WW und die Katholische Kirche / Trump Dämmerung / Manès Sperber /Reinkarnation

