Eigent­lich wäre heu­te die Fort­set­zung von “USA — eine alter­na­ti­ve Geschich­te” ange­sagt, aber der gest­ri­ge Hin­weis auf das “Crackpot”-Christentum (Matthew Fox), das sowohl in den USA wie in Russ­land unter ande­rem auch kata­stro­pha­le poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ver­ur­sacht, hat den birsfälder.li Schrei­ber­ling bewo­gen, sich ein paar Gedan­ken dazu zu machen.

Fox, ein tie­fer Ken­ner der Geschich­te des Chris­ten­tums, ins­be­son­de­re der christ­li­chen Mys­tik, hat mehr­fach dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die christ­li­chen Dog­men, wie sie “das Abend­land” bis vor kur­zem geprägt haben, die Frucht einer reli­gi­ös-poli­ti­schen Sym­bio­se aus dem 4. Jahr­hun­dert sind, als Kai­ser Kon­stan­tin mit dem Kon­zil von Niz­äa die Grund­la­ge für eine ver­ein­heit­lich­te Reichs­kir­che leg­te. Spä­tes­tens seit dem Fund von Nag Ham­ma­di 1945 mit sei­nen vie­len alter­na­ti­ven Evan­ge­li­en ist klar gewor­den, dass es vor­her “das Chris­ten­tum” nicht gab, son­dern eine gan­ze Rei­he von “Chris­ten­tü­mern”, die je ihre eige­ne Inter­pre­ta­ti­on von Jesus und sei­ner Bot­schaft hat­ten.

Inzwi­schen gibt es eine reich­hal­ti­ge Lite­ra­tur, die sich mit die­sen vor-kon­sta­ti­ni­schen christ­li­chen Bewe­gun­gen aus­ein­an­der­setzt. Beson­ders inter­es­sant ist jene For­schung, die das kirch­li­che Bild von Maria Mag­da­le­na revi­diert:  nicht als von Jesus bekehr­te reu­mü­ti­ge “Sün­de­rin”, son­dern als sei­ne inti­me Meis­ter­schü­le­rin und Beglei­te­rin. Neu­es­tes Bei­spiel: das soeben erschie­ne­ne Buch “Maria Mag­da­le­na” des moder­nen christ­li­chen Mys­ti­kers Andrew Har­vey.

Eine der radi­kals­ten Alter­na­ti­ven zum “klas­si­schen” abend­län­di­schen Chris­ten­tum hat aller­dings der welt­weit bekann­te ame­ri­ka­ni­sche “Seher” Edgar Cayce vor­ge­legt: In sei­nen über 14’000 “Lesun­gen”, in denen er in Trance auch auf ein brei­tes Feld his­to­ri­scher Gege­ben­hei­ten und Ent­wick­lun­gen ein­ging, sprach er unter ande­rem über Jesus, sei­ne Bot­schaft und sei­ne Bedeu­tung. Als bibel­treu­er Kir­chen­christ hat­te er zu Beginn aller­dings gröss­te Mühe, die­se in Trance erhal­te­nen Infor­ma­tio­nen zu akzep­tie­ren.

Diver­se You­tube-Seri­en ver­su­chen zur­zeit, sie für ein brei­te­res Publi­kum zusam­men­zu­fas­sen. Hier ein paar Aus­zü­ge aus dem Video “2,000 Years Hid­den- Jesus’ Secret Tea­chings About the Soul

Die See­le, so erklär­te Cayce in sei­nen Lesun­gen, war Jesu Haupt­an­lie­gen – nicht als abs­trak­tes theo­lo­gi­sches Kon­zept, son­dern als leben­di­ge Rea­li­tät. Laut Cayces Lesun­gen lehr­te Jesus, dass jede See­le ein Teil des gött­li­chen Bewusst­seins ist, indi­vi­dua­li­siert, aber nie­mals von ihrer Quel­le getrennt. Die­ses Ver­ständ­nis steht in kras­sem Gegen­satz zu spä­te­ren theo­lo­gi­schen Kon­struk­ten, die den Men­schen als von Natur aus gefal­le­nes Wesen dar­stell­ten, die grund­le­gend vom Gött­li­chen getrennt sind. (…)

