Ian Ste­ven­son forsch­te auch in Euro­pa — aller­dings weni­ger sys­te­ma­tisch und inten­siv. Hier die Schil­de­rung eines Fal­les aus Por­tu­gal.
Anläss­lich eines Vor­trags in Lis­sa­bon 1997 wur­de Ste­ven­son mit Alfon­so Lopes und des­sen Mut­ter bekannt gemacht. Lopes kam 1962 als vier­tes Kind nach den drei Geschwis­tern Mar­ta, Ange­li­na und Augus­ta auf die Welt. Ange­li­na war 1960 bei einem tra­gi­schen Auto­un­fall ums Leben gekom­men.

Mit etwa einem Jahr begann Alfon­so deut­lich zu spre­chen. Als er etwa andert­halb Jah­re alt war, sag­te er zu sei­ner Mut­ter: „Lie­be Mut­ter.“ Dies hat­te für Irma Lopes eine beson­de­re Bedeu­tung, weil ihre ver­stor­be­ne Toch­ter, Ange­li­na, sie so ange­spro­chen hat­te, die ande­ren Töch­ter jedoch nicht. Danach – im Alter zwi­schen zwei und sie­ben Jah­ren – mach­te Alfon­so neun Aus­sa­gen über das Leben von Ange­li­na, in denen er sich auf Gegen­stän­de oder Ereig­nis­se bezog, über die er offen­sicht­lich kein nor­ma­les Wis­sen besit­zen konn­te. Er zeig­te auch eini­ge unge­wöhn­li­che Ver­hal­tens­wei­sen, die aller­dings mit sei­nen Aus­sa­gen über­ein­zu­stim­men schie­nen. (…)

Ange­li­nas Tod traf Irma Lopes zutiefst. Sie war untröst­lich und wein­te viel. Vor­her war sie eine from­me Katho­li­kin gewe­sen, doch nun begann sie, an der Exis­tenz Got­tes zu zwei­feln. … In ihrer Ver­zweif­lung bat sie Gott, ihr zu hel­fen zu ver­ste­hen, wie etwas so Schreck­li­ches – dass der Tod ihr die Töch­ter ent­ris­sen hat­te – gesche­hen konn­te.
Etwa sechs Mona­te nach Ange­li­nas Tod mach­te eine Freun­din Irma mit Fran­scis­co Mar­ques Rodri­gues bekannt. Er war Rosen­kreu­zer und ein wei­ser Mann, dem unge­wöhn­li­ches Wis­sen und eini­ge para­nor­ma­le Kräf­te nach­ge­sagt wur­den. Men­schen, die von ihm wuss­ten, kon­sul­tier­ten ihn bei per­sön­li­chen Schwie­rig­kei­ten und fan­den immer Zuspruch in dem, was er sag­te. Nie­mals ver­lang­te er eine Gebühr für sei­ne Bera­tung. Irma Lopes riet er, ein wei­te­res Kind zu bekom­men. Ihre Toch­ter wer­de in zwei Jah­ren wie­der­keh­ren. Die Vor­stel­lung, dass ein ver­stor­be­nes Kind wie­der­ge­bo­ren wür­de, war Irmas reli­giö­sem Den­ken fremd und ver­wirr­te sie. Gleich­wohl such­te sie Fran­cis­co Mar­ques Rodri­gues auch wei­ter­hin auf – und er riet ihr wei­ter, sich auf die Wie­der­kehr ihrer Toch­ter – viel­leicht in einem ande­ren Geschlecht – vor­zu­be­rei­ten.
Ende 1961 wur­de Irma Lopes wie­der schwan­ger. Als sie das nächs­te Mal Fran­cis­co Mar­ques Rodri­gues auf­such­te, öff­ne­te die­ser die Tür und sag­te lächelnd: „Ich habe Sie erwar­tet. Ich habe die guten Neu­ig­kei­ten erwar­tet.“ Irma Lopes äußer­te Befürch­tun­gen über die Zukunft, doch er stell­te ihre Zuver­sicht wie­der her, und sie ging mit neu­er Hoff­nung und gro­ßer Freu­de über die Aus­sicht auf ein wei­te­res Kind nach Hau­se. Im sieb­ten Monat ihrer Schwan­ger­schaft träum­te Irma Lopes von Ange­li­na, die ihr irgend­wie zu ver­ste­hen gab, dass ihr Baby ein Jun­ge sein wer­de. Als sie erwach­te, teil­te sie ihrem Mann mit, dass sie einen Jun­gen bekom­men wür­den. Ansons­ten war ihre Schwan­ger­schaft mit Alfon­so unauf­fäl­lig.

