Als die USA in den 60er- und 70er-Jah­ren mit der Bür­ger­rechts­be­we­gung, dem Viet­nam-Kon­flikt und dem Nixon-Skan­dal wie­der ein­mal in wil­de­res Fahr­was­ser gerie­ten, begann aus­ge­hend von der West­küs­te auch das Hin­ter­fra­gen des eta­blier­ten Ame­ri­can Way of Life, das schliess­lich in der “New Age”-Bewe­gung mün­de­te. Vie­le jun­ge Leu­te mach­ten sich auf die Suche nach einer neu­en Spi­ri­tua­li­tät. Und die­se Suche fiel zusam­men mit einem Auf­bruch bei den Indi­ge­nen in den USA. Die Beset­zung von Alca­trazdie Beset­zung des BIA (Bureau of Indi­an Affairs) in Washing­ton und schliess­lich Woun­ded Knee durch das Ame­ri­can Indi­an Move­ment  sorg­te sogar inter­na­tio­nal für Schlag­zei­len.

Die Fol­ge war, dass sich vie­le Weis­se für den “Indi­an Way of Life” zu inter­es­sie­ren began­nen. Fil­me wie “Litt­le Big Man” (1970) mit Dus­tin Hoff­man oder das Buch “Bury my heart at Woun­ded Knee” (1970), die unge­schönt die bru­ta­le Eli­mi­nie­rung der india­ni­schen Prä­rie-Völ­ker auf­zeig­ten, wur­den Best­sel­ler, genau­so wie das schon 1953 erschie­ne­ne Buch “The Sacred Pipe: Black Elk’s Account of the Seven Rites of the Ogla­la Sioux” des ame­ri­ka­ni­schen Anthro­po­lo­gen Joseph Epes Brown.

India­ni­sche Spi­ri­tua­li­tät war plötz­lich “in”. Was das für Fol­gen hat­te, ana­ly­sier­te Vine Del­oria in sei­nem 1973 erschie­ne­nen Buch “God is red”. Dar­aus in den nächs­ten Fol­gen ein paar inter­es­san­te Aus­zü­ge.

Zwei völ­lig unter­schied­li­che Ent­wick­lun­gen prä­gen den Zeit­raum von 1972 bis 1990. Ers­tens began­nen die India­ner in ihren jewei­li­gen Stäm­men mit einer ernst­haf­ten Wie­der­be­le­bung ihrer reli­giö­sen Tra­di­tio­nen. Zere­mo­nien, die lan­ge Zeit auf­ge­ge­ben oder unter­drückt wor­den waren, wur­den wie­der durch­ge­führt. Tra­di­tio­nel­le Men­schen wur­den wegen ihres Wis­sens über Zere­mo­nien und Bräu­che auf­ge­sucht. Jun­ge India­ner im gan­zen Land emp­fan­den es als uner­läss­lich, eine Visi­ons­su­che zu erle­ben, und eini­ge Grup­pen führ­ten sogar eine Vari­an­te des Geis­ter­tan­zes wie­der ein. Die Bewe­gung drang selbst in die Gemein­den christ­li­cher India­ner vor, da india­ni­sche Pries­ter und Geist­li­che ver­such­ten, die Leh­ren und Prak­ti­ken bei­der Reli­gio­nen zu ver­bin­den. Eini­ge tra­di­tio­nel­le Zere­mo­nien wur­den sogar in pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen abge­hal­ten, sodass es schwie­rig wur­de zu unter­schei­den, ob man an einem Got­tes­dienst oder einer Hei­lungs­ze­re­mo­nie teil­neh­men wür­de, wenn sich die Men­schen ver­sam­mel­ten. (..)

