Posi­ti­ve Erfah­run­gen mit der Tech­nik, in Trance trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen aus frü­he­ren Leben in das Bewusst­sein sei­ner Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten zu brin­gen, brach­ten Dr. Whit­ton dazu, sie wei­ter zu ver­tie­fen, denn sie führ­te oft
zu einer schnel­len und dra­ma­ti­schen Hei­lung, die er selbst nicht voll­stän­dig erklä­ren konn­te. Eini­ge schwe­re psy­chi­sche und phy­si­sche Stö­run­gen ver­schwan­den ein­fach, als erschre­cken­de und ver­stö­ren­de Erin­ne­run­gen durch Selbst­ver­ständ­nis eine beru­hi­gen­de, befrei­en­de Wir­kung ent­fal­te­ten. Ande­re Pati­en­ten wur­den nach und nach von ihren Krank­hei­ten und psy­chi­schen Pro­ble­men befreit, je mehr sie mit Erfah­run­gen aus frü­he­ren Leben und Zwi­schen­le­ben in Kon­takt kamen. Gele­gent­lich wand­ten sich Men­schen an Dr. Whit­ton, nach­dem sie ver­geb­lich von einer Kli­nik zur nächs­ten gewan­dert waren. Sie berich­te­ten, dass die Behand­lun­gen unzäh­li­ger Ärz­te kei­ne nen­nens­wer­te Bes­se­rung ihrer Beschwer­den gebracht hat­ten, die von behin­dern­den Pho­bien bis hin zu unheil­ba­ren Krank­hei­ten reich­ten. Da die Rück­füh­rung in ver­gan­ge­ne Leben manch­mal dort wirk­te, wo die Schul­me­di­zin ver­sagt hat­te, wur­de Dr. Whit­ton als „Dok­tor für hoff­nungs­lo­se Fäl­le” bezeich­net.

Was genau geschieht bei einer sol­chen Rück­füh­rung?
Sobald der hyp­no­ti­sier­te Pro­band in ein ande­res Leben geführt wird, nimmt er eine ande­re Per­sön­lich­keit an und erkennt einen ande­ren Kör­per, wäh­rend er sich bewusst ist, dass er mit die­sem ande­ren Selbst die­sel­be grund­le­gen­de Iden­ti­tät teilt.

Ein Wech­sel des Geschlechts und der eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit ist an der Tages­ord­nung. Die Per­sön­lich­keit aus dem frü­he­ren Leben kann zu jedem Zeit­punkt zwi­schen ihrer Geburt und ihrem Tod geführt wer­den und spricht oft frei über die Erfah­run­gen die­ses Lebens, wobei ihre Stim­me ihr Alter, ihr Geschlecht, ihre Kul­tur, ihre Spra­che, ihren Cha­rak­ter und ihre his­to­ri­sche Ein­ord­nung wider­spie­gelt. Wenn der Vor­rat an emo­tio­nal bedeut­sa­men Erin­ne­run­gen aus die­sem Leben erschöpft ist, kann Dr. Whit­ton beschlie­ßen, sei­ne Per­son in eine noch frü­he­re Exis­tenz zu ver­set­zen. Die Per­son in Trance ruft dann einen wei­te­ren Able­ger der Kern­iden­ti­tät her­vor – eine wei­te­re ein­zig­ar­ti­ge Per­sön­lich­keit, die mit einer völ­lig ande­ren Exis­tenz ringt. Nach der Rück­kehr ins nor­ma­le Bewusst­sein wer­den die Pro­ban­den immer gebe­ten, ein Tage­buch über ihre Tran­ce­er­leb­nis­se zu füh­ren, um die Essenz ihrer emo­tio­na­len Zustän­de in frü­he­ren Inkar­na­tio­nen fest­zu­hal­ten und zu bewah­ren.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Schritt für eine effi­zi­en­te The­ra­pie war sei­ne Ent­de­ckung, dass er sei­ne Pro­ban­den auch in die Pha­se zwi­schen zwei Inkar­na­tio­nen füh­ren konn­te:
Indem er sei­ne Pro­ban­den wie­der­holt in “die Lee­re” zwi­schen den Inkar­na­tio­nen ver­setz­te, erfuhr er, dass das mensch­li­che Bewusst­sein im Zwi­schen­le­ben einen weit­aus höhe­ren Grad erreicht als bei der Rück­füh­rung in eine frü­he­re Pha­se die­ses Lebens oder in ein frü­he­res Leben. Die­ses Bewusst­sein, das weit über unse­re irdi­sche Vor­stel­lung von Rea­li­tät hin­aus­geht, ermög­licht es den Men­schen, ihr Leben aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve zu betrach­ten. Im Zustand zwi­schen den Leben wer­den all­täg­li­che Vor­stel­lun­gen von Moral erwei­tert und visio­nä­re Ein­bli­cke in den Sinn und Zweck der mensch­li­chen Exis­tenz gewährt. Dr. Whit­ton hat einen Namen für die­sen außer­ge­wöhn­li­chen Wahr­neh­mungs­zu­stand: Meta­be­wusst­sein. … ein äußerst para­do­xer Zustand des Erin­ne­rungs­be­wusst­seins, in dem der Wahr­neh­men­de jeg­li­ches Gefühl für sei­ne per­sön­li­che Iden­ti­tät ver­liert, indem er mit der Exis­tenz selbst ver­schmilzt, um dann ein inten­si­ve­res Selbst­be­wusst­sein als je zuvor zu erlan­gen. Das Meta­be­wusst­sein – die direk­te Erin­ne­rung an das Zwi­schen­le­ben – zu erfah­ren, bedeu­tet, über die drei­di­men­sio­na­le Rea­li­tät hin­aus­zu­ge­lan­gen, um den Sinn des eige­nen Daseins und die Natur des per­sön­li­chen kar­mi­schen Enga­ge­ments zu erken­nen. Die­se ande­re Welt ist so radi­kal anders, dass Spra­che nicht als Ver­mitt­ler fun­gie­ren kann und selbst Sym­bo­le ihr Wesen nicht erfas­sen kön­nen.

