Bevor Matthew Fox sich der Meta­pher oder dem Arche­ty­pus des “Anti­chris­ten” zuwen­det, defi­niert er zuerst, wie er Chris­tus ver­steht und erlebt.

Hier ein paar Aus­zü­ge:
Wer, was ist Chris­tus? Chris­tus steht für das Gute, das Barm­her­zi­ge, das Mit­füh­len­de, das Gerech­te, das Gött­li­che. Und er kann als Pro­jek­ti­on für all die­se Rea­li­tä­ten die­nen. Chris­tus steht für das Bes­te in uns selbst und in allen Wesen. Mit ande­ren Wor­ten, für das Bild und die Ähn­lich­keit mit dem Gött­li­chen, das alle Wesen in sich tra­gen. (…) 
Die mys­ti­sche Tra­di­ti­on im Juden­tum und im Islam (Avicen­na zum Bei­spiel und auch Rumi) und im Chris­ten­tum (ins­be­son­de­re Meis­ter Eck­hart) nennt es „den Fun­ken Got­tes“, der in allen Din­gen ist.

Chris­tus steht auch für die Wahr­heit. Wir stre­ben nach der Wahr­heit. „Ich bin der Weg und die Wahr­heit“ ist eine bekann­te Aus­sa­ge im Johan­nes­evan­ge­li­um. Ob es sich um den his­to­ri­schen Jesus han­delt, der spricht, oder um den kos­mi­schen Chris­tus, Wor­te, … ist irrele­vant. Am wich­tigs­ten ist, dass sei­ne Anhän­ger ihn als Wahr­heits­ver­kün­der betrach­te­ten. Das ist ein erstre­bens­wer­tes Ziel. Wahr­heit ist einer der uni­ver­sells­ten Namen für die gött­li­che Welt.

Und Chris­tus steht auch für das Licht. „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8:12) und „Stellt euer Licht nicht unter den Schef­fel, son­dern auf den Leuch­ter, damit alle es sehen kön­nen“ (Mt 5:15). Dies lässt sich leicht mit sei­nem jüdi­schen Erbe in Ver­bin­dung brin­gen. In der jüdi­schen Tra­di­ti­on erfah­ren wir, dass das Licht das ers­te war, was der Schöp­fer erschuf, der sag­te: „Es wer­de Licht“, und es wur­de Licht. „Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott schied das Licht von der Fins­ter­nis und nann­te das Licht Tag und die Fins­ter­nis Nacht“ (1. Mose 1:5).

In Psalm 104, einer Schöp­fungs­ge­schich­te, die älter ist als das 1. Buch Mose, besingt der Psal­mist, wie die Gott­heit selbst in Licht geklei­det erscheint: “HERR, mein Gott, wie groß bist du! geklei­det in Majes­tät und Herr­lich­keit, ein­ge­hüllt in ein Gewand aus Licht!“ (Ps 104: If). Das Wort ‚Herr­lich­keit‘ steht für Licht, Glanz und Pracht, und Gott wird als ‚König der Herr­lich­keit‘ bezeich­net, der den gött­li­chen Glanz in die Schöp­fung aus­ge­gos­sen hat. ‚Die Him­mel ver­kün­den die Herr­lich­keit Got­tes, und das Fir­ma­ment ver­kün­det sein Werk‘ (Ps 19:1). (…)

Weis­heit wird in der jüdi­schen Bibel als „Licht­re­flex, makel­lo­ser Spie­gel des Wir­kens Got­tes“ und als „Abbild sei­ner Güte“ bezeich­net. In den Evan­ge­li­en wird Jesus als fleisch­ge­wor­de­ne Weis­heit dar­ge­stellt, als Weis­heit, die unter uns Fleisch gewor­den ist und in die Geschich­te ein­ge­tre­ten ist. Im Johan­nes­evan­ge­li­um heißt es: „Das Wort war das wah­re Licht, das alle Men­schen erleuch­tet; und er kam in die Welt“ (Joh 1,9). Und Chris­tus soll gesagt haben: „Solan­ge ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“ (Joh 9,5). Und wei­ter: ‚Alles, was gewor­den ist, hat das Leben in sich, und das Leben war das Licht der Men­schen, ein Licht, das in der Dun­kel­heit leuch­tet, ein Licht, das die Dun­kel­heit nicht über­win­den konn­te‘ (Joh 1,4f ).

Im Tho­mas­evan­ge­li­um sagt Jesus: „Wenn sie zu dir sagen: ‚Woher kommst du?‘, dann sag zu ihnen: ‘Wir kom­men von dort, wo das Licht ist, wo das Licht von selbst war. Es stand kühn da und offen­bar­te sich in ihrem Bild.“

Pau­lus bezeich­net den auf­er­stan­de­nen Chris­tus als „Herr der Herr­lich­keit“ und sagt: „Wir alle spie­geln mit unver­hüll­tem Ange­sicht die Herr­lich­keit des Herrn wider und wer­den so in sein eige­nes Bild ver­wan­delt, von Herr­lich­keit zu Herr­lich­keit, durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,18).

Wir alle ver­kör­pern daher das Licht Chris­ti und sind ein­ge­la­den, ande­re Chris­tus­se zu sein.

Christ­li­che Mys­ti­ker fei­ern Chris­tus als Licht in der gesam­ten Schöp­fung und in uns.

Fox schil­dert anschlies­send, welch zen­tra­le Bedeu­tung “Licht” in den Schrif­ten Meis­ter Eck­harts, Hil­de­gard von Bin­gens und Tho­mas von Aquins inne­hat, aber auch in der kel­ti­schen Spi­ri­tua­li­tät, im alten Ägyp­ten, in der Bha­ga­vad Gita.

Doch wir wen­den uns in der nächs­ten Fol­ge am kom­men­den Do, den 10. Okto­ber sei­ner Defi­ni­ti­on des “Anti­christ” zu.

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Mattiello am Mittwoch 24/40
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