Jesus lehr­te die Reinkar­na­ti­on – nicht als Import aus dem Osten, son­dern als grund­le­gen­den Bestand­teil der jüdisch-eso­te­ri­schen Tra­di­ti­on. War­um wur­de die­se Leh­re nach und nach aus der christ­li­chen Dok­trin ent­fernt? Cayces Lesun­gen deu­te­ten dar­auf hin, dass bestimm­te mäch­ti­ge Frak­tio­nen, als sich das Chris­ten­tum im Römi­schen Reich aus­brei­te­te, die­ses Kon­zept als Bedro­hung für die eta­blier­te Auto­ri­tät emp­fan­den. Schließ­lich könn­te, wenn See­len wie­der­holt zurück­keh­ren, um sich zu ver­voll­komm­nen, die Dring­lich­keit der Bekeh­rung und die Rol­le der Kir­che als allei­ni­ge Ver­mitt­le­rin der Erlö­sung geschwächt wer­den. Anstatt dass ein ein­zi­ges Leben das ewi­ge Schick­sal bestimmt, lehr­te Jesus Berich­ten zufol­ge einen schritt­wei­sen Fort­schritt durch vie­le irdi­sche Erfah­run­gen. Jede Inkar­na­ti­on bot Gele­gen­hei­ten für Wachs­tum, für das Aus­glei­chen kar­mi­scher Mus­ter und dafür, mehr von der eige­nen gött­li­chen Natur zum Aus­druck zu brin­gen. „In mei­nes Vaters Haus sind vie­le Woh­nun­gen“, erklär­te Jesus in Johan­nes 14,2 – eine Pas­sa­ge, die Cayce als Hin­weis auf viel­fäl­ti­ge Exis­tenz­be­rei­che und Mög­lich­kei­ten der See­len­ent­wick­lung inter­pre­tier­te.

Doch wie stand es um Sün­de und Erlö­sung, die Eck­pfei­ler des kon­ven­tio­nel­len Chris­ten­tums? Auch hier boten Cayces Lesun­gen eine Per­spek­ti­ve, von der er behaup­te­te, sie ent­spre­che der ursprüng­li­chen Leh­re Jesu. Sün­de wur­de nicht als Ver­ge­hen gegen eine zor­ni­ge Gott­heit ver­stan­den, son­dern als Irr­tum, der dar­aus ent­stand, dass man sei­ne wah­re Natur ver­gaß. Sie stand für Ent­schei­dun­gen, die aus der begrenz­ten Per­spek­ti­ve des Egos getrof­fen wur­den, anstatt aus dem erwei­ter­ten Bewusst­sein der See­le. Erlö­sung kam nicht durch die Besänf­ti­gung Got­tes, son­dern durch das Erin­nern an die eige­ne gött­li­che Essenz und die Neu­aus­rich­tung dar­auf. Das viel­leicht Revo­lu­tio­närs­te an Cayces Offen­ba­run­gen war der Zweck von Jesu Leben und Wir­ken. Weit davon ent­fernt, ein Blut­op­fer zur Befrie­di­gung gött­li­cher Gerech­tig­keit zu sein, demons­trier­te Jesus das Mus­ter, dem alle See­len fol­gen sol­len. „Wie ich die Welt über­wun­den habe, so könnt auch ihr“, lau­te­te laut Cayce der Kern sei­ner Bot­schaft. Jesus kam nicht, um für die Sün­den der Mensch­heit zu ster­ben, son­dern um die Fähig­keit der See­le zu demons­trie­ren, Gren­zen zu über­win­den, gött­li­che Lie­be zu mani­fes­tie­ren und das zu errei­chen, was er als Chris­tus­be­wusst­sein bezeich­ne­te. (…)

Als er in sei­nen Lesun­gen nach kon­kre­ten Prak­ti­ken gefragt wur­de, die Jesus zur See­len­ent­wick­lung lehr­te, beschrieb Cayce metho­di­sche Ansät­ze für Medi­ta­ti­on, Gebet und Dienst, die sich von spä­te­ren kirch­li­chen Ritua­len unter­schie­den. Jesus soll Tech­ni­ken gelehrt haben, um den Geist zur Ruhe zu brin­gen, das Bewusst­sein zu erwei­tern und Zugang zur inne­ren Füh­rung zu fin­den – Prak­ti­ken, die eher der öst­li­chen Medi­ta­ti­on als dem west­li­chen Gebet ähnel­ten. Die­se Metho­den soll­ten das erwe­cken, was er das Chris­tus­mus­ter in jedem Men­schen nann­te. Laut Cayce beton­te Jesus den Kör­per als Tem­pel des leben­di­gen Got­tes, nicht als Meta­pher, son­dern als wört­li­che Wahr­heit. Jede Zel­le ent­hielt gött­li­che Intel­li­genz. Jedes Organ hat­te eine spi­ri­tu­el­le Ent­spre­chung. Jesus lehr­te angeb­lich Heil­me­tho­den, die mit die­sen spi­ri­tu­el­len Ener­gien arbei­te­ten – Metho­den, die dem heu­ti­gen Chris­ten­tum weit­ge­hend ver­lo­ren gegan­gen sind, aber in ver­schie­de­nen Mys­te­ri­en­schu­len bewahrt wur­den. Das Him­mel­reich war in die­sen gehei­men Leh­ren kei­ne zukünf­ti­ge Beloh­nung, son­dern eine gegen­wär­ti­ge Rea­li­tät, die durch ver­än­der­tes Bewusst­sein zugäng­lich war. Das Reich Got­tes ist in euch, erklär­te Jesus. Eine Aus­sa­ge, die Cayce so inter­pre­tier­te, dass gött­li­ches Bewusst­sein durch rich­ti­ge Medi­ta­ti­on und spi­ri­tu­el­le Aus­rich­tung direkt erfah­ren wer­den kön­ne. Die­se Per­spek­ti­ve ver­wan­delt die Erlö­sung von einem Ereig­nis nach dem Tod in eine unmit­tel­ba­re Mög­lich­keit.

