Nach einer ein­mo­na­ti­gen Pau­se nimmt der bisfaelder.li-Schreiberling die Manès Sper­ber-Serie wie­der auf, und zwar mit dem magi­schen Jahr 1968, — über lan­ge Zeit Sym­bol für den poli­ti­schen Auf­bruch aus ver­krus­te­ten gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren (“Unter den Tala­ren muff von tau­send Jah­ren”), inzwi­schen aber vor allem Prü­gel­the­ma von rech­ter Sei­te: 1968 als der Beginn der gesell­schaft­li­chen Zer­set­zung ..

1968 war der Schrei­ber­ling Stu­dio­sus an der Bas­ler Uni­ver­si­tät, und da ging es im Phil. I‑Bereich ziem­lich hoch her: Vor­le­sungs- und Semi­nar­boy­kot­te, revo­lu­tio­nä­re Gegen­se­mi­na­re, Ho Chi Minh-Fly­er und Mao Tse Tungs rotes Büch­lein in den Lese­räu­men. Der Schrei­ber­ling stand damals die­ser poli­ti­schen Auf­bruch­stim­mung kri­tisch gegen­über. Als Wil­helm-Reich Fan war ihm bekannt, dass die­ser gros­se ehe­ma­li­ge Freud-Schü­ler von den Kom­mu­nis­ten ver­folgt wor­den war, und er wuss­te von der ableh­nen­den Hal­tung des Bas­ler Anar­chis­ten Hei­ner Koech­lin.

Auch Manès Sper­ber konn­te mit der revo­lu­tio­nä­ren Stu­den­ten­be­we­gung in Paris nicht viel anfan­gen, ja er lehn­te sie lan­ge Zeit radi­kal ab, bevor er spä­ter eine ver­söhn­li­che­re Hal­tung ein­nahm:
Hier tauch­te für Sper­ber — wenn auch in einer spe­zi­el­len Schat­tie­rung — das Tota­li­tä­re plötz­lich an den Uni­ver­si­tä­ten und in der Jugend der euro­päi­schen Metro­po­len auf. Trotz eines jahr­zehn­te­lan­gen auf­klä­re­ri­schen Enga­ge­ments von vie­len und trotz der schreck­lichs­ten Erfah­run­gen der vor­aus­ge­hen­den Gene­ra­ti­on mit tota­li­tä­ren Regi­men schick­te sich die­se Jugend an, die glei­chen Feh­ler zu bege­hen, die er began­gen hat­te und die ihn an der tota­li­tä­ren Kata­stro­phe die­ses Jahr­hun­derts hat­ten mit­ver­ant­wort­lich und mit­schul­dig wer­den las­sen. (…)
Tat­säch­lich ging es für Sper­ber aber in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der 68er-Stu­den­ten­be­we­gung um weit grund­sätz­li­che­re, ja, wenn man sei­ne Bio­gra­phie vor Augen hat, um gera­de­zu exis­ten­ti­el­le Fra­gen:  um Ideo­lo­gie, um Mei­nungs­ter­ror, um die Kom­pro­mit­tie­rung der Lin­ken und um die Schwä­che der Intel­lek­tu­el­len.
Dreis­sig Jah­re nach dem schmerz­li­chen Ein­ge­ständ­nis der eige­nen ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dung, nach dreis­sig Jah­ren Kampf  gegen Ideo­lo­gie und tota­li­tä­re Herr­schaft, sah er eine Gene­ra­ti­on jun­ger Aka­de­mi­ker und Aka­de­mi­ke­rin­nen, die sich von der­sel­ben Ideo­lo­gie, deren Hin­fäl­lig­keit die Geschich­te gemäss Sper­ber längst erwie­sen hat­te, ver­ein­nah­men liess, und die an den Uni­ver­si­tä­ten in tota­li­tä­re­rer Art alle Anders­den­ken­den zum Schwei­gen zu brin­gen ver­such­te. (Rudolf Isler, Manès Sper­ber, p. 8o/81)

Sper­ber: “Es ist auf­schluss­reich, dass kaum zwei Jahr­zehn­te nach der Nie­der­la­ge des Faschis­mus und nur ein Jahr­zehnt nach der Ent­sta­li­ni­sie­rung die ver­wöhn­tes­te Jugend der hoch­in­dus­tri­el­len Län­der ihre Nei­gung ent­deck­te, das Wis­sen zuguns­ten des Mei­nens, einer soge­nann­ten Ideo­lo­gie, radi­kal abzu­wer­ten und in Uni­ver­si­tä­ten jenen Mei­nungs­ter­ror ein­zu­füh­ren, den vor­her nur tota­li­tä­re Regime an ihren Lehr­an­stal­ten prak­ti­ziert hat­ten. ” (Essays, p. 718)

Am tiefs­ten schmerz­te ihn wohl, dass die wah­ren und wich­ti­gen Anlie­gen der Lin­ken so des­avou­iert wur­den. Was er damals aller­dings nicht sehen konn­te oder woll­te, war die Tat­sa­che, dass in der 68er-Gene­ra­ti­on auch ande­re Impul­se auf­bra­chen, die Wege aus einem erstarr­ten Mate­ria­lis­mus auf­zeig­ten: vor allem in den USA kam es zu inter­es­san­ten spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lun­gen, die spä­ter unter dem Schlag­wort “New Age” zusam­men­ge­fasst wur­den; — neue The­ra­pie­kon­zep­te wie die Bio­en­erge­tik oder neue phi­lo­so­phi­sche Ansät­ze (z.B. Frit­jof Capra, Das Tao der Phy­sik, oder Alan Watts, Die Illu­si­on des Ich).

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 4. April

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