Wäh­rend wir uns im Wes­ten heu­te durch die Ent­wick­lung zu einem zutiefst mate­ri­el­len Welt­bild in den letz­ten Jahr­hun­der­ten mit einer sol­chen Vor­stel­lung — wenn über­haupt —  nur lang­sam ver­traut machen, gehört sie bei­spiels­wei­se im tibe­ti­schen Bud­dhis­mus zur grund­le­gen­den reli­giö­sen Tra­di­ti­on:
Mit einem ein­zi­gen Wort beschwo­ren die alten Tibe­ter ein prä­zi­ses Bild vom Leben zwi­schen den Leben. Die­ses Wort ist „Bar­do“, was wört­lich „der Raum zwi­schen den Inseln“ bedeu­tet, ein Raum, der vol­ler Ereig­nis­se von gro­ßer Bedeu­tung für die See­le ist, die die Iso­la­ti­on des Kör­pers ver­lässt. Das Bar­do Thödol, im Wes­ten bes­ser bekannt als das Tibe­ti­sche Toten­buch, ist eine Beschrei­bung aus dem 8. Jahr­hun­dert der Bewusst­seins­ebe­ne zwi­schen den irdi­schen Inkar­na­tio­nen, auf der das mensch­li­che Wesen, nach­dem es die Schwel­le des Todes über­schrit­ten hat, eine ent­kör­per­lich­te Erfah­rung nach der ande­ren macht. Das Buch, das aus den außer­kör­per­li­chen Rei­sen vie­ler Gene­ra­tio­nen zusam­men­ge­stellt und zusam­men­ge­fasst wur­de, wird noch immer Ster­ben­den und Ver­stor­be­nen vor­ge­le­sen, in der Hoff­nung, die befrei­te See­le durch die „gefähr­li­chen Fall­stri­cke“ des Bar­do zu lot­sen und ihr die Not­wen­dig­keit einer Wie­der­ge­burt zu erspa­ren.

Ähn­li­che Vor­stel­lun­gen fin­den sich aber auch in ande­ren tra­di­tio­nel­len Kul­tu­ren, von den alten Ägyp­tern bis zu den aus­tra­li­schen Abori­gi­nes.
Die Men­schen der Anti­ke wuss­ten, was der moder­ne Mensch gera­de erst zu begrei­fen beginnt: dass das Leben zwi­schen den Leben unse­re natür­li­che Hei­mat ist, von der aus wir uns auf beschwer­li­che Rei­sen in die phy­si­sche Ver­kör­pe­rung bege­ben. Man­ly P. Hall ver­gleicht in „Death to Rebirth“ die Erfah­rung der Inkar­na­ti­on mit einem Tau­cher in einem Tau­cher­an­zug, der das Licht und die fri­sche Luft, in denen er sich wohl­fühlt, ver­lässt und sich an einer Ret­tungs­lei­ne auf den Grund des Mee­res hin­ab­seilt …

… Der schwe­re Tau­cher­an­zug ist der phy­si­sche Kör­per und das Meer der Oze­an des Lebens. Bei der Geburt zieht der Mensch den Tau­cher­an­zug an, aber sein Geist ist immer durch eine Lei­ne mit dem Licht oben ver­bun­den. Der Mensch taucht in die Tie­fen des Mee­res der Trau­er und Sterb­lich­keit hin­ab, um dort die ver­bor­ge­nen Schät­ze der Weis­heit zu fin­den, denn Erfah­rung und Ver­ständ­nis sind kost­ba­re Per­len, und um sie zu erlan­gen, muss der Mensch alles ertra­gen. Wenn der Schatz gefun­den ist oder sei­ne Arbeits­zeit vor­bei ist, wird er wie­der ins Boot gezo­gen, legt sei­ne schwe­re Rüs­tung ab, atmet die fri­sche Luft und fühlt sich wie­der frei. Wei­se Men­schen erken­nen, dass die­ses Ereig­nis, das wir Leben nen­nen, nur eine Rei­se zum Grund des Mee­res ist; dass wir schon vie­le Male zuvor dort waren und noch vie­le Male hin­ab­stei­gen müs­sen, bevor wir den Schatz fin­den. (…)