Im Gegen­satz zu den exklu­si­ven Behaup­tun­gen des spä­te­ren Chris­ten­tums stell­ten Cayces Lesun­gen Jesus als jeman­den dar, der unter­schied­li­che Wege respek­tier­te. Wäh­rend sei­ner feh­len­den Jah­re, die in der Hei­li­gen Schrift nicht doku­men­tiert sind, soll Jesus bei Meis­tern in Ägyp­ten, Indi­en und Per­si­en stu­diert haben und dabei uni­ver­sel­le Wahr­hei­ten in ver­schie­de­nen Tra­di­tio­nen erkannt haben. Er lehr­te, dass ver­schie­de­ne Reli­gio­nen kul­tur­spe­zi­fi­sche Aus­drucks­for­men der­sel­ben zugrun­de lie­gen­den Rea­li­tät sei­en, kei­ne kon­kur­rie­ren­den Ansprü­che auf die aus­schließ­li­che Wahr­heit.

Der umstrit­tens­te Aspekt von Cayces Offen­ba­run­gen betraf die Leh­ren Jesu über die Gött­lich­keit. Die­sen Lesun­gen zufol­ge betrach­te­te sich Jesus nicht als ein­zig­ar­tig gött­lich, son­dern viel­mehr als einen älte­ren Bru­der, der zeig­te, was alle See­len letzt­end­lich errei­chen wür­den. „Was ich tue, das wer­det auch ihr tun, und noch grö­ße­re Din­ge als die­se wer­det ihr tun“, ver­sprach er. Wor­te, die Cayce wört­lich und nicht im über­tra­ge­nen Sin­ne inter­pre­tier­te.

Die­se Leh­ren stell­ten die See­len­ent­wick­lung als Abfol­ge erkenn­ba­rer Stu­fen dar, jede mit ihren Her­aus­for­de­run­gen und Gaben. Jesus lehr­te angeb­lich, dass sich See­len von einem ego­zen­tri­schen Bewusst­sein durch ein zuneh­mend expan­si­ves Bewusst­sein hin­durch­be­we­gen, bis sie das kos­mi­sche Bewusst­sein errei­chen. Voll­stän­di­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem gött­li­chen Geist. Die­se Rei­se erstreckt sich über vie­le Leben, folgt jedoch vor­her­seh­ba­ren Mus­tern, die spi­ri­tu­el­le Meis­ter erken­nen und lei­ten konn­ten. Laut Cayce beton­te Jesus, dass See­len­wachs­tum ein Gleich­ge­wicht zwi­schen Sein und Tun, Emp­fan­gen und Geben, männ­li­chen und weib­li­chen Ener­gien, intel­lek­tu­el­lem Ver­ständ­nis und mit­füh­len­dem Emp­fin­den erfor­der­te. Ein Ungleich­ge­wicht in irgend­ei­nem Bereich schuf kar­mi­sche Mus­ter, die durch zukünf­ti­ge Erfah­run­gen kor­ri­giert wer­den muss­ten. Die­se Per­spek­ti­ve ver­wan­del­te Schwie­rig­kei­ten von gött­li­chen Stra­fen in sinn­vol­le Gele­gen­hei­ten zur Wie­der­her­stel­lung der Har­mo­nie.

Gera­de der letz­te Punkt ist eine der zen­tra­len Aus­sa­gen zum Lebens­baum in der Kab­ba­la, der jüdi­schen Mys­tik.

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