Das Bild “Donald Trump als Jesus” hat in den Medi­en inter­na­tio­nal ziem­lich hohe Wel­len gewor­fen. Und nicht nur das: Der frü­he­re CIA-Chef John Brennan bezeich­ne­te den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten als “ein­deu­tig geis­tes­krank”. Das ist eine har­te Dia­gno­se, aber man soll­te sich dar­an erin­nern, dass schon kurz vor sei­nem ers­ten Amts­an­tritt 2017 37 Psych­ia­ter und Fach­ärz­te eine expli­zi­te War­nung ver­öf­fent­lich­ten, in der sie ihm die Befä­hi­gung für das ver­ant­wor­tungs­voll Amt radi­kal abspra­chen.

Wie auch immer man sich zu die­sem Urteil stel­len mag, eines ist sicher: Trump ist mit sei­nem unver­ant­wort­li­chen und völ­lig amo­ra­li­schen Geba­ren dar­an, den USA — und nicht nur den USA — mas­si­ven Scha­den zuzu­fü­gen. Der NYT-Kolum­nist Frank Bruni nimmt kein Blatt vor den Mund:
… Sei­ne wider­wär­ti­gen Tira­den ent­wür­di­gen das Amt des Prä­si­den­ten, ent­wür­di­gen das Land – ent­wür­di­gen jeden ein­zel­nen von uns – und es ist wich­tig, dass wir das nie­mals ver­ges­sen. Wir dür­fen nicht zulas­sen, dass die­se Tira­den zum neu­en Sprach­ge­brauch im poli­ti­schen Dis­kurs wer­den; wir dür­fen nicht so tun, als hät­ten sie unser Anse­hen in der Welt nicht geschwächt. „Das ist eben Trump, wie er leibt und lebt“ ist eine unzu­rei­chen­de Ant­wort, wenn er zum Bei­spiel ein Video von sich als Pilot ver­öf­fent­licht, der Strö­me von Exkre­men­ten auf Demons­tran­ten abwirft. (…)

Und er ver­schont auch die Repu­bli­ka­ner nicht, die sich ihm unter­wor­fen haben:
Trump hat in der Tat die Scham aus­ge­löscht. Er hat die Demut aus­ge­löscht. Er hat den Anstand aus­ge­löscht. Er ist der Ver­nich­ter jedes Cha­rak­ters, den die Repu­bli­ka­ni­sche Par­tei einst stolz – und in vie­len Fäl­len unauf­rich­tig – zu ver­tre­ten vor­gab, und den­noch ent­schied sich eine über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der repu­bli­ka­ni­schen Füh­rer und Gesetz­ge­ber für Macht unter Trump statt für Ehre oder Selbst­ach­tung. Das ist der wah­re Kum­mer die­ser Ära. Es ist kei­ne Über­ra­schung, auf einen so ver­werf­li­chen Cha­rak­ter wie Trump zu sto­ßen. Die Welt ist voll von Trumps. Scho­ckie­rend ist, wie vie­le Repu­bli­ka­ner sich ihm beug­ten – und wie schnell und unter­wür­fig sie dies taten.

Das sehen längst nicht alle so, auch in der Schweiz nicht. SVP-Sprach­rohr und WW-Chef­re­dak­tor Köp­pel singt wei­ter­hin vol­ler Bewun­de­rung das Lied vom “Schlitz­ohr” und “Genie” Trump:
In Ame­ri­ka schaf­fen es auch schrä­ge Vögel, Regel­bre­cher und gele­gent­li­che Rüpel nach ganz oben. Die ame­ri­ka­ni­schen Rabau­ken sind mir immer noch unend­lich lie­ber als die salon­fä­hi­gen Ver­lo­gen­hei­ten unse­rer Poli­ti­ker. Und nur so ist zu erklä­ren, dass heu­te in Washing­ton wie­der ein Donald Trump regiert, Arche­typ des Durch­beis­sers, der nie auf­gibt. Man kann ihm zehn Mal die Zäh­ne aus­schla­gen. Er kommt ein elf­tes Mal.
Das Genia­le an Trump: Er ist das Gegen­teil eines Poli­ti­kers, Immo­bi­li­en­lö­we, Mul­ti­un­ter­neh­mer, Gross­maul, Show­star, Schlitz­ohr, Frau­en­ver­ste­her, Pro­vo­ka­ti­ons­ge­nie und Steh­auf­männ­chen mit Neh­mer­qua­li­tä­ten, eben kein Polit­pro­fi aus dem Bun­des­ord­ner, son­dern ein Aus­sen­sei­ter aus dem rich­ti­gen Leben, kein Hei­li­ger, also auch kein Schein­hei­li­ger, dafür ein unge­schlif­fe­nes Ori­gi­nal, eine Art Ber­lus­co­ni Ame­ri­kas, bei dem man ja auch nie wuss­te, ob er aus Idea­lis­mus, aus Selbst­schutz oder um noch mehr Geld zu ver­die­nen in die Poli­tik gegan­gen war. (Edi­to­ri­al vom 14. Feb. 26)