Pla­ton erzählt im zehn­ten Buch der Repu­blik den selt­sa­men Mythos von Er dem Pam­phy­lier, der zwölf Tage nach sei­ner Tötung in der Schlacht auf einem Schei­ter­hau­fen wie­der zum Leben erwacht. Dort sprach er anschau­lich über das Leben zwi­schen den Leben und erzähl­te, wie jede See­le die Mög­lich­keit erhielt, die Form ihrer nächs­ten Inkar­na­ti­on zu wäh­len. Nach­dem die­se Wahl getrof­fen war, tran­ken die See­len aus dem Fluss der Ver­ges­sen­heit, um alle bewuss­ten Erin­ne­run­gen aus­zu­lö­schen, bevor sie wie­der in einen phy­si­schen Kör­per ein­tra­ten. Die­se erzwun­ge­ne Ver­ges­sen­heit vor der Wie­der­ge­burt ist ein immer wie­der­keh­ren­des The­ma in reli­giö­sen Tra­di­tio­nen, vom chi­ne­si­schen Bud­dhis­mus bis zum eso­te­ri­schen Chris­ten­tum. Nach den hebräi­schen Kab­ba­lis­ten ruft der Nach­ten­gel Laye­la die Amne­sie her­bei, indem er der schwe­ben­den See­le leicht auf die Nase kneift und gleich­zei­tig leich­ten Druck auf die Ober­lip­pe aus­übt. So heißt es, dass wir alle das Zei­chen des Engels­fin­gers auf unse­ren Lip­pen tra­gen. In bibli­schen und mytho­lo­gi­schen Schrif­ten wer­den wei­te­re gemein­sa­me Merk­ma­le des Zustands zwi­schen den Leben beschrie­ben, dar­un­ter ein Gefühl der Zeit­lo­sig­keit, das eksta­ti­sche Ein­drin­gen eines über­wäl­ti­gend hel­len Lichts, ein pan­o­r­ami­scher Rück­blick auf das gera­de ver­gan­ge­ne Leben und das Urteil der See­le, das in der Regel von drei wei­sen Gestal­ten beglei­tet wird. (…)

Der welt­weit bekann­tes­te For­scher auf dem Gebiet der Reinkar­na­ti­on, Dr. Ian Ste­ven­son, bezeich­net das Leben zwi­schen den Leben als „ein The­ma, das welt­weit außer­or­dent­li­ches Inter­es­se weckt“. Die mit Abstand höchs­te Häu­fig­keit von soge­nann­ten „Inter­mis­si­on Memo­ries“ (Erin­ne­run­gen an die Zeit zwi­schen zwei Leben) fand Dr. Ste­ven­son in Thai­land, wo vie­le Pro­ban­den berich­te­ten, sie hät­ten nach ihrem Tod ihren phy­si­schen Kör­per gese­hen und ihre eige­ne Beer­di­gung beob­ach­tet. Vie­le beschrie­ben auch, dass sie in der nächs­ten Welt von einem „Mann in Weiß“ begrüßt und vor ihrer Wie­der­ge­burt mit der „Frucht des Ver­ges­sens“ beschenkt wur­den. Der Ver­zehr die­ser Frucht löscht die Erin­ne­run­gen an das vor­he­ri­ge Leben, und meh­re­re Pro­ban­den gaben an, dass ihre Erin­ne­run­gen an ver­gan­ge­ne Leben nur des­halb erhal­ten geblie­ben sei­en, weil sie dem ver­lo­cken­den Ange­bot wider­stan­den hät­ten. (…)

Die­je­ni­gen, die per­sön­li­che Beob­ach­tun­gen über ein Leben zwi­schen den Leben berich­tet haben, las­sen sich mit den See­fah­rern von einst ver­glei­chen, die von einer lan­gen Rei­se in den Süden mit einer absur­den Geschich­te von der Son­ne, die im Nor­den scheint, zurück­kehr­ten. Ihre Aus­sa­gen wur­den von den Daheim­ge­blie­be­nen ange­zwei­felt, weil sie im Wider­spruch zur euro­päi­schen Erfah­rung des Son­nen­laufs stan­den und der Ver­nunft und Logik der dama­li­gen Zeit wider­spra­chen. Sich ins Unbe­kann­te zu wagen, bedeu­tet oft, Erfah­run­gen zu machen, die das zeit­ge­nös­si­sche Wis­sen in Fra­ge stel­len.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 8. August

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