Hier ein paar Bei­spie­le, die eine Reinkar­na­ti­on Ange­li­nas als Alfon­so nahe legen:
Als Alfon­so etwa andert­halb Jah­re alt war, saß er auf dem Schoß sei­ner Mut­ter und sah fern. Auf dem Bild­schirm war ein Last­wa­gen zu sehen und dann ein Jun­ge, der über die Stra­ße rann­te. Alfon­so schloss die Augen vor die­ser Sze­ne und fing an zu schrei­en: „Nein, nein, nein!“ Alfon­so fing damals gera­de an zu spre­chen. Er hat­te nicht das Voka­bu­lar, um mehr zu sagen. Er wein­te nicht, er schrie nur. Irma Lopes deu­te­te die­se uner­war­te­te Reak­ti­on Alfon­sos als Hin­weis auf Ange­li­nas töd­li­chen Unfall.
Als Alfon­so etwa zwei Jah­re alt war, schlang er fest die Arme um sei­ne Mut­ter und – obwohl er immer noch nicht gut spre­chen konn­te – sag­te zu ihr: „Lie­be Mut­ter, du hast so viel geweint, so viel geweint.“
Als Alfon­so etwa drei Jah­re alt war, beglei­te­te er sei­ne Mut­ter zu der Schu­le, die eine sei­ner Schwes­tern besuch­te. Sie brach­te ihrer Toch­ter etwas zu essen. Irma Lopes und Alfon­so waren an der Stra­ße in der Nähe der Schu­le, als eine Auto­hu­pe zu hören war. Plötz­lich riss sich Alfon­so von sei­ner Mut­ter los und rann­te über die Stra­ße zu sei­ner Schwes­ter, die dort war­te­te. Irma Lopes erschrak so, dass sie die Augen schloss, um nicht zuzu­se­hen. Der Wagen fuhr rasch und nahe an ihnen vor­bei, ohne jedoch Alfon­so zu berüh­ren. Irma Lopes war sehr auf­ge­regt, doch Alfon­so sag­te zu ihr: „Wei­ne nicht, Mama. Es war wie­der das Auto, weißt du.“ Auf dem Weg nach Hau­se wie­der­hol­te er die­sen glei­chen Satz und füg­te hin­zu: „Es war das Auto, lie­be Mut­ter; du hast so viel geweint und du wür­dest wie­der viel wei­nen.“
Als Alfon­so vier Jah­re alt war, kam ein Paar, das frü­her in der Nach­bar­schaft leb­te, als die Fami­lie Lopes in Lou­res wohn­te, zu Besuch; sie brach­ten ihren Sohn Hernani mit. Wäh­rend die Erwach­se­nen sich unter­hiel­ten, frag­te Alfon­so Hernani: „Hast du noch das Holz­pferd?“ Hernani frag­te sei­ne Mut­ter, ob sie das Holz­pferd noch behal­ten hät­ten. Sie ant­wor­te­te: „Nein, das habe ich Ana gege­ben.“ Da sag­te Alfon­so: „O ja, Anin­ha und ihrem klei­nen Sohn.“ Ange­li­na hat­te frü­her mit Hernani gespielt, und sie spiel­ten auch gemein­sam mit Hern­anis Holz­pferd. Anin­has (Ana) war eine Haus­an­ge­stell­te, die für die Lopes-Fami­lie und ihre Nach­barn gear­bei­tet hat­te. Ange­li­na hat­te sie sehr gemocht.