Ein wei­te­rer NYT-Kolum­nist, Ross Dout­hat, der kürz­lich ein Inter­view mit dem Haus­pas­tor von “Kriegs­mi­nis­ter” Hegs­eth führ­te, hält in sei­nem Kom­men­tar “Trumps Blas­phe­mie ist eine War­nung” abschlies­send fest:
Soweit Herr Trump christ­li­che Ver­tei­di­ger hat, nei­gen die­se dazu, den jüngs­ten Skan­dal von sei­nen Vor­gän­gern zu tren­nen und zu sug­ge­rie­ren, dass es in Ord­nung sei, wenn der Prä­si­dent sich gegen­über isla­mis­ti­schen Theo­kra­ten respekt­los äußert, dass es akzep­ta­bel sei, wenn er wütend mit dem Bischof von Rom strei­tet (der in die­sem Reich Ame­ri­ka kei­ne Auto­ri­tät besitzt …), und dass das „Trump-als-Christus“-Meme die ein­zi­ge wirk­li­che Belei­di­gung dar­stel­le.
Doch aus reli­giö­ser Sicht ist die Kern­fra­ge nicht, ob Mus­li­me, Katho­li­ken oder Evan­ge­li­ka­le sich per­sön­lich durch die Ein­zel­hei­ten eines bestimm­ten Vor­sto­ßes des Prä­si­den­ten belei­digt füh­len soll­ten. Es geht viel­mehr um den roten Faden, der blas­phe­mi­sche Dro­hun­gen am Oster­sonn­tag, eine Tira­de gegen den berühm­tes­ten christ­li­chen Füh­rer der Welt und die Dar­stel­lung sei­ner selbst als zwei­te Per­son der Drei­fal­tig­keit mit­ein­an­der ver­bin­det. Die sich ver­schär­fen­de Belei­di­gung rich­tet sich nicht gegen reli­giö­se Iden­ti­tät oder päpst­li­che Wür­de. Es ist ein Ver­stoß gegen das ers­te und zwei­te Gebot, wobei die belei­dig­te Par­tei der all­mäch­ti­ge Gott ist.

Wenn Sie ein säku­la­rer Beob­ach­ter sind, der davon aus­geht, dass Blas­phe­mie eine Sün­de ohne rea­les Objekt ist, dann ist die­se Eska­la­ti­on vor allem als Ein­blick in die Geis­tes­hal­tung des Prä­si­den­ten in sei­ner zwei­ten Amts­zeit von Bedeu­tung.
Wenn Sie jedoch gläu­big sind, dann steht Trumps gesam­te poli­ti­sche Kar­rie­re – sei­ne kata­ly­sie­ren­de Rol­le in der Kri­se des Libe­ra­lis­mus, sein Weg von der Macht ins Exil und wie­der zurück zur Macht – unter der Macht der Vor­se­hung. In die­sem Fall ist die Hin­wen­dung zur prä­si­dia­len Blas­phe­mie eine War­nung an sei­ne reli­giö­sen Anhän­ger vor mög­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen aus die­ser Geschich­te und vor der spi­ri­tu­el­len Gefahr, ein­fach bis zum Ende zu ihm zu hal­ten.

Gut zu wis­sen, dass es in den USA immer noch Stim­men gibt, die Klar­text reden.

Fort­set­zung am kom­men­den Don­ners­tag, den 30. April

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Mattiello am Mittwoch 26/17
USA - alternative Geschichten 12

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