Im Oktober 1983 wurde Manès Sperber der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Die Laudatio
hielt der Schriftsteller Siegfried Lenz, der sich Sperber dank seines eigenen Werdegangs politisch verbunden fühlte und 1980 das Buch “Gespräche mit Manès Sperber und Leszek Kolakowski” publiziert hatte. Da der Preisträger inzwischen
schwer erkrankt war, wurde dessen Rede von Alfred Grosser, dem mit Sperber befreundeten französischen Publizisten und Politikwissenschaftler vorgetragen.
Wie tief Siegfried Lenz Leben und Werk von Manès Sperber und dessen innnersten Antrieb verstanden hat, zeigt sich schon in seinen einleitenden Worten:
Es fällt mir schwer, ein Bild zu vergessen, ein für sich sprechendes, ein lebenserhellendes Bild: Ein kleiner Junge, mit Kieselsteinen bewaffnet, steht auf dem Dach einer Scheune, er nimmt Maß und wirft Stein für Stein gegen den Himmel, erbittert, fordernd und schließlich enttäuscht darüber, daß keines seiner Wurfgeschosse das Ziel erreicht. Gott öffnet keine Klappe, wie der Junge es erwartet, er droht nicht von oben, er empört sich nicht über das ungehörige Bombardement, er läßt sich nicht herausfordern. Traurig, ohne seine Wünsche und seine Weltbeschwerden an die höchste Adresse gebracht zu haben, steigt der Junge wieder herab, vermutlich einig mit sich, daß er diese Aktion bei nächster Gelegenheit wiederholen wird, und nicht nur bei nächster Gelegenheit, sondern, wenn es sein muß, ein Leben lang.
Sie, lieber Manès Sperber, waren einmal dieser Junge, der kühn kalkulierte, daß man auf dem Scheunendach dem Himmel ein erhebliches Stück näher ist und daß man notfalls Gott verstimmen müsse, um bei ihm Gehör zu finden. Für die Audienz jedenfalls, die mit Hilfe von Kieselsteinen beschleunigt zustande kommen sollte, hatte der junge Manès schwerwiegende Gründe: Nichts weniger lag ihm am Herzen, als Gott an sein Versprechen zu erinnern, den Messias zu schicken, endlich. Begabt mit aller erdenkbaren Empfindsamkeit, hielt der Junge den ersehnten Augenblick für gekommen, die Situation der Welt war reif, seiner Ansicht nach, sie rechtfertigte vollauf die Einlösung des Versprechens, und so nahm er sich den Mut zur Mahnung. Nicht Empörung stimulierte sein einstweiliges Handeln, nicht Auflehnung, nicht formulierte Anklage, sondern Sehnsucht: Es muß anders werden, so kann es nicht bleiben.
Dort in Zablotow, in dem ostgalizischen “Städtel«, in einer verlorenen »Civitas Dei«, die geprägt war von Gesetzestreue und Hunger, von Heilserwartung und Häßlichkeit, nahm ein Junge seine Zuflucht zum Handeln, weil er »die Herrschaft der fehlenden Dinge« nicht mehr ertrug. Unterwandert vom Zweifel am religiösen Gesetz, setzte er sich über rituelle Tabus hinweg, er tat es nicht den »permanenten Betern« gleich, die umfassenden Trost in blühender chassidischer Weisheit fanden; seine Antwort an das früh begriffene Unglück der Diaspora war die phantasievolle Aktion. Handeln für ein definierbares, wenn auch kaum erreichbares Ziel: Dies bestimmt den Schriftsteller, den Psychologen, den Menschen Manès Sperber; in der revolutionären Aktion fand er sein Metier, erkannte er das Mittel, das geeignet war, die Verhältnisse zum Wünschenswerten hin zu verändern.
Was dem Handeln zugrunde liegt, was die Aktion als unvermeidlich erscheinen läßt, sind häufig die gleichen Erfahrungen und Erkenntnisse; als klassische Forderung ausgedrückt, heißen sie: mehr Brot, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit. Handeln im Sperberschen Sinne ist, wenn ich ihn richtig verstanden habe, vornehmlich ein stellvertretendes Handeln: Angesichts fremder Not, als Zeuge von Hunger und Demütigung und endloser Verzweiflung, entscheidet sich der einzelne zur Tat, freilich in der Rolle eines Delegierten, der weder gequält noch ausdrücklich beauftragt ist. Wer sich, von Ungeduld überwältigt, für die revolutionäre Aktion entscheidet, muß diese Spannung ertragen lernen: Er spricht und handelt für Menschen, die ihn vielleicht insgeheim herbeigewünscht, doch mit einem Mandat nicht betraut haben. Hierin liegt das traditionelle Risiko des Revolutionärs, liegt aber auch eine Wurzel seiner späten Melancholie.
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 11. April
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