Als Alfon­so noch nicht ganz sechs Jah­re alt war und noch nicht zur Schu­le ging, kam er in die Küche, wo sei­ne Mut­ter das Früh­stück berei­te­te. Er bemerk­te eine rot­ka­rier­te Ser­vi­et­te auf dem Tisch und sag­te: „Schau, Mama, die Ser­vi­et­te, die ich immer mit mei­nem Essen in die Schu­le mit­nahm. Ich wer­de sie wie­der neh­men, wenn ich auf die Schu­le kom­me, nicht wahr?“ Als Ange­li­na zur Schu­le ging, hat­te Irma manch­mal ein Schul­brot für sie berei­tet, das sie am Nach­mit­tag ver­zeh­ren konn­te. Als Ver­pa­ckung dien­te die rot­ka­rier­te Ser­vi­et­te. (Ihr Mit­tag­essen bekam sie zu Hau­se.)
Weni­ge Tage spä­ter begann Alfon­so, die Schu­le zu besu­chen. Nach eini­gen Mona­ten teil­te er sei­ner Mut­ter mit, dass sei­ne Leh­re­rin sie zu spre­chen wün­sche. Mit eini­gem Zagen ging Irma Lopes zur Schu­le, wo die Leh­re­rin ihr erklär­te, dass Alfon­so behaup­te, ein Mäd­chen zu sein. Sie riet Irma, mit ihm zum Arzt zu gehen. Die Leh­re­rin erzähl­te Irma auch, dass Alfon­so in Bezug auf sich selbst femi­ni­ne Wort­for­men gebrauch­te. (Das Por­tu­gie­si­sche – wie auch das Fran­zö­si­sche, Hin­di, Bur­me­sisch und eini­ge ande­re Spra­chen – vari­iert den Genus bestimm­ter Wör­ter, wie selbst­be­züg­li­cher Adjek­ti­ve und Par­ti­zi­pi­en, je nach dem Geschlecht des Spre­chen­den.) Die Leh­re­rin pfleg­te Alfon­so beim Gebrauch die­ser Wort­for­men zu kor­ri­gie­ren und zu sagen: „Du bist ein Jun­ge, nicht ein Mäd­chen.“ Alfon­so beharr­te dar­auf und erklär­te: „Nein, ich bin ein Mäd­chen.“ …
Eini­ge Zeit spä­ter kehr­te Alfon­so von der Schu­le zurück und bat sei­ne Mut­ter um ein Glas. In der Annah­me, er wol­le etwas Was­ser trin­ken, sag­te sie ihm, er kön­ne sich selbst ein Glas neh­men. Alfon­so erwi­der­te: „Nein, das mei­ne ich nicht.“ Dann hol­te er ein Glas, steck­te es in einen Strumpf, nahm eine Nadel und tat so, als stopf­te er eine Lauf­ma­sche an dem Strumpf. Dabei sag­te er: „Oh, ich habe das schon so lan­ge nicht mehr gemacht.“ Als die Fami­lie in Lou­res gelebt hat­te, arbei­te­te eine von Irmas Schwä­ge­rin­nen in einer Nähe­rei, wo sie Lauf­ma­schen in Strümp­fen stopf­te. Ange­li­na ging oft zu ihrer Tan­te und tat so, als arbei­te­te sie genau wie die­se.
Im Jahr 1995, als Alfon­so drei­und­drei­ßig Jah­re alt war, frag­te Irma Lopes ihn wie­der nach Erin­ne­run­gen aus dem frü­he­ren Leben. Da erzähl­te er, dass er sich an den Tod eines Hun­des erin­ne­re, den sie gehabt hat­ten. Kor­rekt beschrieb er einen klei­nen wei­ßen Hund mit schwar­zen Fle­cken. An den Namen des Hun­des konn­te er sich nicht erin­nern. Der Hund war etwa zwei Mona­te vor Ange­li­nas Tod gestor­ben. Alfon­so hat­te ihn kor­rekt beschrie­ben.
(aus: Ian Ste­ven­son, Reinkar­na­ti­on in Euro­pa. Doku­men­tier­te Fäl­le. Aqua­ma­rin Ver­lag)

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 6. Juni

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