Im Dezem­ber 1985 erschien im dtv Taschen­buch­ver­lag das schma­le Bänd­chen “Manès Sper­ber. Sein letz­tes Jahr”, mit den Erin­ne­run­gen sei­ner Frau Jan­ka, der Lau­da­tio von Sieg­fried Lenz, der Rede von Sper­ber anläss­lich der Ver­lei­hung des  Frie­dens­prei­ses des Deut­schen Buch­han­dels im Jah­re 1983 und Aus­zü­gen aus einem Inter­view, sei­nem “psy­cho­lo­gi­schen Tes­ta­ment”, im August 1983. Er starb am 5. Febru­ar 1984.

In die­sem “Tes­ta­ment” reflek­tier­te Sper­ber sei­ne Tätig­keit als Psy­cho­the­ra­peut und sei­ne Bezie­hung zur Psy­cho­the­ra­pie im all­ge­mei­nen. Obwohl er ihr einen gewis­sen Nut­zen nicht absprach, stell­te er den­noch fest,
… es gab Pro­ble­me, die schwie­rig in Bezie­hung zu brin­gen waren; sie waren nicht nur orga­nisch und zugleich sexu­ell bestimmt, son­dern da kam alles hin­ein bis zu Adam und Eva, was die Leu­te je belas­tet hat­te. Und da wuss­te ich sehr genau, irgend­wo stos­se ich an eine Wand, aber hin­ter der Wand ist eine Welt, nicht klei­ner als die, in der ich bin, und ich habe sie nicht durch­stos­sen.
Das ist einer der Grün­de, war­um ich die Psy­cho­the­ra­pie auf­ge­ge­ben habe — das Bewusst­sein der unge­heu­ren Begrenzt­heit.

Die­se Beob­ach­tung macht ins­be­son­de­re dann Sinn, wenn wir von der Annah­me aus­ge­hen, dass die mensch­li­che Exis­tenz sich nicht auf ein ein­zi­ges Leben beschränkt und wir nicht nur Prä­gun­gen und Erfah­run­gen aus die­sem Leben in uns tra­gen, son­dern dass wir über vie­le Leben hin­weg lang­sam zu wahr­haft auto­no­men und frei­en Indi­vi­du­en her­an­wach­sen.

Aus die­ser Sicht macht auch sei­ne Kri­tik an Freud Sinn:
Ich glau­be, es ist eine Kon­se­quenz der Freud­schen rück­wärts gewand­ten Grund­auf­fas­sung, daß sein The­ma die Ver­trei­bung aus dem Para­dies ist. Und alles, was der Mensch dem­zu­fol­ge nach­her tut, ist ein Ver­such, ins Para­dies zurück­zu­kom­men. Das ist der Zwang, der Jahr­tau­sen­de die Geschichts­auf­fas­sung der Völ­ker und Natio­nen gewe­sen ist. (…)
Jedes Kind beginnt früh­zei­tig dar­an zu den­ken, daß es ein Erwach­se­ner sein wird, und sich eine Vor­stel­lung zu bil­den von dem, was sein wird. Anstatt nach hin­ten zu bli­cken — also, ver­lo­re­nes Para­dies -, gilt es, die zwei Per­spek­ti­ven zu beach­ten: die dem Gewe­se­nen zuge­wand­te und die Per­spek­ti­ve, die dem Kom­men­den gilt — die über­dies viel­fach ver­knüpft und ver­kno­tet sind.
Ich habe als The­ra­peut fest­ge­stellt und glau­be, daß man es bewei­sen kann: Die meis­ten Fäl­le, die der Psy­cho­ana­ly­ti­ker als Ödi­pus­kom­plex bezeich­nen wür­de, das heißt als unlös­li­che Bin­dun­gen an ein Eltern­teil — die­ses Gegen­über von Halb­wüch­si­gen und Erwach­se­nen, ist vor allem durch eine unge­heue­re Angst vor dem Vor­ne bestimmt. Das heißt, die Angst vor dem Gedan­ken an mor­gen ist das Wich­ti­ge­re.

Dann setzt er sich erneut damit aus­ein­an­der, was “Jude sein” für ihn bedeu­tet:
Ich bin ein Jude, der einem gewis­sen pro­phe­ti­schen Juden­tum Jesa­jas nahe steht. Und das bedeu­tet die Gewiß­heit, daß die Welt, wie sie ist, nicht blei­ben kann und nicht blei­ben wird, daß alles in der Zukunft liegt.
Das Para­dies ist nicht ver­lo­ren wor­den, es hat nie exis­tiert. Aber wir wer­den es machen.
Die­ses Cre­do — uner­schüt­ter­li­cher Kampf für eine neue. gerech­te Welt — hat das gan­ze Leben Sper­bers beglei­tet und geprägt, und es war offen­sicht­lich auch beim bald Acht­zig­jäh­ri­gen immer noch unge­bro­chen.

Dem­entspre­chend sehe ich in der Ein­stel­lung vie­ler Neu­ro­ti­ker und auch Psy­cho­ana­ly­ti­ker fol­gen­des: Sie haben furcht­ba­re Angst, die Schwel­le zu über­schrei­ten; nicht so sehr, weil sie an die Mut­ter oder den Vater gebun­den sind, son­dern weil das Frem­de, das ja in vie­len Spra­chen das Feind­li­che bedeu­tet, ihnen ban­ge macht. Sie wol­len zurück in eine Situa­ti­on, in der sie kei­ne Ver­ant­wor­tung haben wer­den: wie die befrei­ten Juden, die zurück zu den ägyp­ti­schen Fleisch­töp­fen woll­ten. Da haben Sie das Gleich­nis aus der Bibel.

Nun, die­se Art von escha­to­lo­gi­scher Sicht, sagen wir, futu­ris­ti­scher Sicht, schien natür­lich dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt der psy­cho­ana­ly­ti­schen Sicht. Man kann sehr vie­les durch die Last der Ver­gan­gen­heit im Wesen des Men­schen erklä­ren, aber das Erken­nen bleibt halb, frag­men­ta­risch, wenn ich nicht sei­ne Bezie­hung zum Kom­men­den, dem Gewünsch­ten, Befürch­te­ten, Wahr­schein­li­chen, Unwahr­schein­li­chen gleich­falls in Betracht zie­he. Erst in die­sem Dia­gramm fin­det man das Indi­vi­du­um.

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 13. Juni

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