Ein wei­te­res ein­drück­li­ches Bei­spiel für ost­jü­di­sche Schick­sa­le in den Wir­ren des 20. Jahr­hun­derts ist das Leben des jid­di­schen Schrift­stel­lers und Malers Men­del Mann. Gebo­ren 1916 in War­schau, ver­leb­te der klei­ne Men­del, wie Manès Sper­ber erzählt, offen­sicht­lich eine glück­li­che Kind­heit:
Sohn einer dörf­li­chen Fami­lie, deren Ahnen müt­ter­li­cher­seits Bau­ern und väter­li­cher­seits Sofrim (Tho­ra-Schrei­ber) waren, ver­brach­te der jun­ge Men­del sei­ne ers­ten Jah­re auf dem Lan­de in einer beglü­cken­den Ver­traut­heit mit der Natur. Auen und Wäl­der, Tei­che und Flüs­se; herbst­li­che Regen­güs­se und Schnee­ver­we­hun­gen; der Lärm der Stra­ßen und die Stil­le sel­ten betre­te­ner Pfa­de — ihre Bil­der und Töne keh­ren in Men­del Manns Isra­el-Roman “Das ver­wahr­los­te Dorf” in sei­ner Kriegs­tri­lo­gie und in den Erzäh­lun­gen wie­der, die in dem Ban­de “Das Haus in den Dor­nen” ver­ei­nigt sind. (…)

Im Jah­re 1939 schlägt sich Men­del Mann, ein Sol­dat der pol­ni­schen Armee, bis zum letz­ten Augen­blick in den Stra­ßen War­schaus. In Kriegs­ge­fan­gen­schaft gera­ten, ent­flieht er aus dem ost­preu­ßi­schen Lager, durch­quert das von den Rus­sen besetz­te Polen und fin­det schließ­lich Zuflucht in einem Kol­chos in Tien­gu­schai an der Wol­ga. Da er zu Hau­se Leh­rer war, wird er dort Schul­meis­ter; er sel­ber lernt, wie ein Bau­er zu leben. Doch im Som­mer 1941 ver­läßt er das Dorf, um als Frei­wil­li­ger gegen die Nazis zu kämp­fen. Der jun­ge Jude wird unter den ers­ten sowje­ti­schen Sol­da­ten sein, die Ber­lin erstür­men, unter jenen, die in der Haupt­stadt des Drit­ten Rei­ches auf die ver­kohl­te Lei­che Adolf Hit­lers sto­ßen.

Nach dem Krieg kehr­te er ins Dorf sei­ner Kind­heit und in das zer­stör­te War­schau zurück — als ein­zi­ger Über­le­ben­der sei­ner Fami­lie.
Und den­noch ver­such­te Men­del Mann zu blei­ben, zu wir­ken: er lei­te­te eine Schu­le für die jüdi­schen Kin­der, die man aus den Ver­ste­cken her­vor­ge­holt hat­te. Doch als ein Pogrom in der Stadt Kiel­ce aus­brach, der das Werk der Aus­rot­ter voll­enden soll­te, da wuß­te der Heim­keh­rer, daß er sei­ne Hei­mat zum zwei­ten­mal ver­lo­ren hat­te. Er ver­ließ Polen, der Bruch war unheil­bar — nie­mals wür­de er zurück­keh­ren. In einem Lager für »depla­cier­te Per­so­nen« muß­te er lan­ge war­ten, ehe das gelob­te Land sei­ner Ahnen ihm und sei­nes­glei­chen end­lich die Tore öff­nen durf­te. (…)

Nach­dem er end­lich in Isra­el gelan­det war, such­te Men­del Mann sei­ne Wohn­stät­te auf dem Lan­de; er fand sie in Jasur, einem von den Ara­bern ver­las­se­nen Dor­fe unweit von Jaf­fa. Dort arbei­te­te er schwer und müh­sam. Man muß­te die Erde wie­der urbar machen, die lieb­lo­se Erobe­rer durch vie­le Jahr­hun­der­te hat­ten brach lie­gen las­sen, bis sie ver­durs­tet war und ver­steint.

In die­ser Land­schaft, die dem Lan­de sei­ner Kind­heit so unähn­lich war wie ein frem­der Pla­net, erfuhr der Dich­ter die Schmer­zen einer zwei­ten Geburt und das sel­te­ne Glück einer Wand­lung, in der man sich selbst nicht abhan­den kommt. (…) Men­del Mann erzählt von die­sen Erleb­nis­sen wie ein Bau­er, der nach des hei­ßen Tages schwe­rer Müh­sal sei­nen Rücken an die noch war­me Mau­er sei­nes Hau­ses lehnt und im Mon­den­schei­ne wie aus dem Schla­fe singt.

Gewiß gab es paläs­ti­nen­si­sche, zio­nis­ti­sche Roma­ne, vor allem in hebräi­scher Spra­che, schon vor der Grün­dung des Staa­tes Isra­el, aber Men­del Manns Erzäh­lun­gen sind die ers­te epi­sche Gestal­tung eines Endens und Neu­be­gin­nens: der bibli­schen Begeg­nung einer Erde mit Men­schen, die im tota­li­tä­ren 20. Jahr­hun­dert, von ihrer nahen Ver­gan­gen­heit wie von einer uner­träg­li­chen Bür­de zu Boden gedrückt, sich sel­ber wie­der­fin­den in einem frem­den Lan­de, das sich stets auf sie beru­fen und ihre Rück­kehr erwar­tet hat.

1961 ging er nach Paris, wo vie­le sei­ner Wer­ke, auch dank der För­de­rung durch Manès Sper­ber, ins Fran­zö­si­sche über­setzt wur­den. Er schrieb für zahl­rei­che jid­disch­spra­chi­ge Zeit­schrif­ten und wur­de Chef­re­dak­teur der Tages­zei­tung Unzer Wort. Men­del Mann starb nach kur­zer, schwe­rer Krank­heit im Alter von 59 Jah­ren.

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 21. Febru­ar

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H.R. Schiesser (Manès-Sperber-Archiv) Antworten abbrechen