(Eine) Ent­wick­lung, die sich nach dem Höhe­punkt der india­ni­schen Bewe­gung abzeich­ne­te, war das inten­si­ve Inter­es­se von Nicht-India­nern an Stam­mes­re­li­gio­nen und die schein­bar pau­scha­le Über­nah­me eini­ger ihrer Glau­bens­vor­stel­lun­gen und Prak­ti­ken durch bedeu­ten­de Tei­le der wei­ßen Gesell­schaft. Das Medi­zin­rad war das Sym­bol, das von Wei­ßen durch Work­shops, Kon­fe­ren­zen und Ver­samm­lun­gen am leich­tes­ten über­nom­men wur­de. Die sie­ben Him­mels­rich­tun­gen, zu denen die Prä­rie­in­dia­ner mit der Pfei­fe beten, wur­den zu einem Mit­tel, die Men­schen auf die natür­li­che Welt aus­zu­rich­ten, sodass auch die Pfei­fe und ein gewis­ser Anschein india­ni­scher Zere­mo­nien über­nom­men wur­den. Wei­ße began­nen dar­auf­hin, Trom­meln und Feder­fä­cher her­zu­stel­len und für ihre eige­nen Zere­mo­nien zu ver­wen­den. Die ers­te Wel­le der Aneig­nung bestand also ledig­lich aus sym­bo­li­schen Kos­tü­men, von denen Nicht-India­ner glaub­ten, sie wür­den sie der Natur näher­brin­gen.

Mit stei­gen­der Nach­fra­ge nach Authen­ti­zi­tät stie­gen auch die Hono­ra­re, die an ech­te India­ner für die Durch­füh­rung von Zere­mo­nien gezahlt wur­den. Sun Bear, ein Chip­pe­wa aus Min­ne­so­ta, grün­de­te sei­nen eige­nen Stamm, den Bear-Stamm, und fand einen Weg, Nicht-India­ner in sei­ne eige­ne Ver­si­on des india­ni­schen Zere­mo­nien­le­bens ein­zu­be­zie­hen. Schließ­lich expan­dier­te er und schal­te­te eine Anzei­ge in Shaman’s Drum, einem Maga­zin, das sich der Aus­bil­dung Tau­sen­der jun­ger Wei­ßer wid­me­te, die India­ner – und Scha­ma­nen – wer­den woll­ten. Die Anzei­ge zeig­te ein schö­nes Bild von Sun Bear mit der Bild­un­ter­schrift: „Sun Bear braucht spi­ri­tu­el­le Krie­ger.“ Die­se Anzei­ge ver­an­schau­lich­te die Moti­va­ti­on der Nicht-India­ner – sie woll­ten eine Art von Kraft, um mit ihrer eige­nen Kul­tur umge­hen zu kön­nen und erfolg­reich zu sein.

Eine Viel­zahl india­ni­scher Medi­zin­män­ner und angeb­li­cher Medi­zin­män­ner drang in die wei­ße Gesell­schaft vor, wo es leich­te Beu­te gab. Wei­ße zahl­ten Hun­der­te von Dol­lar für das Pri­vi­leg, auf dem Boden zu sit­zen, sich Mais­mehl ins Gesicht wer­fen zu las­sen und zu hören, dass die Erde rund sei und alle Din­ge in Krei­sen leb­ten. Der nächs­te Schritt bestand dar­in, Schwitz­hüt­ten für Nicht-India­ner durch­zu­füh­ren. Ein wei­te­rer Schritt bestand dar­in, die attrak­tivs­te Blon­di­ne für eine „beson­de­re Zere­mo­nie“ aus­zu­wäh­len, in der sie Mut­ter Erde spie­len soll­te, wäh­rend der Medi­zin­mann – oder wer auch immer die Blon­di­ne über­re­det hat­te – Vater Him­mel sein wür­de. Sie soll­ten sich paa­ren, um das Leben auf dem Pla­ne­ten zu bewah­ren. Kurz gesagt, der Raum zwi­schen den Kul­tu­ren wur­de zum Schau­platz inten­si­ver Aus­beu­tung.

Die­ser Miss­brauch durch sog. “Pla­s­tic Medi­ci­ne Men” schwapp­te auch auf Euro­pa über, wie der birsfaelder.li-Schreiberling aus eige­ner Erfah­rung bestä­ti­gen kann. Das führ­te zu einer welt­wei­ten War­nung durch den “Elders Coun­cil” authen­tisch geblie­be­ner tra­di­tio­nel­ler india­ni­scher Chiefs und Scha­ma­nen.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 17. Juli

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